1. Bundesliga 17/18
| 20.43 Uhr

"Jung zu sein ist kein Qualitätsmerkmal"
Neururer hält wenig vom Jugendwahn bei der Trainerwahl

Porträt in Bildern: Das ist Peter Neururer
Porträt in Bildern: Das ist Peter Neururer FOTO: dpa, a nic
Berlin. Der Jugendwahn bei der Besetzung der Trainerposten in der Fußball-Bundesliga stößt auch auf Unverständnis. Peter Neururer (62) betont, dass Alter allein nichts über die Qualität der Trainer aussage.

Trend oder Zufall? Die Trainer in der Fußball-Bundesliga werden immer jünger. Die aufstrebende Garde um Julian Nagelsmann (29/1899 Hoffenheim), Domenico Tedesco (31/Schalke 04) und Hannes Wolf (36/VfB Stuttgart) steht bei den Klubs hoch im Kurs, doch der Kult um die Newcomer sorgt auch für Unmut.

"Aus den zwei, drei Fällen einen Jugendwahn zu machen, ist absoluter Schwachsinn. Genauso sind jetzt nicht alle Nagelsmänner", sagte der langjährige Bundesliga-Trainer Peter Neururer dem SID: "Jung zu sein, ist allein zunächst kein Qualitätsmerkmal."

Allerdings für Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann auch keinesfalls ein Ausschlusskriterium. "Ich finde es faszinierend, dass wir neue Trainer haben, die sich etwas zutrauen, in dieses Haifischbecken springen und auf eine andere Art diesen Job machen. Es ist nicht altersbedingt, ob der Trainer gut oder schlecht ist", sagte Klinsmann bei Sky Sport News HD.

Wie für den ehemaligen Welt- und Europameister ist auch für den langjährigen Bundesliga-Coach Winfried Schäfer ohnehin die Rückendeckung im Klub am wichtigsten. "Helmut Grashoff (einstiger Manager von Borussia Mönchengladbach, d.Red.) hat immer gesagt: Ein Trainer ist nur so stark, wie ihn der Verein macht. In Gladbach hat es nie abwertende Worte über den Coach gegeben", betonte der 67-Jährige im SID-Gespräch.

Neururer wartet derweil seit seiner Demission beim Zweitligisten VfL Bochum vor drei Jahren auf ein neues Angebot. Für die erfahrenen Trainer wie Bruno Labbadia, Armin Veh, Thomas Schaaf oder auch Neururer wird es in Zeiten des Jugendwahns immer schwieriger, in den Job zurückzukehren.

Jürgen Klopp, gefeierter Coach beim FC Liverpool, spürt eine deutliche Veränderung in der Branche. "In den 1990er Jahren gab es eine relativ kleine Gruppe von Trainern, die das große Glück hatten, sich die Bundesligavereine untereinander aufteilen zu dürfen", sagte Klopp den kicker: "Das ist heute definitiv anders."

Die junge Gilde der "Laptop-Trainer" oder "Matchplan-Enthusiasten" verfügt in der Regel über ein enormes taktisches Vermögen. Nicht selten stellen die Youngster ihre Systeme während einer Partie drei- oder viermal um. Auch wird ihre Sprache häufig als klarer wahrgenommen. "Keine Phrasen, alles hat Tiefe", sagte Schalkes Manager Christian Heidel nach den ersten Gesprächen mit Tedesco.

Doch an der Personalie Tedesco scheiden sich die Geister. Neururer hat so seine Zweifel. Die Schalker präsentierten den Deutsch-Italiener am Freitag als Nachfolger von Markus Weinzierl. "Das Neue an dem Fall Tedesco ist doch, dass da jemand ohne ausführlichen Arbeitsnachweis bei einem anderen Verein sofort zum Cheftrainer befördert wird", meinte Neururer.

Tedesco arbeitete erst seit März in Aue als Chefcoach, rettete die Sachsen aber noch sensationell vor dem Abstieg in die 3. Liga. Zuvor war er beim VfB Stuttgart und 1899 Hoffenheim als Jugendtrainer aktiv. "Ich kenne Tedesco nicht, er hat zweifelsohne in Aue erfolgreiche Arbeit abgeliefert, aber wie will Manager Christian Heidel seine Qualität richtig einschätzen?", so Neururer.

An Heidel ließ Neururer eh kein gutes Haar. "Erst stellt er sich hin und sagt, Markus Weinzierl ist mein Wunschtrainer. Ein Jahr später entlässt er ihn ziemlich niveaulos und sagt, Tedesco wollte ich unbedingt haben. Da muss sich der Manager auch mal hinterfragen", forderte der 62-Jährige, von 1989 bis 1990 selbst Trainer der Königsblauen und seit vielen Jahren Mitglied im Klub.

Günstiger sei es, so Neururer, wenn sich ein Trainer in einem Klub entwickeln könne, dort erst als Jugend- und Co-Trainer arbeitet, um später zum Cheftrainer aufzusteigen. In Bremen sei Alexander Nouri (37) einen solchen Weg gegangen. "Das wusste man im Verein, wie er tickt."

Neururer betonte, dass der Jugendwahn in den Klubs auch kein neues Phänomen sei. "Dass 30-Jährige in den Beruf reinstoßen, gab es immer schon. Das war zu meiner Zeit bei Helmut Schulte, Christoph Daum und mir auch so", sagte Neururer und merkte süffisant an: "Die Frage ist, ob man in zehn Jahren auch noch drüber spricht."

(sid)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Peter Neururer kritisiert den Jugendwahn unter den Bundesliga-Trainern


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.