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Interview mit Ex-Weltschiedsrichter Markus Merk: "Kritisches Denken unerwünscht"

VON GIANNI COSTA FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 30.11.2011 - 08:30

Düsseldorf (RP). Markus Merk, 49, ehemaliger Weltklasse-Schiedsrichter, spricht mit unserer Redaktion über den Druck für Unparteiische in der Bundesliga, fehlende Professionalität in der Betreuung und verkrustete Strukturen beim DFB.

Herr Merk, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich über das Schiedsrichterwesen Gedanken machen?

Merk Das ist schon eine bittere Entwicklung. Selbst als Insider haben mich die Dimensionen der vergangenen Monate überrascht. Sehen Sie, ich bin ein Kind des Schiedsrichterwesens. Deshalb lässt mich das alles nicht unbeeindruckt.

Ist der Druck für Schiedsrichter zu groß geworden?

Merk Der Druck ist unglaublich hoch. Aber man sollte Druck nicht immer als etwas Negatives auslegen. Für mich als Schiedsrichter war es immer das Ziel, zu dieser privilegierten Gruppe zu gehören, die Spiele in der Ersten und Zweiten Bundesliga leiten darf. Man muss lernen, nicht etwas als Belastung wahrzunehmen, sondern als Motivation. Wirklichen Druck im Leben hat ein Vater mit drei Kindern daheim, der am Fließband steht und nicht weiß, wie es für ihn nächste Woche weitergeht.

Dennoch stellt sich die Frage, ob die Unparteiischen optimal betreut werden. Müsste es nicht eine intensivere Begleitung geben?

Merk Ich erlebe immer wieder, Schiedsrichter haben nach ihren Einsätzen Redebedarf. Nicht alle verfügen über ein Umfeld, in dem ihnen das möglich ist. Da müssten mehr Angebote geschaffen werden.

Sie werden also alleine gelassen?

Merk Nicht alleine gelassen, aber oft nicht optimal betreut. Schiedsrichter bilden im Fußball ein eigenes Team. Viele Spieler werden sonntags mit ihren Problemen beim Physiotherapeuten und im Umfeld des Vereines aufgefangen. Der Schiedsrichter fährt dann oft alleine nach Hause und hat nicht dieses Umfeld zur Verfügung, das mit ihm die Geschehnisse aufarbeitet.

Aber jedem Schiedsrichter ist doch ein erfahrener Kollege bei den Partien zugeteilt, der ihn betreuen soll. Reicht das nicht?

Merk Nein, er beobachtet und bewertet ihn. Es macht nur wenig Sinn, dass ausgerechnet derjenige eine Vertrauensperson sein soll, der über seinen Auf- und Abstieg mitentscheidet. Diese "Coaches" dienen der fachlichen Verbesserung, aber nicht als erster Ansprechpartner, wenn einen Probleme plagen. Gehen Sie zu Ihrem Vorgesetzten und erzählen ihm von persönlichen Problemen und Druck?

Würde es nicht Sinn machen, das Schiedsrichterwesen in ein professionelles Unternehmen auszugliedern?

Merk Es muss etwas geschehen. Der ganze Fußball hat sich verändert, es ist alles viel professioneller geworden, nur im Schiedsrichterwesen ist man stehengeblieben. Es nützt nichts, das Thema Schiedsrichter zur "Chefsache" zu erklären. Auch wenn die Schiedsrichter eigenständig sein würden, sie müssten immer Bindeglied zwischen DFL und dem DFB sein. Dort sind 80 000 Unparteiische aktiv. Aus ihnen rekrutiert sich die Spitze. Es darf kein "da oben und da unten" geben.

Viele Schiedsrichter bemängeln, sie würden nicht ausreichend vom DFB gegen Kritiker geschützt. Ist das ein besonders großes Defizit im Verband?

Merk Es ist ein Punkt von vielen Dingen. Es geht um das Management von Menschen und ihren Sorgen. Mit denen muss man sich beschäftigen. Ich kann verstehen, wenn bei einigen der Eindruck entsteht, man würde sich nicht ausreichend um sie kümmern.

Warum arbeiten Sie nicht beim Deutschen Fußball-Bund an der Verbesserung der Missstände mit?

Merk Ich beantworte Ihnen das mit einem Satz: Weil es schwierig ist, konstruktiv kritisch denken zu dürfen innerhalb der Mauern des DFB.

Haben Sie versucht, Ihre Ideen einzubringen?

Merk Es gab Versuche. Mein großes Ziel ist es, andere zu bewegen. Das hat bei den Verantwortlichen kein Gehör gefunden. Ich bin daher neue Wege gegangen. Vor sieben Jahren habe ich meine Zahnarztpraxis verkauft. Jetzt halte ich Vorträge, berate Unternehmen in Entscheidungsphasen, bin als TV-Experte in Deutschland und der Türkei im Einsatz.

Was wäre, wenn man beim Verband sich entscheiden würde, Markus Merk doch unbedingt einbinden zu wollen?

Merk Ganz ehrlich, aktuell suche ich keine neue Herausforderung. Aber natürlich, wenn irgendwann die Verantwortlichen der Meinung sind, sie möchten bestimmte Bereiche des Fußballs weiterentwickeln, helfe ich gerne. Ich habe die Freiheit, ich muss mir nichts suchen. Ich bin mit meinem Leben, so wie ich es jetzt führe, sehr zufrieden.

Quelle: RP/can/csi


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