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Chaos auf Schalke: Tönnies lädt Magath zu "Männergespräch"

VON ROBERT PETERS UND MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 11.03.2011 - 09:51

Gelsenkirchen (RP). Beim Gelsenkirchener Erstligisten steht die Ablösung des Fußballlehrers bevor. Am Donnerstagabend wurde der erste Magath-Vertraute entlassen. Am Samstag spielt das Team gegen Frankfurt, am Sonntag treffen sich der Aufsichtsratschef und der Trainer, und am Montag tagt das Kontrollgremium.

Der deutlichste Vorbote der unmittelbar bevorstehenden Trennung von Trainer und Manager Felix Magath kam gestern Abend: Schalke 04 habe Rolf Dittrich entlassen, meldeten verschiedene Kanäle. Der Pressesprecher gilt als einer der engsten Vertrauten des umstrittenen Fußballlehrers. Magath hatte ihn als Bestandteil seines üppigen Stabs vom VfL Wolfsburg 2009 mit ins Ruhrgebiet gebracht.

Am Sonntag – nach dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt – will Aufsichtsratschef Clemens Tönnies mit dem Coach ein "intensives Gespräch" führen, wie der Verein verbreitete. "Ich habe in den letzten Tagen immer gesagt, dass das Spiel gegen Valencia absolute Priorität hat. Jetzt, nach unserem tollen Sieg, können wir uns wieder anderen Dingen zuwenden, die in letzter Zeit aufgelaufen sind", betonte Tönnies, "ich bin nicht sein Kontrahent, sondern sein Kontrolleur. Deshalb lade ich Felix Magath zu einem klärenden Gespräch unter Männern ein."

Als die Mannschaft am Mittwochabend ein wildes Ballett tanzte und auf den Rängen gejubelt wurde wie nach dem Gewinn einer Meisterschaft, da hat das so manchen ziemlich aufgeschreckt. Aber der Eindruck stimmt: Auf Schalke wird auch noch Fußball gespielt. Nicht einmal schlecht – und in den Pokalwettbewerben sehr erfolgreich. Eine Woche nach dem 1:0-Erfolg bei Bayern München, der das Team ins nationale Endspiel nach Berlin führt, bedeutete der 3:1-Sieg gegen den FC Valencia die Viertelfinal-Teilnahme in der Champions League.

Den mächtigsten Mann im Klub haben die Schalker Profis mit dem Einzug in die Runde der besten Acht von Europa zumindest zeitweilig ein bisschen nachdenklich gemacht. Sicher haben sie ihn in eine Zwickmühle gebracht. Denn Tönnies, der Chef des Aufsichtsrates, will Magath vor die Tür zu setzen. Am liebsten hätte er es vorgestern Abend getan. "Wir müssen die Reißleine ziehen", sagte er dem "Kicker", "unabhängig von der Champions League. Im ganzen Verein brennt es lichterloh."

Als Aufsichtsrat kann der oberste Kontrolleur aber nicht einfach in die Kabine gehen und Magath feuern. Die Satzung sieht vor, dass der Aufsichtsrat Magath zu einer Anhörung laden muss, weil der Trainer gleichzeitig Manager ist und einen Sitz im Vorstand hat. Für diese Einladung gilt eine Frist von drei Tagen. Angeblich ist Magath das Schreiben gestern zugegangen, möglicherweise bekommt er am Montag bei der Sitzung des Aufsichtsrats die Papiere.

Magath könnte sich allerdings dem Gang vor den Aufsichtsrat entziehen, wenn er förmlich auf eine Anhörung verzichtet, damit jedoch der Entlassung zustimmt. Auf diese Weise verabschiedeten sich Andreas Müller und Rudi Assauer, seine Vorgänger im Manager-Amt.

Dass Magath, der schon mit dem Hamburger SV in Verbindung gebracht wird, den Aufsichtsrat überzeugen kann, ist unwahrscheinlich. Tönnies lastet dem Trainer, den er in vollem Bewusstsein mit einer im deutschen Profifußball einmaligen Machtfülle ausstattete, nämlich nicht nur Defizite im Umgang an. So bezeichnete der Fleischfabrikant Magaths Verhalten zu Mitarbeitern des Vereins als "unmenschlich", und er beklagte ein "verlorenes Jahr".

Schalke habe immer für "ein leidenschaftliches Miteinander gestanden. Alles andere ist gerade in Zeiten, wo der Teamgeist und das Wir-Gefühl im Fußball in den Vordergrund treten, nicht hinnehmbar". Tönnies wirft dem wichtigsten Angestellten auch vor, die finanzielle Situation nicht in den Griff bekommen zu haben.

Mit dem Versprechen, den Schuldenberg (in Rede stehen 236 Millionen Euro) abzubauen, war Magath angetreten. Tönnies behauptet, durch das Transfer-Roulette des Trainers seien die Gehaltskosten sogar gestiegen, "ohne dass Magaths alternativloser Umbruch" einen werthaltigeren Kader ergeben hätte. Deutsch: Magath gab viel Geld aus, machte das Team aber nicht besser.

Gleich zu Anfang der Beziehung Tönnies/Magath stand ein Missverständnis. "Ich habe ihn emotional aufgeladen", verkündete Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender stolz, als er den Meistermacher vom VfL Wolfsburg abwarb. Doch Magath lässt sich nicht "aufladen" oder mit dem Virus eines Klubs infizieren. Niemals wird er zum Fan seines Arbeitgebers, wie er unlängst betonte.

Es war wie in einem Agentenfilm, als der Fleischunternehmer Tönnies im März 2009 die Fährte aufnahm: im Privatflugzeug ins Nirgendwo nach Sachsen-Anhalt, auf geheimen Pfaden zu Magaths renovierungsbedürftigem Bauernhof in Coswig an der Elbe, nächtliche Verhandlungen am offenen Feuer und am nächsten Morgen die Körperpflege mit kaltem Wasser. Den Vertrag unterzeichneten beide ein paar Wochen später in Hannover. In einem Parkhaus.

Tönnies verkaufte Magaths Verpflichtung als seinen großen Coup – und er glaubte wohl selbst, dass er ihn gelandet hatte. Die Trennung noch vor der Halbzeit des Projekts, das spätestens 2013 mit dem ersten Meistertitel seit 1958 gekrönt werden sollte, wäre auch eine schwere Niederlage für den Vorsitzenden des Aufsichtsgremiums.

Tönnies ist ein Erfolgsmensch, der eine eigentümliche Mischung aus jovialer Schulterklopfer-Handschlag-Mentalität und gelacktem Wirtschaftssprech pflegt. Er rühmt sich, klare Worte zu sprechen. Das tat er, als er dem früheren Manager Assauer öffentlich Alkoholprobleme nachsagte und damit dessen Ära auf Schalke beendete.

Als geschäftsführender Gesellschafter leitet Tönnies Europas größtes Fleischimperium. Die Unternehmensgruppe zerlegt jährlich 13 Millionen Schweine, der Umsatz liegt bei vier Milliarden Euro. Zuletzt ist sie ins Visier der Justiz geraten. Tönnies muss sich am 23. März vor dem Landgericht Essen verantworten. Laut Anklage sollen 175 Millionen Packungen Hackfleischs weniger Rind enthalten haben, als auf der Packung angegeben.

Seit mehr als 15 Jahren leitet Tönnies den Aufsichtsrat. Das elfköpfige Gremium wird mehrheitlich von Schalkes Vereinsmitgliedern gewählt. Seine wesentliche Aufgabe ist die Überwachung der derzeit von Magath geleiteten Geschäftsführung. Vor Jahren griff der Aufsichtsratsvorsitzende in die eigene Schatulle, um seinem Klub über Liquiditätslücken hinweg zu helfen. Fünf Millionen Euro sollen es gewesen sein, wird gemunkelt.

Die führenden Spieler halten sich in der Diskussion um eine Trainer-Ablösung zurück. Manuel Neuer, der gegen Valencia überragende Torwart, wartet auf Aufklärung. "Wir haben bisher keine klare Ansage von der Vereinsführung bekommen", sagte er. Und Raúl, die Galionsfigur im Angriff, erklärte: "Es ist nicht der Augenblick für solche Überlegungen. Irgend jemand wird Entscheidungen treffen, vielleicht am Ende der Saison."

Das klang wie eine Bitte.

Quelle: RP

 
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