1. Bundesliga 17/18
| 15.38 Uhr

Rauswurf in München
Klinsmann: "Es war die richtige Entscheidung"

Klinsmanns Abrechnung mit Bayern
Klinsmanns Abrechnung mit Bayern FOTO: ddp
Brühl (RPO). Mit Bayern München hat Jürgen Klinsmann knapp ein Jahr nach seiner Entlassung beim Rekordmeister seinen Frieden geschlossen, eine Rückkehr in die Bundesliga ist für ihn aber auf Jahre hinweg nicht denkbar. Den Job als Coach in München anzunehmen, wertet der ehemalige Bundestrainer auch im Nachhinein nicht als Fehler.

"Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, und es war eine wichtige Lebenserfahrung", meint Klinsmann, der bei der WM in Südafrika als RTL-Experte fungieren wird.

Jürgen Klinsmann, Sie haben die 0:1-Niederlage der deutschen Nationalelf gegen Argentinien im Stadion verfolgt. Welchen Eindruck hatten Sie von der Mannschaft?

Jürgen Klinsmann: "In dieser Phase, zwischen Bundesliga- und Europacup-Hektik und kurz bevor man in die WM-Vorbereitung geht, ist es immer schwer, Leistungen zu beurteilen. Dass zu diesem Zeitpunkt nicht alles rund läuft, ist normal. Ich sehe das Ergebnis gegen Argentinien nicht als Problem an, denn es hat keinen Einfluss auf das, was in drei Monaten bei der WM passiert. Sich mit einem der Favoriten für die WM zu messen, war nützlich, aber wichtiger ist dieser Termin als Treffpunkt der Mannschaft. Deshalb muss man so ein Spiel absolvieren, auch auf das Risiko, dass man es verliert. "

Die Schwierigkeit dieses Termins haben Sie am eigenen Leib zu spüren bekommen, als nach dem 1:4 in Italien drei Monate vor der WM 2006 von einigen Medien ihr Rücktritt gefordert wurde. Denken Sie, dass Joachim Löw nun ein ähnlicher Spießrutenlauf bevorsteht?

Klinsmann: "Nein. Es wird sicher einige geben, die kritisch damit umgehen werden, aber das wird sich schnell wieder legen. Dass es damals so eine Dynamik angenommen hat, lag vielleicht zum Teil an meiner Person, vielleicht aber auch daran, dass vor der WM im eigenen Land so ein Riesenhype geherrscht hat. Dadurch wurde alles einfach noch einmal multipliziert. Im Positiven wie im Negativen. Das Sommermärchen 2006 haben wir ja nicht alleine erzeugt. Dafür war das Land Deutschland verantwortlich, die Fans."

Haben Sie damals von Anfang an gewusst, dass Sie sich alles wieder zum Guten wenden wird?

Klinsmann: "Ich habe es vermutet, aber ich kann die Berichterstattung natürlich nicht beeinflussen. Mein Fokus war immer auf den Termin gerichtet, an dem wir uns mit dem endgültigen Kader zur WM-Vorbereitung treffen. Und ich weiß, dass das bei Jogi ähnlich ist. Im Moment läuft noch die Experimentier-Phase. Da muss man ein breites Kreuz haben. Aber Jogi hat das und er wird es durchziehen."

Glauben Sie, dass ihm das ein bisschen schwerer fallen wird nach dem Querelen um seine Vertragsverlängerung, wo gefühlt alle Seiten Schaden davongetragen haben?

Klinsmann: "Nein, das ist eher ein mediales Thema als ein internes. Wenn eine EM oder WM ansteht, ist es völlig egal, ob dein Vertrag ausläuft oder ob du danach noch vier Jahre gebunden bist. Du wirst sowieso an diesem Turnier gemessen. Und ich glaube auch nicht, dass diese Diskussion die Spieler in irgendeiner Weise beeinflusst."

Sie kennen Joachim Löw sehr gut. Glauben Sie, dass er nach der WM weitermacht?

Klinsmann: "Ich hoffe es. Wir haben vor sechs Jahren gemeinsam mit dieser Arbeit begonnen und er macht einfach einen Super-Job. Meiner Ansicht nach ist er die ideale Besetzung für diesen Posten. Er bringt alles mit, was man braucht. Er ist viel unterwegs, kommuniziert sehr viel und hat die nötige Ruhe, mit bestimmten Dingen umzugehen. Wie eben auch jetzt, wo es vielleicht etwas lauter wird."

Zu Ihrer Zeit als Nationaltrainer galt Lukas Podolski als kommender Weltstar. Nach der WM 2006 wurde er vor Cristiano Ronaldo und Lionel Messi zum besten Nachwuchsspieler des Turniers gewählt. Wenn Sie seine Entwicklung heute betrachten und sehen, was er derzeit durchmacht, tut Ihnen das aus der Ferne ein wenig weh?

Klinsmann: "Auf Lukas und einige andere junge Spieler ist nach der WM 2006 eine Menge eingestürzt. Sie wurden zu etwas gemacht, was sie gar nicht sein konnten in diesem Alter. Ich wünsche Lukas, dass er die Begleitmusik etwas runterdrehen kann. Das sind Lernprozesse, die hat er in den vergangenen dreieinhalb Jahre zur Genüge erlebt. Schon sein Wechsel zu Bayern München war problematisch. Man kann nur hoffen, dass er wieder die Stabilität und Spielfreude findet. Vielleicht ja bei der WM, denn er hat nun mal besondere Qualitäten und ist ein absoluter Turnierspieler. "

Sie sind bei dieser WM als Experte für RTL und Werbepartner eines Automobil-Unternehmens tätig. Wie gehen Sie diese Aufgabe an?

Klinsmann: "Mit viel Vorfreude. Ich habe die Möglichkeit, eine WM aus anderen Perspektiven und mit einem tollen Team zu verfolgen. Und mit wesentlich mehr Gelassenheit, als wenn du Cheftrainer bist und immer unter Vollstrom stehst. Man hat mehr Zeit und Ruhe, über den Tellerrand zu schauen. Auch die Partnerschaft mit Hyundai als einem der Hauptsponsoren des internationalen Fußballs wird mir neue Einblicke geben, auf die ich mich sehr freue."

Muss man als ehemaliger Bundestrainer besonders vorsichtig sein, wenn man die deutsche Nationalmannschaft beurteilt?

Klinsmann: "Nein, ich kann mich frei äußern. Aber es ist ohnehin nicht meine Art, jemanden schlechtzumachen. Ich weiß, dass bei einer WM immer jeder sein bestes geben wird. Alle Spieler wissen, dass die Welt auf sie schaut. Wenn jemand sein Potenzial nicht abrufen kann, gibt es immer Gründe dafür. Diese Gründe will ich versuchen, zu erklären. Aber ich gehe davon aus, dass es nie der Grund sein wird, dass jemand nicht will."

Wen sehen Sie als Favoriten auf den WM-Titel?

Klinsmann: "Am Ende schafft es die Mannschaft, der es gelingt, mit allen Störgeräuschen am besten fertigzuwerden. Deshalb haben die Engländer seit 1966 nicht mehr den Titel geholt, obwohl sie oft das Potenzial dazu hatten. Und 2006 sind Argentinien und Brasilien aus Kopfgründen frühzeitig gescheitert. Stand heute ist Spanien sicher der große Favorit. Aber wer weiß, was ist im Juni ist? Vielleicht sind Iniesta oder Torres dann nicht auf den Punkt genau fit oder es gibt Probleme im spanischen Lager. Und plötzlich stehen dann Brasilien oder Deutschland oben."

War es für Sie nie ein Thema, vielleicht doch als Trainer irgendeines Nationalteams bei dieser WM dabeizusein?

Klinsmann: "Man schließt das nie aus. Wenn sich auf einmal etwas Besonderes ergibt, kann man immer noch die Entscheidung treffen, als Trainer dabeizusein."

Was könnte denn solch ein besondere Aufgabe sein, die Sie reizen würde?

Klinsmann: "Es muss einfach passen. Man muss ein positives und wohliges Gefühl haben, wenn man eine neue Aufgabe übernimmt."

Als Sie Bayern München übernahmen, hatten Sie offenbar auch ein positives Gefühl. War es im Nachhinein ein Fehler, den Job anzutreten?

Klinsmann: "Absolut nicht. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, und es war eine wichtige Lebenserfahrung. Mit vielen positiven und einigen negativen Erlebnissen. Diese Erfahrung FC Bayern wird mir unglaublich helfen bei der nächsten Aufgabe. Wichtig ist, dass man so eine Zeit aufarbeitet und genau weiß, warum bestimmte Dinge passiert sind. Die werde ich aber nicht publik machen."

Von der anderen Seite gab es seit der Trennung vor etwa einem Jahr die eine oder andere Spitze gegen Sie. Hat Sie das geärgert oder haben Sie das nicht verfolgt?

Klinsmann: "Ich verfolge es sehr wenig. Ich weiß, warum bestimmte Dinge passiert sind und warum sie sich so entwickelt haben. Ob hier und da mal ein Kommentar kommt, ist mir vollkommen egal."

Ihre Europameister-Kollegen Matthias Sammer oder Stefan Kuntz begannen als Trainer, haben dann aber beschlossen, in anderen Funktionen mehr bewegen zu können und sind heute als DFB-Sportdirektor beziehungsweise Vorstandsboss in Kaiserslautern tätig. Sind Sie auf den Trainer-Posten festgelegt oder könnten Sie sich auch eine andere Aufgabe vorstellen?

Klinsmann: "Es ist egal, ob du als Trainer, Manager oder Vorstandschef agierst. Wichtig ist, mit welchen Leuten du zusammenarbeitest. Das Umfeld muss passen, der menschliche Umgang, dann kannst du aus jeder Rolle heraus etwas bewegen. Mir hat die Arbeit als Trainer unheimlich viel Spaß gemacht. In der Nationalmannschaft, aber auch beim FC Bayern. Das ist eine Rolle, in der ich aufgehe. Vielleicht würde ich auch als Manager oder Sportdirektor Spaß haben, das habe ich noch nicht ausprobiert. Aber ich denke eher, dass ich weiter als Trainer tätig sein werde."

Sie sind nach der Entlassung im April in München noch acht Monate in Deutschland geblieben, wohnen inzwischen aber wieder in den USA. Wird dies auch weiterhin Ihr Lebensmittelpunkt sein?

Klinsmann: "Die 18 Monate in München waren eine unheimlich schöne Erfahrung, vor allem familiär. Aber wir haben uns entschlossen, zurückzugehen, und Amerika wird in den nächsten Jahren auf jeden Fall der Lebensmittelpunkt bleiben. Man kann die Kinder nicht permanent aus dem gewohnten Umfeld herausreißen."

Heißt das, dass man Sie wohl nicht mehr in der Bundesliga sehen wird?

Klinsmann: "Ich glaube kaum. Man kann nicht in die Zukunft blicken, aber ich denke, dass Amerika in den nächsten Jahren Vorrang hat."

(SID/born)
 
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