Fall Draxler löst Diskussionen aus: Schulabschluss oder Profisport?
VON KATHARINA SCHMÜLLING - zuletzt aktualisiert: 03.02.2011 - 11:37Düsseldorf (RP). Felix Magath selbst hat es – das Abitur. Seinem 17-jährigen Bundesliga-Nachwuchstalent Julian Draxler legte der Trainer und Manager des FC Schalke 04 dagegen nahe, sich ausschließlich mit Fußball zu beschäftigen. Draxler brauche das Abitur als Profi nicht, sagte der 56-Jährige und löste damit eine Welle der Empörung aus.
Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler wirft Schalke einen leichtfertigen Umgang mit Draxler vor. „Es ist unverantwortlich, dass ein Klub von einem 17-Jährigen verlangt, das Abitur sausen zu lassen“, sagte Geschäftsführer Ulf Baranowski. „Talente hat es viele gegeben, ein Tritt im Training und die Karriere war vorbei.“
Sogar die Politik ist auf den Fall Draxler aufmerksam geworden. Bildungsministerin Annette Schavan erinnerte alle Profisportler daran, dass es „noch ein Leben nach dem Sport gibt“. Matthias Sammer, Sportdirektor des DFB, würde den Schalker am liebsten direkt zurück auf die Schule schicken. „Ich finde es extrem schade, dass er die Schule abgebrochen hat. Ich nehme es Felix Magath nicht übel, aber es ist sehr, sehr traurig, dass wir es in Deutschland noch nicht geschafft haben, außergewöhnliche Fußballer wie Julian individuell zu fördern“, sagte er.
„Schule und Sportkarriere können vereinbart werden“, sagt Georg Altenkamp, Leiter des Schalker Partners Gesamtschule Berger Feld. An seiner Schule haben schon der heutige Real-Madrid-Star Mesut Özil und Nationaltorhüter Manuel Neuer ihre Schulabschlüsse gemacht. „Bei uns hat auch Joel Matip als Profi das Abitur bestanden“, sagt Altenkamp. Der Pädagoge sieht im Fall Draxler auch den Verein in der Verantwortung. „Heute kann doch niemand sagen, wie ein so junger Mensch sich in seiner Sportlichkeit entwickeln wird“, sagt er. „Es ist fatal, wenn Karrieren ins Nichts laufen.“
An der Gesamtschule Berger Feld hätte Draxler die Möglichkeit, Trainingszeiten mit dem Unterricht zu koordinieren. „Es gehört zu den Aufgaben unserer Schule, beide Schienen für Talente zu strukturieren“, sagt Altenkamp. Ein Beispiel: Es gibt dort einen Aufenthaltsraum speziell für „Schalke-Schüler“, wo sie die Zeit bis zum Abendtraining verbringen, lernen können und stets einen Ansprechpartner haben. Sogar eine Schulzeitstreckung ist möglich. „Dabei wird ein Schuljahr auf zwei Jahre gestreckt“, erklärt der Schulleiter. In jedem Fall werden die Unterrichts- mit den Trainingszeiten im Verein abgestimmt.
Dass Bildung und Leistungssport sich nicht ausschließen dürfen, ist auch die Meinung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Weltmeister werden und Schulabschluss schaffen“ – das ist der Leitsatz der insgesamt 39 Eliteschulen des Sports, die Leistungssportlern die Doppelbelastung von Bildung und Sport erleichtern sollen. Diese Bildungseinrichtungen leisten das als Verbundsystem zwischen Schule, Training am Olympiastützpunkt und Wohnen im Internat.
„Die größte Herausforderung ist es schließlich, die sportlichen und schulischen Anforderungen an die jungen Athleten unter Berücksichtigung des individuellen Entwicklungsstandes in Einklang zu bringen“, sagt die für Leistungssport zuständige DOSB-Vizepräsidentin Christa Thiel. Das scheint zu funktionieren: In der deutschen Olympiamannschaft von Vancouver waren von 153 nominierten Athleten 82 ehemalige oder aktuelle Eliteschüler. Sie waren am Gewinn von 25 der insgesamt 30 deutschen Medaillen beteiligt.
Eliteschüler wie der Bronzemedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen 2010, Johannes Rydzek, schätzen besonders, „dass man für die Sportler individuell einen ,Plan’ entwickelt, um Schule und Sport unter einen Hut zu bekommen“. Der 19-jährige Nordische Kombinierer erklärt, wie das für ihn funktioniert: „Es müssen zu jeder Zeit Prioritäten gesetzt werden – mal in der Schule, mal im Sport.“
So könnte auch Fußballer Julian Draxler das Abi schaffen, ohne seine Bundesliga-Karriere zu gefährden. Schulleiter Altenkamp sieht auch dessen Eltern in der Verantwortung. „Der Junge und seine Eltern müssten nur mal herkommen, dann finden wir eine Lösung“, verspricht er.
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