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Felix Magath ap 2009 panorama
  Foto: AP, AP
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Interview mit dem Schalker Trainer: Magath: Mein Plan für Schalke

VON ROBERT PETERS FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 14.01.2010 - 14:40

Düsseldorf (RP). Der Schalker Trainer hält nichts von Gefühlsduselei im Berufsfußball. So hat er Wolfsburg verlassen, als sein "Projekt" mit der Meisterschaft beendet war. Und so will er Schalke zum ersten Meistertitel nach über 50 Jahren führen. Dafür gibt er sich vier Jahre.

Ihr Wechsel zu Schalke liegt nun ein halbes Jahr zurück. Bestätigt Ihnen die Entwicklung in Wolfsburg, dass es der richtige Schritt war?

Magath Nein, das hat nichts mit der heutigen Situation zu tun. Ich bin ja nicht von Wolfsburg weggegangen, weil es nur noch schlechter werden konnte. Ich hatte meine Ziele in Wolfsburg erreicht, ich sollte die Mannschaft an der Bundesligaspitze etablieren, das war nach dem ersten Jahr mit Platz fünf erreicht – und erst recht durch die Meisterschaft schon im zweiten Jahr. Ich habe eine intakte Mannschaft mit Perspektive hinterlassen. Das Projekt war früher als erwartet erfolgreich beendet.

Was reizte Sie an Schalke?

Magath Das war eine Aufgabe, die mich noch mehr gereizt hat als in Wolfsburg, weil Schalke einer der größten Traditionsklubs in Deutschland ist. Es ist für mich überaus reizvoll, zu versuchen, nach über 50 Jahren wieder eine Meisterschaft nach Gelsenkirchen zu holen. Und egal, wie es jetzt in Wolfsburg aussieht, fühle ich mich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie wäre auch richtig, wenn Wolfsburg jetzt Erster wäre.

Die Zwischenbilanz auf Schalke ist sehr positiv. Hat Sie das selbst ein bisschen überrascht, wie schnell die Mannschaft so weit nach vorn gekommen ist?

Magath Nicht nur ein bisschen. Das hat mich total überrascht. Das habe ich so nicht kommen sehen. Ich freue mich natürlich über die schnelle Entwicklung, was unsere Platzierung betrifft. Als Trainer aber habe ich noch andere Ansprüche. Wir haben nach wie vor große Schwierigkeiten, das Spiel zu machen. Deswegen können wir nicht davon ausgehen, dass wir in der Rückrunde noch einmal so überdurchschnittlich gut abschneiden werden.

Hat das damit zu tun, dass Sie denken, Ihre jungen Spieler, auf die Sie aus Sparzwängen setzen müssen, werden mal in eine Phase geraten, in der es nicht mehr so läuft?

Magath Es ist natürlich so, dass Spieler, die überraschend in die Erste Bundesliga kommen, zunächst mal von der Euphorie getragen werden, weil sie selbst nicht erwartet haben, so schnell ihren Traum verwirklichen zu können ­ solche Leute wie Schmitz und Moritz, die eigentlich erst einmal ein, zwei Jahre bei der zweiten Mannschaft spielen sollten. Aber irgendwann ist das mit der Euphorie vorbei. Dann wird es schwieriger, die Leistung abzurufen.

Dennoch muss es Ihnen gefallen, in der schwierigen wirtschaftlichen Situation auf vergleichsweise preiswerte Spieler bauen zu können.

Magath Auch wenn wir nie insolvenzgefährdet waren, ist die Situation in dieser Hinsicht unbefriedigend. Deshalb ist es unsere Hauptaufgabe, wirtschaftlich zu gesunden.

Das schließt Spielerverkäufe zumindest nicht aus.

Magath Wir müssen keine Spieler verkaufen. Aber selbstverständlich müssen wir als Lizenzspielerabteilung zum Sparkurs beitragen, indem wir die hohen Gehaltskosten in Zukunft reduzieren. Deswegen ist die Situation weiterhin so, dass wir uns von Spielern trennen könnten, die woanders Perspektive haben.

Erklären Sie doch mal einem Halb-Laien, wie man das hinbekommt, dass junge Spieler, die aus dem Amateurbereich kommen, plötzlich in der Bundesliga spielen, als wären sie seit Jahren dabei.

Magath Sie werden von denen getragen, die länger dabei sind. Wir haben in Neuer, Bordon, Westermann, Rafinha, Farfan etablierte Spitzenleute. Und wenn junge Spieler von solchen Nebenleuten geführt werden, wird es einfacher.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie gar keinen Beitrag leisten? Das wär doch wohl zu bescheiden.

Magath Ich sage den Spielern immer: Sie sind die entscheidenden Personen. Wir als Trainerstab können es den Spielern ermöglichen, an ihre Leistungsgrenzen zu kommen. Natürlich versuchen wir, ihnen etwas beizubringen, sie heranzuführen. Aber der Spieler braucht auch die Bereitschaft, sich was beibringen zu lassen. Das wird oft verkannt. Da muss beides zusammenkommen.

Bei Kuranyi scheint das der Fall zu sein.

Magath Der war zum Schluss der Hinrunde richtig gut, das stimmt.

Wie haben Sie das hingekriegt?

Magath Es ist sicher so, dass er Vertrauen zu mir hat, weil er bei mir in die Bundesliga gekommen ist und Nationalspieler geworden ist. Dieses Vertrauen muss man entwickeln, und es gibt ihm Gewissheit.

Manche finden, dass sein eher konservativer neuer Haarschnitt beweist, dass er erwachsen geworden ist.

Magath Ich habe das nicht von ihm verlangt. Aber er hat ein Zeichen gesetzt, dass er aus dem, was er hier bis jetzt gemacht hat, etwas anders machen will.

Es gibt von Ihnen dieses Bild vom "Quälix", das Sie wahrscheinlich milde belächeln. Wie viel Kraft muss ein Spitzenspieler haben?

Magath Da muss natürlich jeder Trainer selbst entscheiden, was er wichtig findet. Darüber kann ich nie etwas Allgemeingültiges sagen. Für mich war körperliche Fitness immer die Voraussetzung, erfolgreich zu sein. Deswegen nimmt das Fitness-Training in meiner Arbeit einen großen Raum ein. Damit bin ich immer gut gefahren, und ich trainiere ja nun schon ein paar Jährchen. Deshalb lasse ich mich auch nicht so leicht beeinflussen, auch nicht von modernen Methoden und Neuerungen. Aus meiner Sicht hat sich der Mensch in den vergangenen 30 Jahren nicht verändert. 1960 ist schon ein deutscher Sprinter 10,0 gelaufen. Heute sind die Sprinter hierzulande trotz neuer Methoden und Materialien auch nicht schneller.

Sie haben beim Hamburger SV unter Zebec und Happel trainiert – beide waren nicht gerade als Anhänger der Basisdemokratie bekannt. Hat das auf auf Ihren Stil abgefärbt.

Magath Das weiß ich nicht. Aber es erkennt doch jeder an, dass wenn eine Gruppe eine Leistung erbringen soll, einer da sein muss, der das Sagen hat. Schauen Sie sich mal ein Orchester oder einen Chor an. Derjenige, der bestimmt, ist autoritär. Wenn Sie erfolgreich sein wollen, müssen Sie der Gruppe einige Dinge vorgeben.

Jetzt sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch noch Manager. Andere Klubs stellen dafür mindestens zwei Leute ein. Machen die was falsch, oder haben Sie einen 24-Stunden-Tag?

Magath Wir haben die Möglichkeit, die Dinge anders zu organisieren. Ich habe ein Trainerteam, das mir sehr viel Arbeit abnimmt. Ohne mein Team wäre das überhaupt nicht machbar. Ich kann mich auf meine Trainer verlassen.

Hat es in dieser für Schalke neuen Arbeitsweise am Anfang Reibungsverluste gegeben?

Magath Für die Spieler war es wohl eine Belastung. Sie hatten bisher viel Mitspracherecht und viel Einfluss. Und sie hatten plötzlich keinen Ansprechpartner mehr, sie konnten nur zu mir kommen, weil kein anderer mehr da war, der ihnen zugehört hätte. Das war schon eine große Umstellung. Deswegen war zu Beginn unserer Zusammenarbeit der eine oder andere auch verunsichert. Aber wir haben uns aneinander gewöhnt, die Spieler arbeiten sehr intensiv, und sie haben Spaß dabei.

Ihr langfristiges Ziel ist der Meistertitel, wo soll Ihr Team am Ende dieser Saison landen?

Magath Nach wie vor ist unser Ziel, möglichst schon im nächsten Jahr international zu spielen. Das ist aber keineswegs selbstverständlich, denn da sind ja noch einige Teams wie die Wolfsburger, unsere Dortmunder Freunde oder Hoffenheim, das mit großen finanziellen Möglichkeiten arbeiten kann, die uns das streitig machen wollen.

In Schalke haben Sie einen Vierjahresvertrag, so lange haben Sie es noch nirgendwo ausgehalten. Was gibt Ihnen die Sicherheit, das Sie den Vertrag erfüllen?

Magath Ich weiß, dass Schalke nach Bayern der Klub mit dem größten Potenzial ist, wenn man das Stadion betrachtet, die Fans, die Infrastruktur. Dieser Klub verdient, international beachtet und respektiert zu werden. Das geht über die Meisterschaft, und das braucht mindestens vier Jahre. Deswegen habe ich den Vertrag abgeschlossen. Ob ich vier Jahre bleiben kann, darüber entscheiden andere und der Erfolg. Das bedeutet Druck.

Sie rechnen das so kühl vor wie Ihren Abschluss des Projekts Wolfsburg.

Magath Ich will ein Profi sein. Und das will ich den anderen, den Spielern und den Mitarbeitern hier im Verein mitgeben. Ich will den Erfolg. Wir müssen die Strukturen dem internationalen Geschäft anpassen. Der Fußball hat sich ja nicht geändert, aber das Geschäft und das Drumherum.

Dabei sind Sie in einer sehr romantischen Fußballzeit aufgewachsen. Möchten Sie mit Ihren heutigen Spielern tauschen?

Magath Mit Sicherheit möchte ich nicht tauschen. Ich habe manchmal Mitleid mit den Spielern, weil die gar nicht wissen, wie es auch sein kann. Früher war es viel leichter. Aber ich möchte die Zeit auch nicht zurückdrehen.

Auch nicht zu Zeiten, in denen es mehr Vereinstreue gab?

Magath Früher war das Geld nicht so wichtig, weil es einfach viel weniger gab. Da gab es eben andere Werte. Das mit der Vereinstreue geht langsam weg ­ natürlich auch wegen der vielen ausländischen Spieler, die sich nicht so sehr mit einem Verein identifizieren, weil ihnen der Bezug einfach fehlen muss.

Gibt's für einen Profi den Begriff Heimat im Fußball?

Magath Ich suche gar nicht danach, ich suche einen Klub, der mir möglichst viel bieten kann. Das Heimelige, das war früher ­ auch wenn man für Erfolge eine gewisse Atmosphäre in der Gruppe braucht.

Brauchen Sie manchmal den Abstand vom Erfolgsdruck?

Magath Da ist eine Möglichkeit, sich vom Arbeitsplatz zu entfernen, auch mal die Tür zu schließen. Wenn ich nach Hause nach Düsseldorf fahre, dann lässt man was zurück. Und selbstverständlich bietet mir meine Familie, die wegen der Kinder und der Schule in München geblieben ist, diese Phasen der Entspannung.

Hat Düsseldorf für Sie mehr Bedeutung als die Tatsache, dass es ein paar Kilometer von Gelsenkirchen entfernt liegt?

Magath Düsseldorf ist schon eine andere Welt, ein anderes Flair. Ich habe ja schon früher mal zwei Jahre in Oberkassel gelebt.

Zeit für die kulturellen Einrichtungen haben Sie aber doch nicht?

Magath Es ist ja schon schön zu wissen, dass man ins Theater oder Musical gehen kann, dass man die Möglichkeit hat. Und Sie wissen ja: Ich habe einen Vertrag für vier Jahre und bin erst ein halbes Jahr da. Wenn ich so richtig angekommen bin, habe ich vielleicht auch mehr Zeit.


 
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