Wir haben die markantesten Figuren der Spielzeit 09/10 zusammengestellt.
Der Hamburger SV hätte gewarnt sein müssen. Die Signale aus Leverkusen waren eindeutig: Bruno Labbadia hatte bei Bayer am Ende ein komplett zerrüttetes Verhältnis zur Mannschaft. Dennoch zahlte der HSV eine Ablöse von 1,3 Millionen für den Trainer. Ein teurer Irrtum. Auch in Hamburg begann Labbadia äußerst erfolgreich, legte den besten Start in der Bundesliga-Geschichte des HSV hin. Dann kamen Verletzungen von Schlüsselspielern, Niederlagen, Verunsicherung, und am Ende ging Labbadia den Spielern mit seiner pedantischen Art und angeblich langweiligem Training nur noch auf die Nerven. Bei der 1:5-Niederlage in Hoffenheim "schoss" die Mannschaft den ungeliebten Trainer schließlich ab, dessen Karriere in der Bundesliga nun zumindest arg ins Stottern gekommen ist.
Den ersten Volltreffer landete die Dortmunder Borussia zu Beginn der Saison, als es Skeptikern zum Trotz den in Europa eher unbekannten Welttorjäger Lucas Barrios verpflichtete. Inzwischen hat sich die Ablösesumme von 4,2 Millionen Euro in den gebürtigen Argentinier als gute Investition erwiesen. 19 Tore erzielte der 25-Jährige in seiner ersten Bundesliga-Saison und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zum Sprung des BVB auf einen Europa-League-Platz. "Wenn man die Statistik nimmt, da muss man bei uns schon bis zu Stephane Chapuisat zurückgehen. Und bei Lucas ist nicht einmal ein Elfmeter dabei. Er ist eine Tormaschine, ein Stürmer, der sich zu 99,3 Prozent über Tore definiert", sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc lobend. Barrios, der im Jahr 2008 für den chilenischen Spitzenklub CSD Colo Colo in 38 Spielen 37 Tore erzielte, dürfte mit seinen Auftritten in der Bundesliga seine Chancen auf eine Nominierung für die WM 2010 als Nationalspieler von Paraguay verbessert haben.
Sie trafen aus allen Lagen. Insgesamt sechsmal. Und doch stand Hannover 96 am 16. Spieltag mit leeren Händen da. Die 3:5-Pleite bei Borussia Mönchengladbach war ein Fall für das Kuriositätenkabinett und die Rekordbücher der Bundesliga. Karim Haggui schnürte einen Doppelpack, Constant Djakpa legte einen weiteren Treffer nach - was sich für alle 96-Fans zunächst gut anhörte, war ein Desaster. Denn die beiden Afrikaner hatten ausschließlich ins eigene Netz getroffen. Auf drei Eigentore in einem Spiel hatte es in fast 47 Jahren Bundesliga-Geschichte zuvor noch kein Team gebracht. Hannovers Keeper Florian Fromlowitz musste auch dem neutralen Beobachter fast schon leidtun. "Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte man beinahe darüber lachen können", sagte Pechvogel Haggui nach dem Spiel. Der Tunesier war erst der sechste Profi, der binnen 90 Bundesliga-Minuten gleich zweimal ins eigene Netz traf.
Wenigstens einen Volltreffer hat Paolo Guerero gelandet. Mit der Wasserflasche mitten in das Gesicht eines Fans. Der Angreifer des Hamburger SV sorgte mit dieser gefährlichen Attacke nach dem Spiel gegen Hannover 96 am 29. Spieltag für einen nie dagewesenen Skandal in der Bundesliga. Zu fünf Spielen Sperre verdonnerte ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der HSV sprach eine Rekordgeldstrafe aus. Der Peruaner "krönte" mit seiner Wurfattacke eine Spielzeit, in der er vom erfolgreichen Torjäger zum Problemfall wurde und seinen Ruf nachhaltig schädigte. Er pokerte um einen neuen Vertrag und rief dabei ein Jahresgehalt von vier Millionen auf, dann hatte er - und der HSV - Pech mit einem Kreuzbandriss. Nach der Winterpause blieb er in Peru, statt seine Reha in Hamburg zu vollenden. Angeblich hatte er unüberwindliche Flugangst. Er will jetzt beim HSV bleiben, es soll auch Angebote aus Valencia und von Schalke geben. Mal sehen, wem er bald auf der Nase herumtanzt.
Im November schien die Zeit von Louis van Gaal als Trainer von Bayern München schon abgelaufen. Doch inzwischen gilt der Niederländer beim Rekordmeister als "absoluter Glücksfall", wie Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zuletzt einmal mehr betonte. Van Gaal führte die Münchner zur 22. Meisterschaft sowie im Pokal und in der Champions League ins Finale. Der 58-Jährige schaffte aber vor allem das, woran sein Vorgänger Jürgen Klinsmann kläglich gescheitert war: Er hat der Mannschaft mit akribischer Arbeit ein modernes System verordnet, eine Philosophie verpasst - und er hat den Münchnern wieder diese typisch bayerische "Mia-san-Mia"-Mentalität eingeimpft. Van Gaal kennt seinen Stellenwert. Zuletzt kokettierte er bereits mit seinem Abschied. Die Bayern wollen den "Tulpen-General" aber möglichst lange behalten. Sportdirektor Christian Nerlinger sprach schon von einer Ära, die man mit dem Coach einleiten will.
Er sollte für Hertha BSC Berlin der große Hoffnungsträger werden, doch am Ende war er der Pechvogel der Saison und konnte den Abstieg des Hauptstadtklubs nicht verhindern: Gleich das Debüt von Florian Kringe im Hertha-Trikot endete mit einem Schock. Der 27-Jährige humpelte bei seinem Einstand bei der 1: 2-Niederlage am fünften Spieltag beim FSV Mainz 05 schon nach neun Minuten mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz - die niederschmetternde Diagnose: Mittelfußbruch.
Nach einer langen Zeit in der Reha kämpfte sich die Leihgabe von Borussia Dortmund pünktlich zur Rückrunde wieder ins Team. Doch als er am 30. Spieltag gegen den VfB Stuttgart (0:1) nur drei Minuten nach seiner Einwechslung erneut einen Mittelfußbruch erlitt, war für Kringe die Saison gelaufen. Der Kämpfer ließ auf der Bank seinen Tränen freien Lauf. Kringes und Berlins Spielzeit war gekennzeichnet von Pleiten, Pech und Pannen - am Ende stand der Abstieg der "alten Dame".
Als Arjen Robben im Sommer für 25 Millionen Euro von Real Madrid zu Bayern München wechselte, gab es nicht wenige Experten, die skeptisch waren. Der niederländische Nationalspieler galt als extrem verletzungsanfällig. Vom "gläsernen" Robben war die Rede. Doch dies sollte sich, abgesehen von einigen kleineren Blessuren, nicht bestätigen: Der 26-Jährige spielte konstant auf ganz hohem Niveau und hatte so maßgeblichen Anteil daran, dass die Münchner Meister wurden und sogar nach dem historischen Triple greifen. Robben lief in den vergangenen Monaten bei den Bayern sogar Superstar Franck Ribery den Rang ab und gilt längst als einer der besten Transfers der Vereinsgeschichte. Mit seinen unwiderstehlichen Tempoläufen und Dribblings avancierte der Niederländer zum Liebling der Fans und vor allem zum Schrecken der Gegner. Immer wieder erzielte Robben zudem ganz wichtige Tore für die Münchner - in der Bundesliga waren es 16, in der Champions League bisher vier.
Kein anderer Trainer der Bundesliga hat in dieser Saison so viel aus seiner Mannschaft herausgeholt wie Felix Magath bei Schalke 04. Ein Team, das zwar von den Personalkosten, aber nicht vom Leistungsvermögen ganz weit oben in der Liga angesiedelt ist, hat mit Platz zwei und der Qualifikation für die Champions League das Maximum erreicht. Fast alles, was Magath anpackte, klappte: Mit seiner berüchtigten Medizinball-Vorbereitung legte er die körperlichen Grundlagen, die sich mehrmals auszahlten. Er zauberte immer wieder neue Unbekannte aus dem Hut, die die Etablierten verdrängten und einen neuen Schalker Jugendstil entwickelten. Moritz, Schmitz und Matip belohnten den Mut des Trainers mit Leistungen, die ihnen kaum jemand zugetraut hatte. Und Magath brachte diejenigen wieder in die Spur, die in den vergangenen Jahren geschwächelt hatten - allen voran Kevin Kuranyi, der vom umstrittenen Chancentod zum Führungsspieler wurde. Nur der ganz große Coup gelang nicht.
Im Vorjahr musste sich Edin Dzeko noch knapp seinem Teamkollegen Grafite geschlagen geben, nun gehört die Torjäger-Krone ihm. Am letzten Spieltag entschied der bosnische Nationalstürmer das Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Leverkusener Stefan Kießling für sich und wurde als zweiter Spieler des VfL Wolfsburg in Folge Bundesliga-Torschützenkönig. Vor allem seine Treffer-Quote in der Rückrunde war mit 15 seiner insgesamt 22 Tore überragend. Die Schuld für den Absturz der Niedersachsen im Jahr nach der Meisterschaft ist daher am wenigsten bei Dzeko zu suchen. Während andere Wolfsburger gegenüber der Vorsaison kaum wiederzuerkennen waren, avancierte der 24-Jährige zum herausragenden Akteur im Team. Kein Wunder, dass er auf den Wunschzetteln zahlreicher europäischer Topklubs steht. Allerdings ist die Ablösesumme auf 40 Millionen Euro festgeschrieben, und so hoffen die VfL-Fans immer noch, dass ihr Liebling seine Tore auch kommende Saison für die "Wölfe" schießt.
Jens Lehmann hätte gerne noch ein paar Wochen drangehängt an seine Fußballer-Karriere. Doch Bundestrainer Joachim Löw hatte dann doch andere Pläne, im Kader für die WM in Südafrika war für den 40-Jährigen kein Platz. Die selbsternannte Nummer 1 der Nation wird jetzt anstatt mit Trikot im deutschen Tor im Anzug und mit Mikrofon in der Hand als TV-Experte bei der WM dabei sein. Für Lehmann bleibt es bei 61 Länderspielen mit dem Höhepunkt WM 2006. Mit dem Einzug in die Europa League hat er zumindest beim VfB Stuttgart den Abschied bekommen, den er sich gewünscht hatte. Die Liga verliert in ihm einen herausragenden Torhüter und einen echten Typen, manche würden sagen: einen eigenwilligen Kauz. Brillenklau, Pinkelpause an der Bande, Zoff mit einem Balljungen - auch in seiner letzten Saison sorgte Lehmann für (unsportliche) Schlagzeilen. "Es war nicht immer einfach mit Ihnen", rief ihm Stuttgarts Präsident Erwin Staudt zum Abschied hinterher. Aber immer unterhaltsam.
Als Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag sein Aufgebot für die Weltmeisterschaft bekannt gab, war es keine Überraschung mehr, dass der Name Thomas Müller auf der Liste stand. Der 20 Jahre alte Offensivspieler von Bayern München, der schon mit seinem berühmten Namensvetter Gerd Müller verglichen wird, hat in den vergangenen Monaten genügend Argumente geliefert, ihn nach Südafrika mitzunehmen. Der vielseitig einsetzbare Müller war in allen 34 Bundesligaspielen dieser Saison im Einsatz, erzielte dabei 13 Treffer und gab elf Vorlagen zu Toren - und dies in seiner ersten Saison als Profi. Noch beeindruckender als diese Zahlen war aber die Abgeklärtheit und die Konstanz, mit der Müller seinen Dienst im Starensemble der Bayern verrichtete und damit auch gestandene Nationalspieler wie Mario Gomez oder Miroslav Klose in den Schatten stellte.
Rosenkrieg oder sexuelle Belästigung? Die Affäre um den ehemaligen Schiedsrichterbeobachter Manfred Amerell und Referee Michael Kempter beschäftigt seit vier Monaten den DFB und dessen Präsidenten Theo Zwanziger. Mittlerweile geraten auch die Gerichte wegen der mit Aussagen und E-Mails gefüllten Aktenberge ins Schwitzen. "Er hat mich auf den Mund geküsst" - diese Aussage von Kempter wird am Ende des Jahres sicher in keiner Zitaten-Sammlung fehlen. Kurz nach Bekanntwerden der angeblichen sexuellen Belästigungen durch Amerell hatte Kempter detailliert die vermeintlichen Annäherungsversuche des Vorgesetzten beschrieben. Bis heute ist jedoch unklar, ob es sich dabei tatsächlich um eine Nötigung gehandelt hat. Es könnte sein, dass die Beziehung in beiderseitigem Einverständnis vonstatten ging. Dass sich der DFB und Zwanziger so schnell auf Kempters Seite geschlagen hatten, führte fast zum Rücktritt des Präsidenten. Er stellte im Präsidium sogar die Vertrauensfrage.
Ein Weltmeister in Liga 3 - dieses ungewöhnliche Schauspiel lockte am 18. September 2009 immerhin 2900 Zuschauer ins Stadion an der Grünwalder Straße. Der ruhmreiche Luca Toni wurde zur Pause ausgewechselt - das 0:5 der Zweitvertretung von Bayern München gegen Jahn Regensburg konnte er nicht verhindern. Der Umweg in die Niederungen der Drittklassigkeit sollte den Italiener zurück in die Stammelf führen. Doch er war nur ein weiterer Schritt weg vom FCB.
Toni und Louis van Gaal - das passte vom ersten gemeinsamen Arbeitstag der beiden großen Egos nicht zusammen. Der Trainer wollte die Diva nicht in seiner Truppe haben, zermürbte und vergraulte sie wie einst Christo Stojtschkow beim FC Barcelona. Der AS Rom empfing ihn mit offenen Armen. Toni kämpfte dort verzweifelt um sein Ticket für die WM in Südafrika. Und obwohl er in den ersten neun Spielen in der Serie A fünfmal traf, wird wohl auch dieser Traum platzen. Wo er in der kommenden Saison spielt, weiß er auch noch nicht - traurig.
Als Lukas Podolski nach drei Jahren im Münchner Exil nach Köln zurückkehrte, wurde er als "Heilsbringer" empfangen. Die Ernüchterung folgte schnell. Ganze zwei Tore erzielte der "kölsche Prinz", selbst bei den Bayern waren es trotz geringerer Einsatzzeiten immer mindestens doppelt so viele. Der sonst fast schon kindlich-fröhliche Nationalspieler wirkte in denn auch frustriert. "Man kann nicht glücklich sein, wie alles läuft", sagte er. Es seien "Dinge auf mich zugekommen, die vorher keiner ahnen konnte. Das habe ich sicher ein wenig unterschätzt." Dass er seine beiden Liga-Tore ausgerechnet gegen Bayern München und Schalke 04 erzielte und in der Nationalmannschaft regelmäßig aufblühte, zeigte, dass er das Fußballspielen nicht verlernt hat. Warum es im Verein nicht klappte, ist aber augenscheinlich. Der Druck und die Erwartungen waren zu hoch, mit dem Spielsystem kam er nicht zurecht, die Chemie zwischen ihm und Sturmpartner Miliovje Novakovic stimmte weder auf noch neben dem Feld.
Am 10. November 2009 blieb für viele die Welt stehen. Selten waren in Deutschland mehr Menschen ehrlich erschüttert als nach der Nachricht vom Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke. Noch nie wurde ein derartig Prominenter so dramatisch zum Opfer seiner Krankheit, noch nie wurde die Fassade von den starken "Helden des Sports" so grausam eingerissen. Depressionen hatten dem Keeper von Hannover 96 den Lebensmut genommen. Auch deshalb waren die spontanen Trauerbekundungen der Fans so bewegend. Die Erschütterung der Kollegen war ehrlich. Zwölf Spiele nacheinander konnte die Mannschaft nach der Tragödie nicht gewinnen und geriet in allergrößte Abstiegsgefahr. Trainer Andreas Bergmann verlor seinen Job. Es war im November viel von "Innehalten" und "Umdenken" beim Umgang miteinander die Rede. In der Praxis gingen diese Vorsätze dann schnell wieder verloren, das Bundesligageschäft mit seinen Begleiterscheinungen hält nicht lange inne.