1. Bundesliga 16/17
| 07.02 Uhr

Rheinischer Fussballgipfel bei der RP
"England ist gefährlich"

Fußball-Gipfel bei der Rheinischen Post
Fußball-Gipfel bei der Rheinischen Post FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Max Eberl (Mönchengladbach), Rudi Völler (Leverkusen), Jörg Schmadtke (Köln), Rachid Azzouzi (Düsseldorf) und Gino Lettieri (Duisburg) trafen sich anlässlich des Saisonstarts zum RP-Fußballgipfel.

Herr Lettieri, das Aufstiegsmotto des MSV Duisburg im vergangenen Jahr war "Einmal Hölle und zurück". Nun sind Sie zurück im "Himmel" zweite Liga - oder ist es im Moment doch eher das Fegefeuer nach zwei Niederlagen zum Saisonbeginn?

Gino Lettieri Entscheidend ist erstmal, dass wir aufgestiegen sind. In der dritten Liga kann man einfach nicht überleben. Wir wissen, dass es eine schwere Saison für uns wird. Unser Ziel ist nichts als der Klassenerhalt. Wir haben den Großteil der Drittliga-Mannschaft übernommen, und die Jungs müssen sich erstmal an die Handlungsschnelligkeit der Liga gewöhnen. Ich denke, in vier bis fünf Spielen sind wir dort, wo wir hin wollen.

Wie schätzen Sie das Niveau der zweiten Liga ein?

Lettieri Sie ist viel stärker als im vergangenen Jahr. Es gibt acht, neun Mannschaften, die aufsteigen wollen. So viel wie in diesem Jahr wurde in den zurückliegenden fünf, sechs Jahren nicht investiert.

Ist bei so einer starken Liga der Pokalauftakt gegen Schalke 04 dann eher ein Störfeuer?

Lettieri Nein, nach dem schlechten Spiel, das wir in Bochum abgeliefert haben, besteht nun die Möglichkeit, sich gut zu präsentieren. Wichtig ist, dass wir ohne Angst spielen. Das Spiel kommt zur rechten Zeit.

Herr Azzouzi, für Sie kommt nun auch ein Pokalspiel nach einem nicht ganz gelungenen Start von einem Punkt aus zwei Spielen in die Meisterschaftssaison - ausgerechnet in Essen. Wenn man die Tradition der Fortuna verfolgt, dann dürfte man beim Viertligisten wieder ausscheiden. Was macht Ihnen Hoffnung, dass man in diesem Jahr die zweite Runde erreicht?

Rachid Azzouzi ...dass das Spiel beim Stand von 0:0 anfängt. Ja, wir sind in den vergangenen zwei Jahren an Viertligisten gescheitert, aber die Vergangenheit interessiert mich überhaupt nicht, wir blicken in die Zukunft. Zumal wir zurzeit einen großen Umbruch innerhalb der Mannschaft und des Trainerteams vollziehen.

Sie geben Gino Lettieri sicher Recht, der sagt, dass die Fans sich auf die beste zweite Liga seit langem freuen dürfen. Was macht sie so gut?

Azzouzi Das sagt man eigentlich jedes Jahr. Klar ist die Qualität sehr hoch, es gibt mittlerweile so viele gute Fußballer in Deutschland. Finanziell ist man auch gut aufgestellt, so dass die Klubs viele qualitativ hochwertige gute Spieler verpflichten können.

Das gilt auch für den 1. FC Köln in der Bundesliga. Rudi Völler hat mal gesagt: "Das schönste beim 1. FC Köln ist die halbe Stunde vor dem Spiel." Wegen der Gesänge.

Jörg Schmadtke Das hat ja auch eine ganze Zeit lang gestimmt.

Hat sich das geändert?

Schmadtke Mittlerweile lohnt es sich auch, die 90 Minuten anzuschauen. Ich würde also jedem empfehlen, ein wenig länger zu bleiben als bis zum Anpfiff.

Dreiviertel der Heimspiele in der vergangenen Saison waren teilweise eine Zumutung für die Zuschauer...

Schmadtke Naja, eher die Hälfte. In der Rückrunde haben wir kein Heimspiel verloren. Wir sind mit dem Ziel aufgestiegen, die Klasse zu halten - das hat geklappt.

In Kevin Wimmer haben Sie jedoch einen wichtigen Defensivakteur an Tottenham Hotspur verloren. Muss sich die Bundesliga drauf gefasst machen, von der Premier League leergekauft zu werden?

Schmadtke Die Kaufkraft der Engländer ist stark, und wird im nächsten Jahr noch mal zunehmen. Dieses Jahr haben wir "nur" den starken Pfund. Ab 2016 kommt dann der neue milliardenschwere TV-Vertrag der Engländer hinzu, mit dem sie dreimal so viel erwirtschaften wie die Bundesliga-Klubs. Aber nicht jeder Verein ist in London, und jeder Spieler muss entscheiden, ob er auf dem englischen Land oder doch im Rheinland leben möchte.

Rudi Völler Ja, Charles Aránguiz zum Beispiel, der uns gesagt hat, dass er nur nach Leverkusen und nicht nach Leicester möchte, obwohl er dort mehr verdienen könnte. Es gibt Spieler, die wollen nicht um jeden Preis nach England. Dennoch ist England für die Bundesliga gefährlich - gerade im nächsten Jahr.

Schmadtke Die größere Gefahr ist jedoch, dass ein "normaler" Klub, wie die TSG Hoffenheim 41 Millionen Euro für einen Spieler erwirtschaftet, wie im Fall Roberto Firmino. Dadurch verändern sich Balancen, und das ist gefährlich für alle Beteiligten.

Wie lautet das Ziel für die kommende Saison?

Schmadtke Wir haben Veränderungen vorgenommen, damit wir in der Offensive schwerer auszurechnen sind. Wir hoffen zudem, die Stabilität in der Defensive beibehalten zu können.

Auch Borussia Mönchengladbach hat in der vergangenen Saison auf einen starken Defensivverbund zurückgreifen können. Wie lässt sich die zurückliegende Spielzeit noch einmal steigern, Herr Eberl?

Max Eberl Eine Steigerung ist quasi unmöglich. Wir werden antreten und versuchen, möglichst erfolgreich zu sein, aber das, was in der vergangenen Saison passiert ist, war schlichtweg eine Sensation. Für uns ist die Qualifikation für die Champions League wie ein Meistertitel. Wir vergessen nicht, wo wir herkommen. Schließlich waren wir rund 20 Jahre in der Versenkung verschwunden - ausgerechnet die Zeit, in der ich als Spieler aktiv war.

In Max Kruse und Christoph Kramer haben Sie zwei Stützen verloren. Wie verkraften Sie diese Abgänge?

Eberl Das braucht Zeit - die haben auch Kramer und Kruse damals benötigt. Wir versuchen, diese zwei A-Nationalspieler durch Lars Stindl und Josip Drmic zu ersetzen. Gerade Josip ist jung und muss noch lernen. Das gilt ebenso für die zwei jungen Innenverteidiger Andreas Christensen und Nico Elvedi. Wir werden in diesem Jahr wieder eine neue Mannschaft bauen müssen, der Trainer muss neue Automatismen schaffen. Das braucht Zeit - und die geben wir uns in Gladbach.

Gladbach hat sich direkt für die Champions League qualifiziert. Leverkusen muss den Weg über die Qualifikation gehen. Im Lostopf sind Lazio Rom, ZSKA Moskau, FC Brügge AS Monaco und Rapid Wien. Herr Völler, bei aller Wertschätzung, die Sie der Stadt Rom entgegenbringen, ist Lazio nicht Ihr Glückslos, oder?

Völler Es liegt auf der Hand, dass wir nicht gegen Mannschaften aus den Top-Ligen spielen wollen. Wir werden es nehmen, wie es kommt. Es werden jedenfalls zwei Endspiele.

In der Champions League sind erfahrene Mannschaften mit einigen Spielern über 30 Jahre sehr erfolgreich...

Völler ...ich würde eher sagen, es sind die besseren Spieler.

Leverkusen setzt auf junge Spieler. Eine bewusste Strategie oder ergibt sich so etwas, wenn die Talente auf dem Markt sind?

Völler Beides. Wir versuchen immer junge Spieler zu verpflichten, um sie weiterzuentwickeln.

Eines dieser Talente ist Jonathan Tah. Trainer Roger Schmidt sieht den jungen Innenverteidiger, den Sie in der aktuellen Transferperiode verpflichtet haben, als kommenden Nationalspieler...

Völler Wir hatten das Glück, dass wir ihn bei Fortuna Düsseldorf quasi vor der Haustür beobachten konnten. Im Training, während der Vorbereitung und in den Testspielen hat er unsere Eindrücke weit übertroffen. Aufgrund von Verletzungen seiner Mitspieler wird er schneller zum Einsatz kommen, als er vor einigen Wochen noch gedacht hat.

Verletzungen haben auch beim MSV Duisburg die Vorfreude auf die neue Saison getrübt. Wie kann der - insbesondere finanzielle - Wettbewerbsvorteil der Konkurrenz dennoch aufgefangen werden?

Lettieri Das geht nur durch hartes Arbeiten im taktischen und körperlichen Bereich. Gegen Kaiserslautern haben wir durch individuelle Fehler verloren. Wir hatten zwölf Torschüsse, Lautern sechs. In Bochum haben wir die Bälle im Mittelfeld zu schnell verloren. Daran müssen wir arbeiten.

Viel Zeit bleibt dafür aber nicht...

lettieri Darum kommt das Pokalspiel auch gut, in dem wir mit breiter Brust spielen können. Wir wollen viel probieren und Vollgas geben.

Wenn man über die zweite Liga redet, ist das Thema RB Leipzig nicht weit. Wird es den Durchmarsch geben, Herr Azzouzi?

Azzouzi Die Leipziger interessieren mich nicht. Sie haben sicher das Potenzial aufzusteigen, aber auch Millionentransfers sind keine Garantie, dass sie durch die Liga marschieren. Wir schauen nur auf uns. Wichtig ist, dass wir besonders nach der vergangenen Rückrunde keine übertriebene Erwartungshaltung haben.

Dem 1. FC Köln ist das Kunststück gelungen, Ruhe in den Verein zu bekommen. Wie wurde das geschafft?

Schmadtke Wir haben einfach so gearbeitet, wie wir es für richtig gehalten haben. Vermutlich war die Zeit reif, dass Typen wie wir kommen, um die Dinge ein wenig demütiger und ruhiger zu betrachten. Der Standort Köln ist immer mit Emotionalität verbunden, die wollen wir auch - sie darf nur nicht deine Handlung beeinflussen.

Wohin geht die Reise des 1. FC Köln?

Schmadtke Ein bis zwei Jahre müssen wir uns noch stabilisieren. Auch, um unsere Wirtschaftlichkeit zu verändern. Sollte uns das gelingen, dann sind wir aufgrund des Standortes und der Mitgliederzahl dazu aufgerufen, höhere Ziele ausgeben zu müssen. Wenn wir in fünf Jahren noch erste Liga spielen, werden wir auf die einstelligen Tabellen- beziehungsweise internationalen Plätze schielen müssen.

Die Entwicklung hat Borussia Mönchengladbach bereits hinter sich. Oder sollte man besser sagen "Helvetia Mönchengladbach" - schließlich wurden in naher Vergangenheit auffällig viele Schweizer verpflichtet...

Max Eberl Ja, weil die Schweiz, wie wir finden, viele gute Spieler entwickelt, die für uns bezahlbar sind. Mit Blick auf getätigte Transfers kann man sagen, dass wir gute Entscheidungen mit der Verpflichtung von Schweizern getroffen haben.

...zumal sie in Lucien Favre auch von einem Schweizer trainiert werden. Es kann sein, dass der FC Bayern für die nächste Saison auf Trainersuche sein wird. Ist Lucien Favre ein Kandidat?

Eberl Wir haben mit Lucien einen Vertrag bis 2017, und ich weiß, dass wir gemeinschaftlich einen Weg gehen, der für beide Seiten super funktioniert. Dass er ein herausragender Trainer ist, brauche ich keinem mehr zu sagen. Er kann jede Mannschaft trainieren. Wenn wir Deutscher Meister werden, dann holen die Bayern ihn auf jeden Fall (lacht).

Den gesamten Verlauf des Talks können Sie in unserem Live-Blog nachlesen.

Quelle: RP
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