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Der Titan tritt ab: Oliver Kahn: seine besten Sprüche, seine besten Bilder

VON FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 16.05.2008 - 11:04

Düsseldorf (RP). Nach 20 Jahren beendet der Torhüter morgen beim Spiel der Bayern gegen Hertha BSC Berlin seine Bundesliga-Karriere. Er war als Fußballer einzigartig. Genau weiß er noch nicht, was ihm blüht, wenn der große Rummel vorbei ist. Wir zeigen zum Abschied seine besten Bilder und seine besten Sprüche.

Jetzt will er erst einmal vier Wochen lang mit einer Motorjacht durchs Mittelmeer kreuzen, golfen, laufen, lesen. "Ab sofort wird gelebt", hat er dem "Zeit-Magazin" gesagt. Und wenn er nun plötzlich Langeweile und Leere spüre, müsse er lernen, solche Empfindungen auszuhalten: "In der Leere findet der Mensch zu sich selbst - und nicht, wenn er vor ihr davonläuft und sie mit falschen Dingen füllt. Mit Alkohol, Drogen, Frauen."

Das Leben nach der Karriere. Genau weiß Oliver Kahn (38) nicht, was ihm jenseits des großen Rummels blüht. Was er neben seiner Tätigkeit als ZDF-Experte alles anfängt, wenn er aufhört.

Rekorde für die Ewigkeit

Die Geschichte des deutschen Fußballs kennt legendäre Weltmeister wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Gerd Müller, dessen Tor-Bestleistungen Rekorde für die Ewigkeit sind, sie kennt überragende Virtuosen, schillernde Figuren, große Persönlichkeiten.

Doch Kahn ist einzigartig. Zumindest war er dies als Spieler mit all seinen Facetten, die von Fotografen zigtausendfach in Bildern und von Reportern ungezählte Male in Worten festgehalten worden sind. Allein die Galerie Kahnscher Temperaments-und Wutausbrüche ist einmalig.

Er war "Karate-Kahn", "Kung-Fu-Kahn", "Vul-Kahn", "King Kahn" und "Titan". In all diesen Attributen spiegelt sich wider, was ihn extrem abgehoben hat von allen anderen Fußballern in diesem Land. Sie sind Attribute eines Energiebündels, das sich 20 Jahre lang, Woche für Woche, zu Hochleistungen gepusht, es sich selbst und anderen nicht leicht gemacht hat.

Eines Ausnahmespielers, der Mannschaften zu großen Erfolgen führte wie den FC Bayern zum Champions-League-Triumph 2001 und das Nationalteam ins WM-Endspiel 2002. Damals, in Japan und Südkorea, wurde er zum "Titan", weil er der wichtigste Spieler beim Durchmarsch ins Finale war.

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Am Ende blieb er als König ungekrönt. Denn mit seinem einzigen Fehler im Turnier leitete er die 0:2-Niederlage gegen Brasilien ein. Nach einem Schuss von Rivaldo hielt er den Ball nicht fest, so dass Ronaldo beim Führungstor leichtes Spiel hatte.

Menschliche Züge

An diesem Tag - auch seine Eltern Rolf und Monika Kahn waren in Yokohama - zeigte der gebürtige Karlsruher sehr menschliche Züge, zumindest empfanden das all jene Fans so, die bei dem vom Fußball Besessenen und vom Ehrgeiz Getriebenen solche Charakterseiten fast nicht mehr vermutet hatten.

Das Bild vom tragischen, inmitten der voll besetzten Arena einsamen und untröstlichen Helden, der sich nach dem Abpfiff minutenlang mit leerem Blick an den Pfosten lehnte, gehört zu den bewegendsten Dokumenten seiner Laufbahn.

Das Jahr 1999 hat Kahn als Wendepunkt seiner Karriere festgemacht. Denn er erkannte, dass er als Hochleistungssportler auch Phasen der Entspannung brauchte, "dass ich nicht immer nur trainieren, trainieren, trainieren muss". Zumindest bis dahin hatte er den Tunnelblick. Nur für den Fußball. Nur für den Erfolg. Er selbst spricht vom Tunnelleben und von Besessenheit, davon, dass er sich damals wie ein Motor fühlte, ständig im roten Drehzahlbereich.

Nach der Trennung von seiner Frau Simone und durch die Affäre mit der Münchnerin Verena Kehrt rückte Kahn auch in den Fokus des Boulevards. Ihm gelang es nicht, das Privatleben vom Blick der Öffentlichkeit abzuschotten in einer Zeit, als er, schon jenseits der 30, sein Leben verändern und aus der Routine ausbrechen wollte.

Das Drama mit Jens Lehmann

Dass er bei der Weltmeisterschaft 2006 von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zur Nummer zwei unter den Torhütern hinter Jens Lehmann degradiert wurde, muss den vor Ehrgeiz Brennenden tief verletzt haben. Aber im Nachhinein betrachtet, war diese schmerzhafte Rückstufung für ihn vielleicht sogar ein Glücksfall. Sie verhalf ihm zu neuer Größe und zu einer neuen Rolle als Ratgeber für seine jüngeren Kollegen bei der WM in der Bundesrepublik.

Und die ergreifende Geste vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien, als er seinem großen Rivalen Lehmann über den Hinterkopf strich und lange die Hand hielt, hat dazu beigetragen, das Bild des ewig verbissenen, scheinbar vor allem nur auf sich selbst fixierten Profis mit einem Mal in einem etwas anderen Licht zu sehen.

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Kahn war einzigartig, wie er, fast schon im zarten Kindesalter, seine Profikarriere vorbereitete und sie bis zum letzten Tag durchzog. Wie er auch in schwierigen, selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht aufgab - so etwa bei der dramatischen Last-Minute-Meisterschaft 2001 im Fernduell mit den Schalkern.

Das hat ihm hohen Respekt, ja Bewunderung eingetragen. Aber Kahn war auch ein schlechtes Vorbild, wenn er auf dem Feld die Beherrschung verlor und ausrastete. Bei einem Treffen 1999 in Dortmund sprang er im Kung-Fu-Stil an Stéphane Chapuisat vorbei. Im selben Spiel attackierte er Heiko Herrlich in der Manier eines Vampirs, als wollte er ihm in den Hals beißen. Kahn, der Reizbare. Kahn, die Reizfigur.

Ich will nicht geliebt werden

Auch der in Momenten der Hochspannung schrille Klang der Stimme verlieh seinen Worten mitunter eine durchdringende Schärfe. "Ich bin nicht angetreten, um vom Publikum geliebt zu werden", hat er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. "Ich wollte versuchen, der beste Torhüter der Welt zu werden." Worte, die Kahns Kompromisslosigkeit belegen, mit der er seine Laufbahn vorantrieb.

Dreimal war er tatsächlich Welttorhüter des Jahres, obwohl ihm der WM-Titel verwehrt blieb. Es mag an der Milde des Fußballer-Alters liegen, dass Oliver Kahn am Ende seiner Karriere Lockerheit und Unbeschwertheit fand, die bei ihm zuvor völlig fremd zu sein schienen. Heute scheint er in sich zu ruhen, strahlt er die Gelassenheit eines "elder statesman" aus. Von nahezu allen Seiten schlagen ihm Sympathien entgegen.

Die verscherzte er sich auch nicht mehr, als ihn Trainer Ottmar Hitzfeld im Dezember aus "disziplinarischen Gründen" aus dem Kader für das Spiel in Berlin strich und der FC Bayern ihm eine Geldstrafe von 25.000 Euro aufbrummte. Ein möglicher Grund war Kahns öffentliche Kritik an den Teamkollegen Luca Toni und Franck Ribéry. Dem Kapitän wurde außerdem vorgeworfen, die Weihnachtsfeier des Klubs zu früh verlassen zu haben.

Der bevorstehende Abschied von der großen Bühne entfacht Emotionen - bei ihm selbst, wie auch sein Gefühlsausbruch nach dem erfolgreich überstandenen Uefa-Cup-Drama im spanischen Getafe verriet, und bei den Fans, die diesen Sportler mit all seinen Facetten künftig vermissen werden. Einen Fußballer, den es so wohl nie mehr geben wird in Deutschland.

Quelle: RP

 
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