Babbels Abrechnung mit Stuttgarts Fans: "Keiner hat aus Enkes Tod gelernt"
VON CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 07.12.2009 - 15:40Düsseldorf (RPO). Markus Babbel ist ein authentischer Typ. Was der ehemalige Trainer des VfB Stuttgart in den vergangenen Jahren gesagt hat, hatte meistens Hand und Fuß. Und so ist auch die Aussage nach seiner Entlassung nicht einfach so dahergeplappert. "Die ganze Fußball-Branche hat aus der Tragödie um Robert Enke gar nichts gelernt", sagt er.
Rückblick: Am 10. November hat Nationaltorhüter Robert Enke Selbstmord begangen. In der Nähe seines Hauses bei Hannover warf sich der 32-Jährige vor einen Zug. Er war sofort tot. Was folgte war eine Trauerfeier, wie es sie in dieser Form in Deutschland noch nie gegeben hatte. Zehntausende Fans kamen zu der öffentlichen Trauerfeier ins Stadion nach Hannover. Fußball-Profis und Nationalspieler weinten am Sarg ihres Freundes, der an Depressionen litt.
Ein Umdenken sollte stattfinden. Der Druck auf die Spieler nicht mehr so groß, das Verständnis der Fans größer werden. "Fußball ist nicht alles", sagte Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, im Rahmen der Trauerfeier – und erntete deutschlandweit viel Beifall für seine bewegende Rede und die Worte, die er wählte.
Drei Wochen später scheint von den guten Vorsätzen nichts übrig geblieben zu sein. Das zumindest sagt Markus Babbel. "Nach der Tragödie um Robert Enke haben sich viele zu Wort gemeldet und erklärt, was wir daraus alles lernen müssen", erinnerte Babbel bei seinem Abschieds als Stuttgarter Trainer. "Was am Samstag passiert ist, zeigt mir, dass das nur Heuchelei war."
Denn obwohl der Einzug ins Achtelfinale der Champions League kurz bevor steht, gehen die Stuttgarter Fans auf die Barrikaden. Aufgrund der Talfahrt in der Bundesliga (nur zwei Siege aus 15 Spielen, drittschlechtestes Team der Hinrunde) sind die Zuschauer stinksauer. Auf der Anreise zum Heimspiel gegen den VfL Bochum blockierten hunderte Fans minutenlang den Bus. Nach dem Unentschieden im Duell der Kellerkinder versammelten sich 2000 Fans vor dem Stadion, und brüllten Parolen wie "Scheiß Millionäre" und "Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot" Richtung Mannschaft.
"Wir hatten am Samstag zwei 19-Jährige auf dem Platz, die Angst hatten", sagt Babbel. "Das war zum Großteil ein Verschulden der Fans." Angreifer Julian Schieber machte gerade sein 25. Spiel in der Bundesliga, Mittelfeldspieler Sebastian Rudy, zehn Tage zuvor noch der Held wegen seines Tores in der Champions League in Glasgow, lief erst zum zehnten Mal in Deutschlands Elite-Liga auf.
"Obwohl ich schon lange im Fußballgeschäft bin, habe ich solche Szenen wie am Samstag noch nicht erlebt", sagt Babbel, Europameister 1996 und Uefa-Cup-Sieger 1996 und 2001. "Selbst die sogenannten Fußball-Millionäre haben es nicht verdient, dass ihnen ein solcher Hass und sogar Mordgesten entgegengebracht werden." Recht hat er.
Hier finden Sie Markus Babbels Abschiedsrede im Wortlaut.
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