Bayern München in der Krise: Verunsicherung statt "Mia san mia"
VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 24.11.2009 - 07:45Düsseldorf (RPO). "Wir sind aus München, wir sind die Bayern. Wir sind diejenigen, die immer wieder feiern..." – so klingt das Selbstverständnis der Anhängerschaft des FC Bayern, ausgedrückt in diesem Fangesang. Doch seit eineinhalb Jahren feiern die anderen. Das Selbstvertrauen des Rekordmeisters ist mehr als angekratzt.
FC Bayern München, dieser Klub steht in Fußball-Deutschland für Erfolge: 21 nationale Meisterschaften, 14 Pokalsiege, sechs Europapokale und zwei Weltpokale wurden in der Vergangenheit an der Säbener Straße bejubelt. Solche Triumphe lassen die Ansprüche steigen, aber auch die eigene Brust breiter werden. Durch die zahlreichen Titel der 70er Jahre wuchs mehr und mehr die sogenannte "Mia-san-mia"-Mentalität, getreu dem Motto: Wir sind wir – uns besiegt so schnell keiner.
Das Sieger-Gen ist weg
Dieses teilweise arrogant und überheblich nach außen getragene Gefühl wurde von den Spielern auf dem Platz umgesetzt. Der FC Bayern drehte in schöner Regelmäßigkeit schon verloren geglaubte Spiele, gewann die besonders wichtigen Spiele gegen die direkte Konkurrenz. Teils unverdient, teils glücklich, aber immer angetrieben vom bayerischen Sieger-Gen, das einen zweiten Platz verbietet.
Diese Mentalität ist den Bayern abhanden gekommen. International kann der Rekordmeister derzeit nicht mit den Großen Europas mithalten, aber alarmierender ist die Tatsache, dass auch national in den immer wieder als "Endspielen" bezeichneten Begegnungen die Erfolge ausbleiben. Unter Jürgen Klinsmann hechelte die Mannschaft immer in Sichtweite hinter der Tabellenspitze hinterher, um dann in Spielen wie in Hamburg (0:1), in Berlin (1:2) und in Wolfsburg (1:5) zu versagen.
In der laufenden Spielzeit setzt sich dieser Trend fort. Da konnte auch Louis van Gaals Ankündigung vor der Saison nichts ändern: "Mia san mia! Wir sind wir! Und ich bin ich! Selbstbewusst, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ", erklärte der 57-Jährige auf seiner ersten Pressekonferenz. In Hamburg (0:1), gegen Bordeaux (0:2), Schalke und Leverkusen (jeweils 1:1) gelang den wenig dominanten und selten innovativen Bayern in wegweisenden Spielen nicht der erhoffte Befreiungsschlag. Was bleibt ist Verzweiflung und Verunsicherung. Kaum ein Spieler erreicht derzeit seine Normalform, von Selbstvertrauen keine Spur.
Platz zwölf als Tiefpunkt
Nach 13 Spieltagen steht der Klub auf Platz sieben - nur drei Mal schloss der Klub in der Bundesliga-Geschichte eine Saison schlechter ab. 1974/75 wurde der FC Bayern mit der heutigen Führungsriege Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge in kurzen Hosen Zehnter, 1977/78 ohne den Kaiser sogar nur Zwölfter. 91/92 sprang am Ende erneut der zehnte Platz heraus.
Neben dem ungewohnten zweistelligen Tabellenplatz im Mai hatten diese drei Spielzeiten noch eins gemeinsam: Die jeweiligen Trainer erlebten den Frühling in München nicht mehr. Im Januar 1975 musste Udo Lattek gehen, obwohl er im Vorjahr Meisterschaft und Landesmeisterpokal gewann. Sein Nachfolger Dettmar Cramer machte im Dezember 1977 für Gyula Lorant Platz – nachdem er sogar zwei Mal in Folge den Landesmeister-Pokal nach München geholt hatte. 1991/92 wurde Jupp Heynckes bereits im Oktober ersetzt, Nachfolger Sören Lerby im März noch von Erich Ribbeck abgelöst.
Auch van Gaal steht in der Kritik. Offen wird über seinen bevorstehenden Abgang spekuliert, obwohl er noch die offizielle Rückendeckung vom Vorstand erhält – zumindest bis zum Winter. Dann wird Bilanz gezogen, hat Noch-Manager und Bald-Präsident Hoeneß angekündigt. Wie diese ausfällt, hängt von den verbleibenden Spielen bis Winterpause ab, bei weiteren Rückschlägen und einem vorzeitigen Scheitern in der Champions League dürften die Tage des Niederländers in München gezählt sein.
Ein Vorrunden-Aus in Europas Königsklasse hatte das Aushängeschild des deutschen Fußballs erst einmal zu verdauen. 2002/2003 tröstete Trainer Ottmar Hitzfeld die Anhängerschaft aber mit einem Alleingang und 14 Punkten Vorsprung auf die Konkurrenz in der Bundesliga. Die Fans durften wieder singen. Dass sich dies am Saisonende wiederholt, darf stark bezweifelt werden.
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