Bundesliga-Trainerwechsel seit 1963: Manege frei für Jahrhunderttrainer Middendorp
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 15.03.2007 - 11:14Bielefeld (RP). In Dortmund feierten sie im Winter den Retter Jürgen Röber und priesen seine Motivationskunst. Im Frühling warfen sie ihn raus und kritisierten seine veralteten Methoden. Dafür holten sie Thomas Doll, der vor ein paar Wochen in Hamburg gescheitert ist - auch an seiner Gutmütigkeit.
In Hamburg wiederum haben sie zuerst mit Huub Stevens verhandelt, dann wollten sie plötzlich niemanden sehnlicher als den unterdessen in München gefeuerten Felix Magath. Schließlich blieben sie bei Stevens, weil Magath nicht wollte. Der hatte im Verlauf der jüngeren Fußballgeschichte in Dortmund ebenso abgesagt wie Ottmar Hitzfeld, der nun sein Nachfolger beim FC Bayern München ist.
Und in Bielefeld haben sie vor vier Spieltagen den Assistenten Frank Geideck zum Chef befördert, weil sie so überzeugt waren von seinen taktischen Fähigkeiten, die er seit zwölf Jahren als zweiter Mann nachgewiesen hat. Gestern schickten sie ihn in Anerkennung seiner großen Verdienste ins zweite Glied zurück.
Dafür verpflichteten sie Ernst Middendorp, der in Südafrika bis zu seinem Rauswurf Anfang März als Trainer der Kaizer Chiefs wirkte und dafür von der „Sunday Times“ zur „bestangezogenen Person 2006“ gewählt worden war. Willkommen in der durchgedrehtesten Bundesliga aller Zeiten.
Middendorp ist der vorläufig letzte Fußballlehrer, dem der Sprung aufs rasende Karussell gelang. Weil die Panikkurve in den Vorstandsetagen in böser Ahnung der möglicherweise bald verpassten Ziele, so unrealistisch die sein mögen, zuverlässig ansteigt, wird er bestimmt noch Nachfolger haben.
Vielleicht führen auch andere Klubs noch einen „Jahrhunderttrainer“ in ihren Chroniken. Mit diesem Ehrentitel hatten die Bielefelder Fans jedenfalls Middendorp belegt, weil er die Arminia Ende der 90er Jahre von der Dritten in die Erste und von da wieder in die Zweite Liga geführt hatte. Die Ehrung hat seinem ohnehin nicht unterentwickelten Selbstbewusstsein sicher nicht geschadet.
Middendorp war schon als vergleichsweise unbeschriebenes Blatt im Trainergeschäft kein Leisetreter. Zum Hundertjährigen der Arminia vermerkte der Klub zum Aufstiegstrainer: „Brillanter Motivator. Nicht im Besitz eines Diplomaten-Passes.“
Das mögen so manche Wegbegleiter noch als eine vergleichsweise beschönigende Würdigung bezeichnen. Unvergessen ist beispielsweise sein von gegenseitiger Hochachtung geprägtes Verhältnis zu den Medienvertretern. Einst bedachte er einen Reporter nach dem Auswärtsspiel in Köln im Anschluss an die Pressekonferenz mit dem schönen Spitznamen: „Sie Bratwurst!“ Glaubwürdigen Berichten zufolge soll der Mann nicht sehr erfreut gewesen sein.
Es ist dennoch sicher, dass Middendorp öffentlich bedeutend mehr Beachtung findet als sein Vorgänger Geideck, der im Vergleich die Ausstrahlung eines Seminaristen besitzt. Bielefelds Sportdirektor Reinhold Saftig begab sich jedenfalls vor Freude schon in artistische Höhen. Er hoffe, es werde nun einen „Salto vorwärts“ geben, sagte er. Manege frei!
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