Torwartwechsel bei den Bayern: Van Gaal ärgert die Klub-Bosse
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 08.01.2011 - 14:11Düsseldorf/Katar (RP). Trainer van Gaal reagiert auf die hohe Zahl von Gegentoren mit radikaler Verjüngung. Durch den beabsichtigten Wechsel der Schlussleute – Thomas Kraft für Jörg Butt – überrascht und verärgert er jedoch die Klubbosse.
Eigentlich reicht schon der Blick auf die Tabelle der Bundesliga. Sie zeigt deutlich, was den Spitzenreiter Borussia Dortmund und seinen zunächst selbst ernannten Verfolger Bayern München trennt. Es ist neben 14 Punkten ein beachtlicher Unterschied in der Tordifferenz. Dortmund hat erst zehn Gegentore hinnehmen müssen, München gleich doppelt so viele. Das hat Trainer Louis van Gaal nicht ruhen lassen.
Er reagiert mit einer Radikalverjüngung der Abwehr. Er tauscht dabei nicht nur die Innenverteidiger Martin Demichelis (30/zu Malaga) und Daniel van Buyten (31) gegen die 21-jährigen Breno und Holger Badstuber. Er wechselte auch Torwart Thomas Kraft (22) für die bisherige Stammkraft Jörg Butt (36) ein. Ein mittleres Erdbeben. Denn damit überraschte er die eigene Klubführung, und er riskiert seinen Arbeitsplatz.
Der Tausch auf der Torwartposition hat nämlich nicht nur Butt "bis ins Mark erschüttert", wie Beobachter im Trainingscamp in Doha feststellten, sondern offenkundig auch die Bayern-Bosse. Van Gaal soll beide Torhüter bereits Anfang der Woche in Katar informiert haben. Manager Christian Nerlinger erfuhr die heiße Neuigkeit erst mit einem Tag Verspätung. Er sei geschockt gewesen, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Klubchef Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Uli Hoeneß wurden vom Manager anschließend telefonisch in Kenntnis gesetzt. Sie sollen aus allen Wolken gefallen sein.
Schließlich gab es in der Klubführung an Butts Leistungen nichts Wesentliches auszusetzen. Er war in der insgesamt nicht überzeugenden Hinrunde einer der wenigen auf konstant höherem Niveau aufspielenden Profis im Aufgebot des Serienmeisters. Nach den Vorstellungen der Unternehmensführung sollte der 36 Jahre alte Schlussmann, dessen tadellose Auftritte in der Vorsaison ihn sogar noch auf den Zug zur Weltmeisterschaft in Südafrika hatten aufspringen lassen, bis zum Sommer im Kasten der Bayern stehen. Es gilt als einigermaßen gesichert, dass auf ihn dann Nationaltorwart Manuel Neuer folgen sollte. Münchner Medien berichten seit Wochen über eine Vereinbarung zwischen den Bayern und Schalkes Torwart.
Die wiederum passt Louis van Gaal überhaupt nicht in den Kram. Ablösesummen von 15 Millionen Euro, wie sie im Falle Neuer im Raum stehen, seien "Geldverschwendung", maulte der eigenwillige Holländer. Er erinnert gern daran, dass er zu Amsterdamer Zeiten den damals ebenfalls 22 Jahre alten Edwin van der Sar ins Tor und auf den Weg in eine Weltkarriere beförderte – übrigens unter tätiger Mithilfe des Torwarttrainers Frans Hoek, der ihm unterdessen nach München gefolgt ist. Nun will er das Kunststück mit dem völlig unerfahrenen Thomas Kraft wiederholen. "Ich muss diesem Torwart auch eine Chance geben, dass er spielen kann unter Druck", sagte er in Doha auf die Frage nach einem möglichen Wechsel der Nummer eins, "meine Verantwortung ist es, Spieler auszubilden, und es ist jetzt eine gute Zeit dafür."
Der FC Bayern aber versteht sich nicht als Ausbildungsverein. Und den Ober-Bayern passt es überhaupt nicht, wenn ein Trainer zum Alleingang ansetzt. Beides hat Nerlinger dem Holländer klarzumachen versucht. Der Manager ist seinerseits besonders enttäuscht darüber, dass van Gaal ihn nicht einmal ins Vertrauen zog, bevor er das Personalroulette begann. Denn Nerlinger hatte den Niederländer im Herbst in internen Auseinandersetzungen in Schutz genommen, als Hoeneß dem Fußballlehrer öffentlich "Beratungsresistenz" vorgeworfen hatte. Nun droht nicht nur ein Bruch zwischen den beiden führenden Figuren in der sportlichen Leitung, sondern auch ein Hauskrach beim Rekordmeister mit noch nicht absehbaren Folgen für van Gaal. Das könne, so heißt es in Vereinskreisen, "weitreichende Konsequenzen" haben.
So mancher wird sich nun daran erinnern, dass der gelegentlich höchst selbstbewusste Niederländer öffentlich gern mit mehreren Möglichkeiten der Laufbahn-Fortsetzung kokettiert und ein klares Bekenntnis zu seinem augenblicklichen Arbeitgeber Bayern dabei vermissen lässt. Und Hoeneß, der ohnehin nicht sehr bereitwillig vergisst, fällt sicher wieder ein, wie sehr sich van Gaal bei den Feierlichkeiten im vergangenen Sommer in den Mittelpunkt gestellt hat. Fußball sei nun mal keine Ein-Mann-Show, hatte der Präsident erklärt.
Daraufhin war van Gaal so beleidigt, dass es schon krampfhafter Symbolhandlungen bedurfte, den offenkundigen Riss zumindest dem Anschein nach zu kitten. So saßen Präsident und Trainer beim Bankett nach einem Champions-League-Spiel in sehr bemühter Eintracht für die Fotografen beisammen. Beiden war anzusehen, dass es sich um einen Kraftakt handelte. Zu einem weiteren wird Hoeneß vermutlich nicht bereit sein. Und vielleicht legt es van Gaal in einer seiner stark ins Selbstherrliche reichenden Launen genau darauf an. Kommentar
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