Beben beim 1. FC Köln: Overath-Rücktritt hinterlässt Fragezeichen
zuletzt aktualisiert: 14.11.2011 - 11:23Köln (RPO). Nicht nur die Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln waren geschockt, auch die Mannschaft war am Tag nach dem Beben beim rheinsichen Bundesligisten in Trance. Wolfgang Overath hat nach sieben Jahren völlig überraschend seinen Rücktritt erklärt.
Um 14.49 Uhr machte Overath am Sonntag die Sensation perfekt, die den 1. FC Köln in Chaos und Führungslosigkeit stürzte: Auf einer selbst für Kölner Verhältnisse denkwürdigen Mitgliederversammlung trat Overath als Präsident des Bundesligisten zurück, auch die beiden Vize-Präsidenten Jürgen Glowacz und Friedrich Neukirch warfen völlig überraschend die Brocken hin. Wer beim wankenden dreimaligen deutschen Meister nun das Ruder übernimmt, ist völlig offen.
"Die Entscheidung ist uns schwer gefallen, weil der FC uns immer eine Herzensangelegenheit war und bleiben wird. Die Belastung in den letzten Monaten war für uns alle, die wir beruflich noch stark engagiert sind, sehr hoch", hieß es in einer vorbereiteten Pressemitteilung des Präsidiums: "Der 1. FC Köln ist für die Zukunft gut aufgestellt. Die von uns verpflichtete sportliche Leitung mit Sportdirektor Volker Finke und Trainer Stale Solbakken macht einen tollen Job. Die Mannschaft hat genügend Potenzial."
Overaths weitere Statements offenbarten Frustration, Zerissenheit und Abnutzungserscheinungen: "Wir waren auch intern in letzter Zeit nicht immer ein Team. Dann überlegt man, warum man so etwas freiwillig und ehrenamtlich macht. Und man überlegt, ob man so etwas fortsetzen will. Wir wollen uns nicht mehr über Spielberichte ärgern. Nicht mehr die Wochenenden versauen."
Aschermittwoch in Köln
Die Mitglieder reagierten auf die Äußerungen des einstigen FC-Idols mit Pfiffen und Buh-Rufen. Später gab es während der mehr als vierstündigen Veranstaltung Handgreiflichkeiten unter den Fans, einige wurden abgeführt. Zwei Tage nach dem Beginn der Karnevalssession herrscht bereits Aschermittwoch. Noch am Sonntag wurde ein neuer Verwaltungsrat gewählt. An seiner Spitze stehen der neue Vorsitzende Werner Wolf und sein Stellvertreter Josef Sanktjohanser, die den Verein übergangsweise führen. Bis zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, die wohl nicht vor 2012 stattfinden wird, ist der Traditionsklub ohne Vorstand.
Auch die Kölner Profis reagierten nach dem geschichtsträchtigen Sonntag geschockt. "Für die ganze Mannschaft war es ein Schock. Wir waren sprachlos, hatten nicht mit dieser Entscheidung gerechnet", sagte Vize-Kapitän Sascha Riether beim Montagsstraining. Riether zeigte sich vor allem über den Zeitpunkt des Rücktritts irritiert, da der FC zuletzt sportlich einen Aufwärtstrend gezeigt hatte. "Es ist sehr verwunderlich, dass diese Entscheidung passiert ist, gerade aufgrund der Situation, die wir jetzt haben. Wir haben gedaacht, jetzt gibt es ein wenig Ruhe, dann kommt der nächste Schock. Das müssen wir erst einmal verkraften", sagte Riether.
Kölns Coach Stale Solbakken rechnet nach Overaths Abtritt mit einer schwierigen Phase: "Wir wissen, dass es in den kommenden Tage mehr Unruhe geben wird", sagte der Norweger, zeigte aber gleichzeitig Verständnis für Overath: "Er hat eine große Geschichte als Spieler und Kapitän des FC, der Verein hat ihm viel zu verdanken. Er hat über viele Jahre einen guten Job gemacht, seinen Schritt muss man akzeptieren."
Overath-Rücktritt spaltet die Fans
Bei den Kölner Fans ist im Internet eine rege Diskussion zum Abgang des Präsidenten ins Rollen gekommen. Dabei sehen viele Kölner Fans den Abschied Overaths als richtigen Schritt. "Ich freue mich. Nach Berlusconi jetzt auch Overath. Wird am Ende doch noch alles gut?", schreibt ein User im Forum www.fc-forum.net. Und weiter: "Ich spreche Herrn Overath die Liebe zum 1. FC Köln nicht ab. Und ich spreche ihm nicht ab, einer der größten deutschen Fußballer aller Zeiten gewesen zu sein. Was ich ihm aber abspreche, sind alle anderen Eigenschaften, die notwendig sind, um in einem Bundesligaverein im Jahre 2011 den Vordenker, Lenker und Leiter, den Visionär zu geben." Ein anderer User kann den Schritt Overaths nachvollziehen. "Bei allem dem was er auch über sich ergehen lassen musste doch auch menschlich. Warum vergessen die Menschen hier immer die menschliche Seite und verhalten sich im Privatleben oft nicht anders? Ich werde sicherlich gegen WO NICHT nachtreten und sage auch DANKE für deinen Einsatz."
Noch in der vergangenen Woche hatte der 68-jährige Overath erklärt, dass er bis zum turnusmäßigen Ende seiner Amtszeit weitermachen wolle. Seit Juni 2004 stand der 81-malige Nationalspieler Overath an der Spitze des FC, noch bis 2013 war er gewählt. Nun kapitulierte Overath angesichts der jahrelangen Grabenkämpfe im Verein und mit den Fans. Seit seinem Amtsantritt zog der Weltmeister von 1974 immer wieder den Unmut der Anhänger auf sich. Zwar stemmte er 2009 die Rückholaktion des "verlorenen Sohnes" Lukas Podolski, doch vor allem die Diskussion um den Rücktritt des überaus beliebten Trainers Frank Schaefer im April 2011 ließ sein Ansehen sinken.
Podolski stärkt Overath
"Mobbing, nein Danke. Vorstand raus!", forderten Fans auf Spruchbändern. Sechs Trainer verschliss der FC unter Overaths Führung, zudem wurde der umstrittene Manager Michael Meier vor Jahresfrist entlassen. FC-Star Podolski hatte Overath noch im Sommer den Rücken gestärkt: "Er lebt und leidet für den Klub Tag und Nacht. Er tut alles für den FC. Er besorgt Sponsoren, er redet mit den Spielern. Es gibt keine Alternative zu ihm", sagte der Nationalstürmer dem "Express".
Und dennoch leistete wohl auch Podolski seinen unfreiwilligen Beitrag zum Rücktritt der Führungscrew, als er die Fans in der vergangenen Woche mit öffentlich geäußerten Abwanderungs-Gedanken weiter verunsicherte. Die hatten sich zuletzt etwas beruhigt, nachdem Solbakken die sportliche Talfahrt nach einem veritablen Fehlstart abbremsen konnte. "Maat et joot", verabschiedete sich Overath am Sonntag. Keine leichte Aufgabe für seinen Nachfolger.
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