1. Bundesliga 17/18
| 17.19 Uhr

Bundesliga
Die neuen Trends der Taktik-Tüftler

Von Fortuna Düsseldorf bis FC Barcelona: Die neuen Trends der Taktik-Tüftler
Lehrstunde: Der Mainzer Trainer Martin Schmidt (4. v.l.) erklärt seinen Profis mit einer Taktiktafel, wie sie sich auf dem Platz zu sortieren haben. FOTO: Imago
Köln/Hamburg. 40 Prozent an einem Tor im Fußball sind Zufall, der Rest ist Ergebnis von guter Vorbereitung der Teams durch ihren Trainer. Von Gianni Costa

Sartre hat mal gesagt, Fußball ist ein einfaches Spiel, das durch die Anwesenheit eines Gegners arg verkompliziert wird. Heutzutage hat es sich sogar enorm verkompliziert. Die Kontrahenten sind längst nicht mehr nur einfach anwesend, sondern haben im taktischen Bereich kräftig aufgerüstet. Die Entwicklung geht immer weiter. In der neuen Spielzeit wird in der Bundesliga weitestgehend auf Spielsysteme gesetzt, die sich in der vergangenen Saison angedeutet haben - allerdings weiter verfeinert.

Der Kölner Wissenschaftler Daniel Memmert ist Professor und Institutsleiter an der Sporthochschule Köln und untersucht im Fachbereich für Kognitions- und Sportspielforschung unter anderem das taktische Verhalten von Fußballteams. "Noch sind wir weit davon entfernt, das Spiel zu entschlüsseln", sagt er. "Aber mit unserem gewonnenen Wissen können wir Wahrscheinlichkeiten erhöhen und Spieler besser machen." Etwa 40 Prozent an einem Tor ist noch vom Faktor Zufall abhängig, also einem Torwartfehler, Abpraller vom Pfosten oder einen abgefälschten Ball.

Taktische Formationen: Wer spielt welches System?

Variabilität Für die neue Spielzeit in der Bundesliga erwartet Memmert mehr Variabilität bei den Spielsystemen. Dabei werden die Teams wohl immer öfters vom üblichen 4-4-2-System, also kompakt mit vier Abwehrspielern, vier Mittelfeldspielern und zwei zurückgezogenen Offensivkräften, Abstand nehmen. Dies ist zwar leichter einzutrainieren, damit aber berechenbarer. Mittlerweile ist längst klar, welche Räume wie für gefährliche Torraumaktionen zu bespielen sind. Im Ballbesitz wird auf ein 4-2-3-1 umgeschaltet, in der letzten Spielzeit waren rund 70 Prozent der Vereine in der Bundesliga so aufgestellt.

Künftig dürfte sich das ein wenig verschieben. Viele Klubs werden je nach Personallage öfters auch andere Systeme ausprobieren. "Du hast als Trainer die Wahl: Spielst du nur ein oder zwei Systeme und trainierst da aber die Automatismen ein, oder versucht du es mit drei bis vier taktischen Varianten", sagt Memmert. "Ich gehe davon aus, dass die ambitionierten Fußballlehrer mehr Variationen spielen lassen werden. Pep Guardiola ist da sicher der Vorreiter." In Barcelona hat er unter anderem auf ein 3-4-3 gesetzt, einer Spielform, die in der Theorie zumindest als besonders geeignet gilt, weil die Spieler in Dreiecken zusammenspielen. "So ergibt sich die beste Möglichkeit, um immer zwei Anspielstationen zu haben", erklärt Taktik-Experte Tobias Escher vom Online-Portal "Spielverlagerung". "Die Alternative dazu ist das Prinzip Hoffnung - einen Offensivspieler auf dem Flügel anspielen, und der versucht es dann mit einem Dribbling oder einer Flanke."

Neue Typen Der "Vollgas-Fußball", den Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund kultiviert hat, stellt besonders das verteidigende Team vor knifflige Aufgaben. Wie agiert man gegen hohes Pressing? Durch einen Befreiungsschlag? Schnelles Umschaltspiel? Oder durch Kombinieren? Escher: "Vieles hängt von der Einzelspielerqualität ab. Es wird spannend zu sehen sein, ob mannschaftstaktisch systematisch trainiert worden ist, wie man nach einem lang geschlagenen Ball als Kollektiv sich dann verhält." In dieser neuen Fußballwelt sind andere Typen gefragt als noch vor zehn, 20 Jahren. "Extreme Schnelligkeit ist zudem gefragt, und extreme Ausdauer", erklärt Memmert. "Karim Bellarabi von Bayer Leverkusen ist ein Spieler, der recht gut diese Anforderungen mitbringt. Er schafft viele Sprints, defensiv und offensiv, über einen langen Zeitraum."

Bundesliga: Die Trainer-Typen in der Saison 2015/16 FOTO: dpa, gki hak nic

Eigener Stil Die Top-Mannschaften der Bundesliga haben sich auch durch besondere Taktiken oben in der Tabelle halten können. "Alle Spitzenvereine haben Alleinstellungsmerkmale. Der Ballbesitzfußball des FC Bayern, das auf Pressing und Konter ausgelegte Spiel der Dortmunder, der zunächst ruhige Spielaufbau der Gladbacher, der auf einmal rasant Fahrt aufnimmt, oder der aggressive Stil von Leverkusen, bei dem fünf, sechs Spieler den Ball jagen", sagt Escher. "Wer unten stand in der Liga, hat in der Regel kein besonders originelles Konzept gehabt." Trends wurden früher vor allem bei Weltmeisterschaften vorgeführt. Heute ist die Champions League die Bühne. Barca hat das Triple aus Königsklasse, Meisterschaft und Pokal mit einem 4-3-3 geholt. Escher favorisiert das 3-3-3-1, unter anderem von den Bayern zeitweise eingesetzt, "weil man da optimal verschieben kann".

Früher haben sich alle nur auf das Spiel mit Ball konzentriert, mittlerweile gibt es taktische Vorgaben, bei denen der Ball extra zum Gegner gespielt wird, um ihn dann in relevanten Räumen wieder zu erobern und selbst besser schnell umschalten zu können. Studien haben gezeigt, dass Ballbesitz alleine kein verlässlicher Indikator ist, um ein Spiel für sich zu entscheiden. Erst wenn der Anteil über 70 Prozent steigt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf den Sieg. Und dies schafft kaum eine Mannschaft.

Individuelle Klasse Mehr Mut erhofft Memmert sich vor allem von den Außen- und Innenverteidigern. "Es gibt immer mehr Innenverteidiger, die den Mut haben, einen vertikalen flachen Pass über 20 Meter zu den offensiven Spielern zu spielen - Mats Hummels und Jerome Boateng gehören natürlich dazu. Solche Pässe sind in ihrer Position natürlich auch mit einem Risiko verbunden", sagt er. "Es braucht präzise Absicherungsmechanismen, sonst steht man schnell in einer Unterzahlsituation da." Memmert sieht die Vereine in der Pflicht: "Die Vereine müssen besser ausbilden. Früher lag das Augenmerk vor allem auf technisch guten Spielern, heute spielt aber ein Außenverteidiger eine viel wichtigere Rolle, also sind taktisch- kreative Spieler immer mehr gefragt."

Quelle: RP
 
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