1. Bundesliga 17/18
| 07.50 Uhr

Gladbacher Schiri-Assistent Borsch
"Ich bin stolz, wenn ich meine Stadt bei der WM vertrete"

Gladbacher Schiri-Assistent Borsch: "Ich bin stolz, wenn ich meine Stadt bei der WM vertrete"
Mark Borsch bei einem Spiel an der Seitenlinie. FOTO: Imago
Mönchengladbach. Der Mönchengladbacher Mark Borsch ist als Teil des Schiedsrichter-Gespanns von Felix Brych im erweiterten Kreis für die Weltmeisterschaft in Russland. Es wäre die zweite WM-Teilnahme des 40-Jährigen.

Darüber, über den Video-Beweis und seinen Hauptjob als Polizist sprach er mit Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz.

Herr Borsch, sind Sie im Sommer als Schiedsrichter-Assistent bei der Weltmeisterschaft in Russland dabei?

Borsch Das weiß ich noch nicht. Die endgültige Entscheidung der Fifa hierzu steht noch aus. Felix Brych, in dessen Gespann ich mit Stefan Lupp bin, war in der vergangenen Woche in Katar bei einem Lehrgang. Das ist der zweite von vier Lehrgängen bis zur WM, bei den nächsten beiden im März und April sind dann auch die Assistenten wieder dabei – allerdings nur für die nominierten Teams. Wir sind das einzige deutsche Gespann, das dem erweiterten WM-Kader angehört.

Die Vorbereitung auf die mögliche WM-Teilnahme läuft aber schon?

Borsch Sie hat gleich nach der Europameisterschaft 2016 begonnen. Es gab bereits Vorbereitungslehrgänge und wir waren im Dezember bei der Klub-WM in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das war unser WM-Vorbereitungsturnier. Jedes Gespann, das zu einer WM fährt, muss ein Vorbereitungsturnier absolvieren. Wir waren ursprünglich für die U20-WM in Korea vorgesehen. Unsere Ansetzung für das Champions-League-Finale hat sich jedoch hiermit überschnitten.

Ist es bei Schiedsrichtern und Assistenten wie bei den Spielern: Wären Sie enttäuscht, wenn sie nicht nominiert werden?

Borsch Überhaupt in den engeren Kreis der Auswahl zu kommen, ist ja schon eine große Auszeichnung. Wenn es dann klappt, ist es umso schöner und eine besondere Herausforderung. Sicher würde ich anders sprechen, wenn es das erste Turnier für mich wäre. Aber ich habe ja schon einige große Turniere erlebt. Trotzdem wäre es wieder eine tolle Sache und große Ehre, wenn wir nominiert würden.

Bereit wären Sie?

Borsch Natürlich. Die körperliche Vorbereitung ist ein fortlaufender Prozess. Wer auf diesem Top-Niveau Schiedsrichter oder Assistent ist, der muss jeden Tag trainieren, sonst würde man den Belastungen von Bundesliga, Champions League oder Länderspielen nicht standhalten können. Auch auf die Regenerationszeiten muss man achten. Und mit Training ist nicht nur das physische Training gemeint.

Das klingt nach einem großen Zeitaufwand. Wie bekommen Sie das mit Ihrem Beruf als Kriminalhauptkommissar unter einen Hut? Sie haben zum Beispiel die "Ermittlungskommission Albatros" geleitet, bei der eine albanische Einbrecherbande zerschlagen wurde.

Borsch Das bekommt man nur koordiniert, wenn man eine super Frau und eine super Familie hat, die das auch mitträgt und Verständnis dafür hat, das man für beides viel Zeit investieren muss. Vor allem müssen aber auch der Dienststellenleiter und die Kollegen mitspielen, sonst geht das nicht.

Werden Sie für Ihren Nebenjob freigestellt?

Borsch Nein, das ist Zeit, die ich vor oder nacharbeite. Da ich seit 2014 in Teilzeit arbeite, bin ich in meiner Zeiteinteilung etwas flexibler.

Da sind wir in der Diskussion um die Profi-Schiedsrichter. Würde das die Sache nicht vereinfachen?

Borsch Es hätte einige Vorteile. Man könnte sich dann noch professioneller auf einige Dinge vorbereiten, könnte gleichmäßiger trainieren und hätte auch mehr Regenerationszeit. Auf jeden Fall fiele so ein Stressfaktor weg, wenn man nicht zweigleisig führe. Wir arbeiten aber schon jetzt sehr professionell.

Wäre es für Sie überhaupt ein Ziel, Profi zu sein?

Borsch Für mich ist es eine hypothetische Frage, weil ich mir mit Anfang 40 dazu keine Gedanken mehr machen muss. Bis es den Profi-Schiedsrichter in Deutschland gibt, müsste ein für alle Seiten zufriedenstellendes Arbeitskonzept erarbeitet werden.

Also für den Moment lieber die Doppelbelastung?

Borsch Ja. Auch wenn die Belastung manchmal sehr groß ist. Als Polizist und als Schiedsrichter-Assistent trage ich eine große Verantwortung – für die Sache, aber auch für die Kollegen und das Schiedsrichter-Team. Da kann es schon mal sein, dass ich von früh morgens bis abends im Büro sitze. Da kann ich nicht einfach in den Tag hineinleben, weil das Training für den Nebenjob eben nicht zu kurz kommen darf. Meine Woche ist durchgetaktet, man arbeitet auf ein Spiel hin – und muss nach dem Spiel auch auslaufen. Es ist wie bei den Spielern.

Ihr Urlaub geht für die Turniere drauf?

Borsch Urlaub, freie Tage – und manchmal spendiert der Dienstherr eine oder zwei Wochen Sonderurlaub.

Kommt das gut an?

Borsch Ob es gut ankommt oder nicht - das habe ich mir ja auch irgendwie erarbeitet. Wer mich kennt, weiß, dass ich für die Sachen, die ich mache, 100 Prozent brenne – also auch im Job. Sehen wir es mal so: Es gibt 80.000 Schiedsrichter in Deutschland, und wir wären die 3, die unseren Verband bei der WM vertreten. Dies unterstützt der Dienstherr im Rahmen seiner Möglichkeiten natürlich, ähnlich wie er es bei Sportlern aus unseren Reihen ja auch tut. Anders als diese unterliegen wir Schiedsrichter jedoch nicht dem Sportförderungsprogramm der Polizei, welches Wettkampf- und Trainingstage als Dienstzeit vorsieht, sondern gelten als Kampfrichter.

Haben der Polizei-Beruf und der Schiedsrichter/Assistenten-Job Gemeinsamkeiten? Beide sorgen ja für Recht und Ordnung.

Borsch Es gibt viele Parallelen, von der Struktur und von den Aufgaben her. Man muss Autoritätsperson sein, muss entscheidungsfreudig sein, manchmal in kurzer Zeit …

… aber bei der Polizei gibt es dabei keine Unterstützung vom Videoassistenten.

Borsch Hier gibt es aber auch die Unterstützung durch Kollegen und Kontrollinstanzen durch Vorgesetzte.

Was den Video-Assistenten angeht: Man hat das Gefühl, dass er etwas anders eingesetzt wird, als in der Hinrunde: reduzierter, mehr auf den Schiedsrichter auf dem Platz abgestimmt.

Borsch Das ist auch gut so, finde ich. Wenn man mich vor der Saison gefragt hätte, hätte ich gesagt: Der Videoschiedsrichter ist dafür da, die groben Fehlentscheidungen rauszunehmen. Es wird immer Situationen geben, über die diskutiert werden kann, die im Graubereich sind. Das ist ja das Schöne am Fußball. Aber solche Sachen, wie bei uns das Phantomtor in Hoffenheim, die sollte es nicht mehr geben.

Macht der Videoschiedsrichter den Fußball grundsätzlich gerechter?

Borsch Man sollte nicht davon ausgehen, dass es von nun an keine Entscheidungen mehr gibt, über die diskutiert werden kann. Man muss damit leben, dass niemand unfehlbar ist. Für mich ist das Wichtigste, dass die Schiedsrichter auf dem Platz eine Entscheidung treffen. Wenn man dann feststellt, es war ein grober Fehler, dann sollte jemand von außen einen Hinweis geben. Aber auch da wird es nie die die letzte Gerechtigkeit geben.

Hat man als Schiedsrichter-Assistent noch den Blick eines Fußball-Fans? Oder stellt sich die Frage nicht, weil Sie den Klub Ihrer Stadt, Borussia, ohnehin nicht leiten dürfen?

Borsch Es gilt ja die Verbandsneutralität, ich werde bei keinem Verein aus dem Fußballverband Niederrhein, dem ich als Mitglied von Grün-Weiß Holt ja angehöre, eingesetzt. Grundsätzlich ist es gut, dass man die Vereine aus der eigenen Stadt nicht pfeift, denn es würde ja immer ein Thema daraus werden. Ob das mit der Verbandsneutralität sein muss, weiß ich nicht. Spiele in Düsseldorf darf ich nicht leiten, Spiele in Köln schon, weil es ein anderer Verband ist. Das stößt nicht immer auf Verständnis.

Wäre es ein Problem für Sie, wenn Sie Borussia winken müssten?

Borsch Für mich spielt Schwarz gegen Weiß oder Grün gegen Gelb, sonst nichts. Es geht darum, das Regelwerk korrekt anzuwenden – anders geht es auch nicht, das würde sonst nicht meinen Grundsätzen entsprechen.

Kann man als Linienrichter noch echter Fan sein?

Borsch Ich freue mich noch immer über ein gutes Fußballspiel und ärgere mich über ein schlechtes. Und ich schaue mir zu Hause auch Spiele im Fernsehen an – aus Fan-Sicht, aber auch aus Assistentensicht, um gewisse Dinge zu adaptieren. Ich schaue mir Spielsysteme an, oder Verhaltensweisen von Mannschaften.

Wie viel muss man über Fußball wissen, um eine guter Schiedsrichter-Assistent sein zu können?

Borsch Man kann sich nicht einfach so in der Bundesliga an die Seitenlinie stellen, man muss ein Spiel gut vorbereiten. Das gilt für den Schiedsrichter natürlich noch mehr, als für uns Assistenten. Aber auch wir müssen wissen, wie die Abläufe bei den Teams sind. Es ist schon etwas anderes, ob Gladbach spielt oder Dortmund. Bei der Fifa und bei der Uefa gibt es mittlerweile auch Taktik-Trainer für die Schiedsrichtergespanne. Und das macht auch Sinn. Fehlentscheidungen passieren meistens nur, wenn Dinge passieren, auf die man nicht vorbereitet ist.

Ist es etwas anderes, bei einer WM an der Linie zu stehen? Oder ist ein Spiel ein Spiel?

Borsch Ein Spiel ist ein Spiel. Aber der Druck bei einer WM ist schon ein anderer. Man weiß um die Bedeutung der Spiele, um das große Medien- und Zuschauerinteresse. Da kann man schon mal weiche Knie bekommen, wenn man einläuft.

Wenn man eine WM in Brasilien erlebt hat, kann da noch was drüber gehen?

Borsch Es war natürlich ein großartiges Erlebnis: das tolle Wetter, das Land, das den Fußball total lebt, Maracana. Aber ich glaube nicht, dass Russland schlechter werden würde. Unser Vorteil wäre, dass wir durch die internationalen Spiele schon einige Stadien kennen.

Haben Sie ein Lieblingsstadion?

Borsch Nein, aber ich mag reine Fußballstadien. Da ist die Stimmung dichter. Ich brauche die Emotionen von außen sogar, das ist ein gewisses Feedback für meine Leistung. Ich habe mal ein Geisterspiel erlebt, das hatte schon etwas Surreales.

Schaut man als Linienrichter auch das Spiel?

Borsch Nein, ehrlich gesagt, ist man da so auf seinen Job fokussiert, dass man nicht alles mitbekommt.

Gibt es kognitive Trainingsinhalte?

Borsch Ja, zum Beispiel Abseitstraining am Computer mit den gegenläufigen Bewegungen. Da wird das Auge geschult und man bekommt ein Gefühl für die Situationen. Ein Meter sind 0,1 Sekunden – bei einer Abseitsentscheidung ist das ein Skandal und wird rauf und runterdebattiert. Deswegen ist es umso beachtlicher, dass wir als Assistenten eine sehr hohe Trefferquote haben.

Wird für Ihren Geschmack zu viel über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert?

Borsch Definitiv. Ich finde, man könnte Dinge auch einfach mal so stehen lassen, wie man das zum Beispiel bei verschossenen Strafstößen der Spieler auch tut.

Gibt es auch ein mentales Training für solche Fälle?

Borsch Der DFB bietet auch sportpsychologische Betreuung an, um gewisse Dinge aufzuarbeiten. Aber wir sprechen in unserem Team auch viel und arbeiten Sachen auf.

Apropos mental: Wenn Sie zur WM fahren – fühlen Sie sich dann als Repräsentant Ihrer Stadt?

Borsch Natürlich, und auch als Vertreter meines Landes. Das macht einen schon stolz, das gebe ich zu. Eine WM ist das größte Sportereignis, das schaut die ganze Welt hin, es sind Menschen von allen Kontinenten da – eine WM ist ein großes Fest.

Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz führten das Gespräch

 
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