Bilanz zur Saison-Halbzeit: Verrückte, stürmende Bundesliga
VON FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 21.12.2010 - 10:32Düsseldorf (RP). Gut drei Tore pro Spiel: In der Hinrunde begeisterte die höchste deutsche Fußballklasse mit erfrischender Offensive. Allen voran Borussia Dortmund, der überlegene Spitzenreiter. Außenseiter wie Mainz, Hannover und Freiburg überraschten. Eine Bilanz zur Saison-Halbzeit.
Die Fußball-Bundesliga steht Kopf. Der FC Bayern, Schalke und Bremen, in den vergangenen Jahren Dauergast im Europacup, haben eine enttäuschende Halbserie bestritten. Dafür sorgen Außenseiter wie Mainz, Hannover und Freiburg für Furore. Und was sich in Dortmund beim so klar überlegenen Tabellenführer abgespielt hat, schaut sogar wie eine fußballerische Revolution aus.
Gekas erzielt 14 Tore
In keiner anderen der führenden Klassen Europas ist die Torquote so hoch wie in der Bundesliga (3,14 Treffer pro Spiel). Viele erfolgreiche Stürmer prägen ihren Offensivfußball. Überwiegend sind es ausländische Spieler wie der Grieche Theofanis Gekas als Nummer eins der Liga (14 Tore), aber auch deutsche Stürmer wie der Münchner Mario Gomez (12) und der Mainzer André Schürrle (9).
Drei Kleine spielen groß auf
Ein wenig provozierend formuliert: Das Trio der Überraschungsteams mutet an wie die Spitze der Zweiten Liga. Doch Mainz ist Zweiter, Hannover Vierter und Freiburg Sechster – in Liga eins! Mainz begeistert nicht nur die eigenen Fans mit dem kessen Auftreten seiner Boygroup: André Schürrle (20), Lewis Holtby (20), Adam Szalai (23) und Sami Allagui (24). Nach fünf Niederlagen in sieben Spielen ist die Mannschaft mit dem Auswärtssieg gegen St. Pauli in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Hannover galt als Abstiegskandidat und Mirko Slomka als Favorit auf die erste Trainerentlassung. Dann aber legten die Niedersachsen die beste Hinrunde der Klubgeschichte hin. Freiburg verschaffte sich zum Tabellenkeller ein dickes Polster von 13 Punkten. So aufsehenerregend die Entwicklung im Breisgau auch ist – in der Saison 1994/95 hatte der Sport-Club nach der ersten Halbserie sogar noch drei Zähler mehr und zog am Ende als Dritter in den Uefa-Cup (heute Europa League) ein.
Drei Große hinken weit hinterher
Meister FC Bayern scheint angesichts von 14 Punkten Rückstand auf Dortmund die Titelchancen bereits verspielt zu haben. Vizemeister Schalke 04 weist trotz des jüngsten Aufschwungs als Zehnter, anders als in der Champions League, eine ernüchternde Bilanz auf. Und Werder Bremen, Dritter der Vorsaison, taumelt dem Ligakeller entgegen. Für Bremens Zauberfußballer der vergangenen Jahre, durch Mesut Özils Wechsel zu Real Madrid empfindlich geschwächt und in der Champions League kläglich gescheitert, kann der Absturz bedrohlich werden. Denn an der Weser weiß man seit Jahren nicht mehr, wie man gegen den Abstieg zu kämpfen hat. Dass Kapitän Torsten Frings plötzlich mit dem Gedanken an ein Karriereende 2011 spielt, sagt womöglich alles über die Befindlichkeit im Kader aus.
Überflieger aus Dortmund
Kein Team hat mehr Tore erzielt als der BVB (39), und keines hat weniger Treffer kassiert als der Spitzenreiter (10). Mit Sturm und Drang ist die Mannschaft von Jürgen Klopp den Verfolgern weit enteilt, und das mit vielen Jungprofis zwischen 18 und 22 Jahren. Die größte Gefahr für den Spaßfußball à la BVB und den Teamgeist im Kader lauert vielleicht durch mögliche Begehrlichkeiten anderer Klubs an Dortmunder Spielern.
Neue erfolgreiche Trainergarde
Jürgen Klopp (44) war zu Mainzer Zeiten Symbolfigur für eine neue Trainergeneration in der Bundesliga und auch für Fußballlehrer, die selbst auf keine glanzvolle Spielerkarriere zurückblicken, wie sie etwa Jupp Heynckes und Felix Magath vorweisen können. Inzwischen sind auch andere Trainer in den Vordergrund gerückt: Thomas Tuchel, der in Mainz sogar noch erfolgreicher ist als sein charismatischer Vorgänger Klopp, Robin Dutt (Freiburg) und Marco Kurz (Kaiserslautern). Dutt hat im Breisgau, wo er im Vergleich zur zahlungskräftigen Konkurrenz mit geringen finanziellen Mitteln einen ungeahnten Aufschwung bewirkt, beste Eigenwerbung betrieben. Deshalb wird sich niemand wundern, wenn er bald bei einer der ersten deutschen Fußballadressen tätig wird.
Trainer auf der Kippe
Der erste englische Trainer in der Bundesliga, Steve McClaren, hat beim VfL Wolfsburg dank der erfolgreichen Aufholjagd seiner Mannschaft gegen Hoffenheim (2:2 nach 0:2) womöglich nur eine kurze Atempause bekommen. Der Absturz des Meisters von 2009 auf Rang 13, trotz großer Offensivstars wie Diego und Dzeko, ist so dramatisch, dass McClaren sich kaum noch weitere Rückschläge mit den Niedersachsen erlauben kann.
In Mönchengladbach hält die Klubführung an Michael Frontzeck fest. Vorerst – man weiß nicht, wie Borussias Führung handelt, wenn die Bilanz des fünfmaligen Meisters so verheerend bleibt wie bisher (zehn von 51 möglichen Punkten). Armin Veh hat trotz des 2:1-Sieges am Ende der Hinrunde in Gladbach keine Garantie dafür, dass er seine Arbeit beim Hamburger SV über die Saison hinaus fortsetzen wird. Beide Seiten, Trainer und Klub, haben die Option, schon im nächsten Jahr aus dem bis 2012 befristeten Vertrag auszusteigen.
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