1. Bundesliga 17/18
| 10.25 Uhr

Kolumne Gegenpressing
Einfach mal den Ball flach halten

Kolume Gegenpressing: Einfach mal den Ball flach halten
Mats Hummels bei der Ankunft im Trainingslager in Doha. FOTO: dpa, geb gfh
Der Fußball wird immer mehr zum Produkt, aus Fans werden Kunden. Für nachrichtliche Rundum-Versorgung fühlen sich die TV-Sender der Klubs zuständig. Von Gianni Costa

In einer Woche rollt der Ball wieder in der Bundesliga. Endlich! Oder ist es Ihnen egal? Der Fußball erobert immer neue Märkte und wächst und wächst. Doch er macht sich entbehrlich, weil er nichts Besonderes mehr ist. Es vergeht kein Tag, wo man nicht irgendwo im Fernsehen oder Internet Livebilder serviert bekommt. Testspiel hier, Gurken-Cup da, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch eine Kamera aus der Kabine überträgt, wie sich leistungswillige Burschen die Schnürsenkel binden. Bilder aus Hubschraubern, die den Weg der Nationalmannschaft mit dem Bus vom Quartier ins Stadion bei Länderspielen zeigen, gehören ja schon zum Standard.

Da geht aber doch noch deutlich mehr. Wollten Sie nicht auch immer schon mal am Bildschirm, sagen wir, Sportkamerad Manuel Neuer live am Frühstückstisch dabei beobachten, wie er sich ein paar Nutella-Stullen genehmigt und dabei seine immer lächelnde Lebensgefährtin mit flotten Sprüchen umgarnt? Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis FC-Bayern-TV das für unschlagbare 29,99 Euro im Wochenabo anbietet, natürlich nur für Vereinsmitglieder. Obendrauf gibt es dann für die ersten 1000 Kunden auch noch einen Freimonat "Stylen mit Mats Hummels - so sitzt ihre Frisur auch nach der Gartenarbeit im Regen noch tipptopp".

Für journalistische Formate stehen die Spieler dann natürlich nicht mehr zur Verfügung. Aber es ist ja auch eigentlich alles schon gesagt worden. Thomas Müller hat die Branche neulich selbst herrlich persifliert. Als der FC Bayern aus seinem Trainingslager in Doha am Münchner Flughafen ankam, da hielt er sich einen Pass wie ein Mobiltelefon ans Ohr, um keine lästigen Fragen beantworten zu müssen. Er sprach in das Dokument und lachte die Wartenden herzerfrischend an. Er lachte sie nicht aus, das ist ein großer und wichtiger Unterschied. Ob seiner Originalität ist Müller eine große Ausnahme. Die meisten seiner Berufskollegen machen sich weit weniger Mühe zu demonstrieren, wie wenig Lust sie haben, sich mit der Basis zu beschäftigen. Kopfhörer auf - Micky Maus. Es geht gewiss nicht nur um den Umgang mit Medien. Auch die Autogramwünsche kleiner Kinder, die stundenlang am Trainingsgelände im strömenden Regen warten, werden mitunter mit einem Gesichtsausdruck abgearbeitet, dass der Himmel für Stunden weiter weint. Die Stadien werden immer größer und moderner. Die Übertragungen immer maßgeschneiderter. Die Informationen rund um das Produkt sind 24 Stunden, sieben Tage die Woche abrufbar. Doch bei allem nachvollziehbaren Interesse, noch mehr Geld zu generieren, um Top-Stars anzulocken und zu halten - wenn Fußball zuallerst als Produkt empfunden wird und nicht mehr Fans, sondern Kunden ins Stadion gehen, hat man dem Spiel seinen Zauber genommen.

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Quelle: RP
 
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