Interview mit Lars Ricken: "Jürgen Klopp ist ein Geschenk"
VON STEPHAN SEEGER FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 18.02.2011 - 15:37Düsseldorf (RPO). Borussia Dortmund marschiert Richtung Meisterschaft. Der letzte Titelgewinn der Westfalen liegt neun Jahre zurück. Lars Ricken war damals Teil der Meisterelf, heute ist der Ex-Nationalspieler Nachwuchskoordinator beim BVB. Im Interview spricht Ricken über die Unterschiede von damals zu heute, die jungen Dortmunder Talente und die Rolle von Trainer Jürgen Klopp.
Herr Ricken, 4. Mai 2002, 17.20 Uhr. Können Sie sich daran erinnern, was Sie in diesem Moment gefühlt haben?
Lars Ricken: Ich wurde beim 2:1 gegen Werden Bremen kurz vor Schluss ausgewechselt und bin danach tanzend auf das Spielfeld gesprungen. Die Gefühle waren unbeschreiblich. Ich bin vorher schon zweimal Meister geworden und zwischendurch hatten wir schwierige Phasen, haben sogar gegen den Abstieg gespielt. Da war das Thema Meisterschaft relativ weit weg, und Leverkusen hätte ja schon ein paar Spieltage vor Schluss alles klar machen können. Dass wir es überhaupt noch geschafft haben, hat diese Meisterschaft noch unfassbarer gemacht.
Was unterscheidet den BVB 2002 vom BVB 2011?
Ricken: Damals hatten wir eine sehr teuer zusammengekaufte Mannschaft. Wenn man an Tomas Rosicky, Marcio Amoroso, Ewerthon oder Jan Koller denkt, war das letztendlich eine hochgezüchtete Truppe. Im Gegenzug dazu ist die Mannschaft von heute noch sehr jung, hat eine große Perspektive und ist hungrig auf Titel. Das ist schon ein großer Unterschied. Die Mannschaft von heute ist nicht nur erfolgreich, sondern spielt mit vielen Emotionen. Das sehen die Fans natürlich gerne.
Dortmund hat eine überragende Hinrunde gespielt. Dabei besteht die Mannschaft fast ausschließlich aus jungen Spielern. Glauben Sie, dass der BVB diese Art des Fußballs bis zum Saisonende durchhält?
Ricken: Wenn bisher noch kein Einbruch stattgefunden hat, wieso soll dann jetzt einer stattfinden? Das glaube ich nicht. Zumal die Belastung in der Hinrunde mit DFB-Pokal und Europapokal deutlich höher war. Jürgen Klopp hat sowohl im Sommer als auch im Winter darauf hingearbeitet, dass die Mannschaft dieses Tempo gehen kann. Die Konkurrenz braucht sich keinerlei Hoffnungen auf einen körperlichen Einbruch machen.
Sie sind mit 17 Jahren in den Profikader des BVB aufgestiegen, waren bis 2005 jüngster Torschütze in der Bundesliga-Geschichte. Denkt man als junger Spieler daran, was man alles falsch machen kann?
Ricken: Das ist gerade das Erfrischende an solchen Spielern wie Mario Götze oder Kevin Großkreutz. Das sind alles junge Spieler, die auch deshalb noch so unverbraucht sind, weil sie noch keine schlechte Erfahrungen wie Verletzungen oder Formtiefs gesammelt haben. Sie haben einen positiven Druck, der beflügelt.
Jürgen Klopp hat ein tolles Händchen für die jungen Spieler und versteht es, sie auf der großen Bundesliga-Bühne zu etablieren. Warum genau ist Klopp so wichtig für die Mannschaft?
Ricken: Jürgen Klopp ist für die komplette Nachwuchsabteilung ein Geschenk. Wir können jedem im Moment glaubhaft machen, dass das alleinige Kriterium dafür, ob es jemand in den Profikader schafft oder nicht, die Leistung ist. In den 90er Jahren war das für junge Spieler kaum möglich, weil nur nationale und internationale Stars verpflichtet wurden. Das ist jetzt anders. Das Wichtigste ist es, dass der Verein einen Cheftrainer hat, der Lust darauf hat, junge Spieler zu entwickeln und ins kalte Wasser zu werfen. Wenn Du einen Trainer hast, der nur nach älteren, gestandenen Bundesligaspielern ruft, nützt das natürlich alles nichts.
Wäre diese Leistung unter einem anderen Trainer auch möglich? Oder ist Klopp einfach nicht zu ersetzen?
Ricken: Was nutzt es, wenn der Verein eine Philosophie verfolgt und einen Trainer hat, der sich nicht damit identifizieren kann? Genau das kann Jürgen Klopp. Er hat zwischenzeitlich auch zweimal seinen Vertrag verlängert, obwohl er weiß, dass Borussia Dortmund finanziell immer noch nicht auf Rosen gebettet ist und keine Stars für zweistellige Millionenbeträge kaufen kann. Darauf hat er sich eingelassen und veredelt die Jungs, die aus der Jugend kommen oder in Absprache mit Sportdirektor Michael Zorc verpflichtet werden. Klopp und der BVB ist eine sehr gute Kombination.
Sie sind Nachwuchskoordinator beim BVB. Sie müssen jede Woche mit einem Lächeln aus dem Stadion gehen, wenn Sie sehen, wie die jungen Spieler wie Mario Götze, Nuri Sahin, Kevin Großkreutz oder Mats Hummels auftreten...
Ricken: Absolut! Ich bin inzwischen auch ein großer Fan dieser Mannschaft. Die Leistung der jungen Spieler ist natürlich auch eine Bestätigung für alle Jugendtrainer. Das ist extrem befriedigend für uns alle.
Können sich die Fußball-Fans auf weitere Talente aus der BVB-Jugend freuen?
Ricken: Wir haben mit Lasse Sobiech, Marco Stiepermann, Marc Hornschuh, Daniel Ginczek und Julian Koch noch fünf Spieler, die im deutschen U20- und im U21-Kader stehen. Sie werden alle früher oder später in der Bundesliga landen. Derzeit haben wir in der U19 ein paar Probleme, aber auch da gibt es das eine oder andere Talent, das den Sprung nach oben schaffen kann. Gerade im B-Jugendbereich sind wir aber extrem gut aufgestellt. Da kommt auf jeden Fall was nach.
Sie selbst waren mit 18 Jahren Deutscher Meister, mit 20 Champions-League-Sieger. Ihnen wurde eine große Karriere auch in der Nationalmannschaft vorausgesagt, am Ende kamen Sie „nur“ auf 16 Länderspiele. Was sind die Gründe dafür?
Ricken: Ich habe mein erstes Länderspiel gemacht, nachdem ich zweimal Deutscher Meister und Champions-League-Sieger geworden bin. Das hing damit zusammen, dass die jungen, talentierten Spieler in der Nationalmannschaft damals nicht unbedingt gebraucht wurden. Da standen Spieler wie Thomas Helmer, Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff oder Mehmet Scholl auf dem Platz, da brauchte man mich nicht wirklich. Danach, das muss ich auch selbstkritisch sagen, hatte ich auch nicht immer glorreiche Tage. Den Sprung in die Nationalmannschaft habe ich nie so richtig geschafft.
Haben Sie die Befürchtung, dass Ihr Schicksal auch die BVB-Youngster ereilen kann?
Ricken: Die Struktur und ein Stück weit auch die Philosophie des DFB ist heute eine andere. Wichtig ist, dass die Jungs von Verletzungen verschont bleiben. Dann haben alle die Chance, deutlich mehr als meine 16 Länderspiele zu machen.
In Shinji Kagawa fällt eine wichtige Stütze aus. Im Moment sieht es so aus, als könne die Mannschaft diesen Schlag kompensieren. Wie schwer wiegt der Ausfall wirklich?
Ricken: Shinji hat bislang eine überragende Saison gespielt. Aber ich denke, dass man das insbesondere mit Mario Götze im zentralen offensiven Mittelfeld gut kompensieren kann. Wichtig ist, dass der Junge fit bleibt. Da sollte nichts passieren. Denn die beiden zu ersetzen, wird schwierig.
Wer kann den BVB überhaupt noch stoppen? Leverkusen scheint nicht gefestigt genug zu sein, die Bayern haben großen Rückstand...
Ricken: In erster Linie können wir uns nur selber stoppen, indem wir durch den großen Punktevorsprung leichtsinnig werden. Aber Jürgen Klopp und Michael Zorc holen die Mannschaft schon wieder auf den Boden. Man muss sagen, dass die anderen da schon hinterherhecheln. Ich finde es herrlich, wie die Leverkusener und Münchner in der Winterpause den großen Angriff angekündigt haben, um uns ein bisschen nervös zu machen. Dann haben wir den Konkurrenten ganz viel genommen, in dem wir mal kurz 3:0 in Leverkusen gewonnen haben. Wenn einer nochmal den Anschluss schaffen kann, dann Leverkusen mit den wiedergenesenen Michael Ballack und Stefan Kießling. An die Bayern glaube ich nicht mehr.
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