1. Bundesliga 17/18
| 16.22 Uhr

Experte spricht über Ultra-Szene
"Fans werden pauschal kriminalisiert"

Ultras im Fußball: Experte kritisiert Polizei und mahnt zum Dialog
Michael Gabriel leitet Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). FOTO: dpa, fru lof wst
Frankfurt/Main. Die Ultra-Szene sorgt in den Bundesliga-Stadien für Stimmung - und viel Aufruhr. 2017 war das Jahr der Proteste, vor allem gegen den DFB. Die Koordinationsstelle Fanprojekte verurteilt das Vorgehen der Polizei und mahnt zum Dialog.

Immer wieder Pyrotechnik, nach wir vor Ausschreitungen - und heftige Proteste gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB): Die Fanszene war 2017 in großem Aufruhr. Alleine die Bilder von Dynamo-Dresden-Fans im Military-Look im Karlsruher Stadion gingen durch die Republik. Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt/Main, spricht im dpa-Interview unter anderem über die Bedürfnisse von Anhängern, pauschale Kriminalisierung und den Dialog zwischen Fans und Verbänden.

Die Fanszene im Fußball hat 2017 viele Schlagzeilen geschrieben. War es ein Jahr des Aufstands?

Gabriel Das Zweitliga-Spiel Karlsruher SC - Dynamo Dresden kann man rückblickend als den Beginn der Proteste bezeichnen. Danach hat sich gezeigt, dass diese Bewegung nicht auf einen Ort oder Verein beschränkt ist. Der überwiegende Teil der deutschen Fanszene hat sich dieser Kampagne angeschlossen. Es wäre falsch, ihn auf einen Protest von Ultras zu reduzieren. Sie agieren vielmehr als Übermittler des Unbehagens großer Teile der Fanszene - an der Entwicklung des Fußballs generell und am Umgang mit ihnen als Fans.

Woher kommt das Unbehagen?

Gabriel Diese Entwicklung hat sich lange angedeutet, denn Fans fordern seit mehr als 20 Jahren, stärker einbezogen zu werden. Seit zehn Jahren gibt es zwar einen offiziellen Dialog der beiden Dachverbände DFB und DFL mit den Fans, der jedoch von ihnen mehrmals frustriert abgebrochen wurde. Das alles hat sich nun in der brachialen Losung "Krieg dem DFB" zugespitzt. Diese verfahrene Situation hängt somit auch mit den Versäumnissen von Seiten der Fußballverbände, der Vereine, aber auch der Politik zusammen, angemessen auf die Bedürfnisse der Fans einzugehen. Aber es gibt momentan vielversprechende Signale von DFB und der DFL wie auch vonseiten der Fans.

Verbände, Vereine, Politiker, Fans - was könnten sie tun, um aus diesem Dilemma herauszufinden?

Gabriel Christian Seifert formuliert es ja für die DFL so: Der Erfolg des Fußballs in Deutschland beruhe auf drei Säulen - ein spannender und integrer Wettbewerb, wirtschaftliche Solidität und seine Nähe und Durchlässigkeit zur Gesellschaft. Mein Eindruck ist, dass in die ersten beiden Säulen sehr viel investiert worden ist. Nicht nur finanziell, sondern auch ideell - und dass die dritte Säule stiefmütterlich behandelt wurde. Das rächt sich jetzt. Ohne die Leidenschaft seiner Fans wäre der Fußball nämlich nichts. Und deswegen erwarten die Fans, dass ihre Interessen auch eine Rolle spielen. Nicht nur jene der TV-Anstalten oder der Investoren.

Und die Vereine?

Gabriel Hier lohnt ein Blick zu Vereinen, die glaubwürdig und kontinuierlich die Fan-Interessen einbinden. Zum Beispiel zum FC St. Pauli oder zu Union Berlin. Dort tragen die Potenziale der Fankultur dazu bei, dass die Vereine eine unverwechselbare Identität bekommen haben, was sportlichem Erfolg offensichtlich nicht im Wege steht.

Die Bundesliga-Klubs und ihre Ultras

Und die Politiker?

Gabriel Viele Maßnahmen, vor allem der Innenpolitik, sind dazu geeignet, die Gräben zu vertiefen und widerlaufen den aktuellen Bemühungen von DFB und DFL. Ganz aktuell haben wir eine Häufung von massivsten polizeilichen Maßnahmen, die - teilweise mit gezogenen Pistolen - Hunderte von jungen Fans am Spielbesuch gehindert haben: jeweils circa 200 Fans aus Bremen und Dresden und sogar mehr als 700 Schalker beim Derby gegen Dortmund.

Mit welcher Begründung?

Gabriel Anlass war jeweils, dass die Fans nicht auf dem Weg angereist sind, wie ihn die Polizei vorgegeben hat. Damit werden nicht nur individuelle Grundrechte eingeschränkt, sondern Fans pauschal kriminalisiert. Hinzu kommt, dass mit den aktuellen Durchsuchungen in Darmstadt und in Dresden jetzt sogar noch die sozialpädagogischen Fanprojekte ins Visier der Polizei zu geraten scheinen. Im Gegensatz hierzu versuchen DFB und DFL differenzierter vorzugehen: Sie intensivieren den Dialog und aktuell werden keine Kollektivstrafen mehr ausgesprochen.

Andererseits liefern die immer wiederkehrenden Ausschreitungen jenen Argumente, die härtere Strafen fordern. Oder?

Gabriel Ich habe große Zweifel, ob noch härtere Strafen der richtige Weg sind. Als Pädagogen haben wir die Entwicklungsperspektive junger Menschen im Blick, die im Fußball auch Gesellschaft erfahren. Deshalb waren wir immer gegen Blocksperren, weil diese als kollektive Bestrafung das Unrechtsempfinden von jungen Menschen mit Füßen treten. Ähnlich ist es oftmals beim massiven Vorgehen der Polizei, wo junge Menschen eine Ohnmacht gegenüber staatlichen Organen erfahren. Das Verhältnis zwischen Polizei und Fans ist ohnehin zugespitzt. Mit solchen Maßnahmen leistet man den Konfrontationen eher Vorschub.

Aber welchen Anteil haben die Fans?

Gabriel Es ist sehr sicher zum Fußball zu gehen, was auch die polizeilichen Zahlen belegen. Beim Oktoberfest oder bei Musikfestivals ist es statistisch gesehen gefährlicher. Wenn man sich aber darauf ausruht, kann man leicht übersehen, dass wir schon eine Entwicklung innerhalb der Fanszene beobachten, nach der die Bereitschaft gestiegen ist, Konflikte gewalttätig zu lösen. Es gibt vermehrt Hooligan-typische Verhaltensweisen bei Ultras und die genießen in den Szenen auch eine hohe Akzeptanz.

Ein Dauerthema ist auch die Pyrotechnik, die verbotenerweise regelmäßig in den Stadien gezündet und danach mit Geldstrafen für die Klubs sanktioniert wird. Wie kommt man aus dieser Endlosschleife heraus?

Gabriel Seit 2012 wird rigoros versucht, das strikte Verbot durchzusetzen, aber die Situation hat sich überhaupt nicht verbessert: Im Gegenteil, es gibt mehr Verletzte und Pyro wird mittlerweile als Widerstandshandlung eingesetzt. Schon ein erster Schritt, mit dem es gelänge, bei diesem Thema den Druck rauszubekommen, wäre hilfreich. Vielleicht lohnt ein Blick nach Schweden: Dort werden die Vereine nicht mehr für Pyro bestraft - die einzelnen Täter natürlich schon. Es würde auch helfen, wenn Fans verantwortungsvoll mit Pyrotechnik umgehen: Dass keine Böller gezündet und die Bengalos nicht geworfen werden.

Was für Schritte wünschen Sie sich für das nächste Jahr?

Gabriel Ich würde mir wünschen, dass der Weg des intensiven Dialogs und einer besseren Einbindung der Faninteressen, wie er gerade von DFB und DFL beschritten worden ist, auch dann weiter verfolgt wird, sollte es mal einen negativen Vorfall geben. Nur dann werden die Verbände als glaubwürdig empfunden und kann gegenseitiges Vertrauen wieder wachsen. Man wird die Problematik substanziell nur mit den Fans und nicht gegen sie lösen können. Aber allen muss klar sein, dass es ein langer Weg ist.

ZUR PERSON: Michael Gabriel (53), geboren in Klagenfurt, Diplom-Sportwissenschaftler, leitet seit 2006 die Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt/Main. Unter dem Dach der Deutschen Sportjugend werden hier von einem sechsköpfigen Team bundesweit an 58 Standorten in Deutschland 65 Fanszenen betreut.

(areh/dpa)
 
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