Borussia Mönchengladbach: Netzers Lob, Favres Plan
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 22.01.2012 - 11:02Mönchengladbach (RP). Günter Netzer ist ein kritischer Mensch, dessen Worte im Tadel scharf wie Rasierklingen sein können. Lob von Netzer gibt es nur für den, der es sich verdient hat. Wenn Netzer lobt, ist das wie ein Ritterschlag. Am Freitag, als Borussia konterte wie einst in den 70er Jahren und die Bayern besiegte wie in den goldenen Zeiten, da lobte Netzer: Trainer Lucien Favre habe den Spiel perfekt geplant und die Mannschaft habe den Plan perfekt umgesetzt.
Was Netzer gegen die Bayern sah - die Zusammenkunft von taktischer Disziplin, fußballerischer Klasse und großem Kampf - war einer der Höhepunkte von Favres Schaffen in Mönchengladbach. Der Schweizer hat die richtige Ansprache, was er sagt, kommt in den Köpfen der Fußballer an. Die Spieler haben das System Favre verstanden und verinnerlicht, sie verteidigen so intelligent, dass selbst der große FC Bayern zweimal kein Mittel fand, die Borussen ernsthaft in Gefahr zu bringen. Und nach vorn spielen die Borussen schnell, sauber und effektiv. Es scheint, als habe Favre den legendären Fohlen-Fußball in die Gegenwart übersetzt.
Favre hat das Potenzial des Teams herausgefiltert, er hat Nuancen verändert, aber damit eine neue Borussen-Welt geschaffen. Jeder Spieler spielt, wo er sich am besten entfalten kann, jeder weiß zu jeder Zeit, was er zu tun hat: die Laufwege und die Automatismen im Zusammenspiel stimmen. Favres Akribie hilft vor allem den jungen Spielern, sich sicher zu fühlen – und diese Sicherheit, gepaart mit Erfolg, gibt mehr und mehr Selbstvertrauen. Dieses scheint unerschütterlich, selbst der angekündigte Reus-Abschied hat das Kollektiv nicht erschüttert.
Dass Borussia derart grandios aus der Winterpause kam, ist ein Beleg, dass alles schon sehr stabil ist, was Favre aufgebaut hat. Vielleicht hat seine nebulöse Einlassung ob seiner Zukunft (wie immer das gemeint war oder zu interpretieren ist) dem Team sogar einen besonderen Ansporn gegeben, Favre zu zeigen, dass noch mehr drin ist, als der Jetzt-Zustand. Der indes ist beachtlich: Borussia hat nach 18 Spielen so viele Punkte wie vergangene Saison nach 34.
Favres Ansatz, von Spiel zu Spiel zu denken, ist für die Profis das Leitmotiv. Er erdet sie, weil es die Gedanken an das große Ganze und die damit verbundenen schönen Aussichten (Europapokal-Qualifikation, Pokalsieg und, naja, Meisterschaft) verhindert. Und er treibt sie an: Die Borussen wollen jedes neue Projekt (sprich: Spiel) erfolgreich gestalten.
Der Sieg gegen die Bayern war ein großer Sieg. Denn die Bayern spielten gut. Doch die Borussen waren einfach besser. Nun wollen sie in Stuttgart weitermachen. Es wird nicht leicht, doch Favre wird den nächsten Plan entwerfen. Mit 36 Punkten auf dem Konto, die Gladbach wohl erstmal langfristig in der Spitzengrupppe der Bundesliga verankern, ist man wieder geneigt zu sagen: Der Favre macht das schon. Günter Netzer hat Favre geadelt. Wie zuvor die Fans, die ihn "Hennes" nennen. Zu Weisweiler jedoch fehlen viele schöne Jahre und die Titel, die es damals gab. Aber der Weg, auf dem Favres Borussia ist, ist vielversprechend. Favre hat offenbar einen guten Plan.
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