1. Bundesliga 16/17
| 07.50 Uhr

Zehn Hingucker des Spieltags
Herthas Gespür für Schnee und Familienmensch Traoré

Hawk Eye hilft Hertha im Schnee
Hawk Eye hilft Hertha im Schnee FOTO: afp, OA/bb
Düsseldorf. Beim Spiel zwischen Hertha BSC und der TSG Hoffenheim hat es ein zweites interessantes Duell gegeben – zwischen Rasenheizung und Schneetreiben. In Mönchengladbach war der beste Mann des Spiels gegen Hannover 96 fast gegnerlos. Ibrahima Traoré brillierte vor den Augen seiner Familie.

Aufreger des Tages: Ausschreitungen trotz Trauer

Es sollte ein Wochenende im Zeichen der Sicherheit und des Gedenkens an die schlimmen Vorfälle von Paris sein – doch einige Fußball-Fans zeigten sich von ihrer hässlichen Seite. Vor allem beim Topspiel Schalke gegen Bayern schockten die Exzesse Hunderter Hooligans.

Trotz aller Aufrufe zu einem friedlichen Miteinander haben sich Fan-Chaoten in den deutschen Fußball-Ligen wieder gewaltig daneben benommen. Hooligan-Exzesse auf Schalke, Massenschlägereien in Mönchengladbach, Randale in einem Regionalzug in Hannover und Magdeburger Fan-Ausschreitungen in der 3. Liga: Ausgerechnet am Wochenende im Zeichen des Gedenkens an den Terror von Paris zeigte sich mancherorts in Deutschland das hässliche Gesicht des Fußballs. Der traurige Höhepunkt mit vielen Schwerverletzten und Hunderten Festnahmen waren die Ereignisse um das Bundesliga-Topspiel am Samstagabend zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern.

Was muss eigentlich noch passieren, dass solche Menschen innehalten? Ihr Verhalten wirft einen Schatten auf die Bemühungen des Profifußballers und der Fans im ganzen Land, den Opfern von Paris die Ehre zu erweisen.

Familienmensch des Tages: Ibrahima Traoré (Borussia Mönchengladbach)

Die Terroranschläge in seiner Heimatstadt Paris haben Ibrahima Traoré bis ins Mark getroffen. Den 27-Jährigen ließ die Angst um seine Familie nicht los, weshalb er sie kurzerhand nach Mönchengladbach holte. Seine Mutter Maniera, zwei Brüder, die Schwester und zwei Cousins – "insgesamt zwölf Leute", berichtete Traoré nach dem 2:1 von Borussia Mönchengladbach gegen Hannover 96.

Die Gewissheit, seine Familie in Sicherheit zu haben, war für den offensiven Mittelfeldspieler wie eine Befreiung. Er war bester Mann auf dem Platz und erzielte das 1:0. "Paris ist meine Stadt, dort bin ich aufgewachsen – nur zehn Minuten von den Attentaten entfernt. Ich war selbst oft an diesen Orten. Meine Familie wohnt weiter dort", hatte der Profi des Bundesligisten unter der Woche unserer Redaktion gesagt.

Nach dem Spiel klang das bei ihm so: "Ich wollte Spaß haben. Meine Familie war im Stadion und ich wollte sie nach all dem, was in meiner Heimatstadt Paris passiert ist, auf andere Gedanken bringen. Fußball ist eine tolle Sache und er lenkt ab. Wir hatten alle viel Spaß, glaube ich: meine Familie, die Fans, die Mannschaft und ich. Wenn es dann noch erfolgreich ist, ist es umso schöner." Apropos schön: Sein Tor zum 1:0 mit dem Außenrist war äußerst sehenswert.

Wetterlage des Tages: Berliner Olympiastadion

Bereits bei der Vorauswahl eines möglichen deutschen Olympia-Bewerbers hat Berlin gegen Hamburg den Kürzeren gezogen – es ging um die Sommerspiele 2024. Bei der Partie zwischen Hertha BSC und der TSG Hoffenheim avancierte die Hauptstadt kurzzeitig zum Wintersport-Standort. Heftiges Schneegestöber in der ersten Halbzeit erschwerte de Bedingungen. Die Strafräume mussten für die Schiedsrichter-Assistenten mit Hütchen markiert werden.

Im winterlichen Treiben fiel auch das entscheidende Tor für die Gastgeber. Hoffenheims Eugen Polanski verlängerte einen Freistoß ins eigene Tor, das Hawk Eye bestätigte, dass der Ball deutlich hinter der Linie war. Doch das hätte der Linienrichter wohl auch bei Sonnenschein und ohne Technik hinbekommen. Am Ende jubelte die Hertha – der Schnee auf dem Rasen war da längst der Heizung zum Opfer gefallen.

Retter des Tages: Javi Martinez (Bayern München)

Javi Martinez schrie seine Freude heraus und fiel Arjen Robben um den Hals. Alle, wirklich alle Feldspieler des Rekordmeisters Bayern München kamen angelaufen, um dem lange verletzten Spanier zu gratulieren. Martinez, beim 3:1-Sieg bei Schalke 04 eigentlich Abwehrchef, hatte sich nach vorn geschlichen und plötzlich völlig frei per Kopf zum 2:1 getroffen - zur Verwunderung aller. "Ich weiß auch nicht, was Javi da gemacht hat, warum er da war", sagte Vorbereiter Robben: "Er ist einfach eingelaufen und war frei. Dann macht er das Ding gut rein. Vielleicht ist das ja eine neue Position für ihn".

Martinez' letzter Treffer für die Bayern datiert vom 30. August 2013. Damals, vor 813 Tagen, hatte er im europäischen Supercup gegen den FC Chelsea in der letzten Minute der Verlängerung zum 2:2 getroffen. Wenige Minuten und ein Elfmeterschießen später standen die Bayern als Sieger fest und holten in ihrer Triple-Saison 2013 einen weiteren Titel.

Doch dann begann Martinez' Leidenszeit, mit einem Kreuzbandriss und immer wiederkehrenden Problemen. Am Samstag meldete er sich endgültig zurück. "Er ist einfach ein super Mensch, ein super Typ. Er ist der geborene Teamplayer", sagte Trainer Pep Guardiola über seinen Matchwinner.

Galgenhumor des Tages: Fans des VfB Stuttgart

In der Form ist der VfB ein klarer Abstiegskandidat. Gegen den zuvor siebenmal in Serie sieglosen FC Augsburg präsentierte sich Stuttgart erschreckend schwach und hilflos. Die frustrierten Fans reagierten auf das armselige Gekicke mit Galgenhumor.

Es glich einem fußballerischen Offenbarungseid, wie sich der völlig verunsicherte und hilflose VfB in dem richtungsweisenden Kellerduell präsentierte. Egal ob Zweikampfverhalten, Stellungsspiel, Abstimmung oder das Umschalten von Abwehr auf Angriff – nichts klappte an diesem aus Stuttgarter Sicht rabenschwarzen Samstag.

Die leidgeprüften VfB-Fans reagierten ironisch. "Oh wie ist das schön", sangen sie nach dem aussichtslosen 0:4-Rückstand und veräppelten ihre Idole bei jeder Ballberührung mit einer "La Ola". Dies tat den gedemütigten Akteuren ebenso weh wie die Klatsche. "Dass nach so einer Leistung noch Hohn und Spott dazu kommen, ist schade. Das tut weh", klagte Daniel Schwaab.

Patzer des Tages: Manuel Neuer (Bayern München)

Keeper Manuel Neuer absolvierte beim 3:1 gegen seinen früheren Klub Schalke sein 222. Pflichtspiel für den FC Bayern. Vor der Nordkurve patzte der Nationaltorhüter beim 1:1 durch Max Meyer. Dessen platzierter, aber beileibe nicht unhaltbarer Schuss landete im langen Eck des Bayern-Tors und machte den Hausherren auf Schalke Mut.

"Es war ein unangenehmer Ball, aber ich muss ihn haben. Der Ball wurde auf dem nassen Untergrund schneller. Ich wollte ihn um den Pfosten lenken – leider ist es mir nicht gelungen", sagte Neuer, der nach dem Treffer auf dem Boden liegen blieb und schuldbewusst den Kopf schüttelte. Am Ende blieb Neuers Patzer bedeutungslos, weil Javi Martinez und Thomas Müller mit ihren Treffern die Partie zugunsten des Rekordmeisters drehten.

Kritik an Neuer gab es ohnehin nicht. "Blöd, dass wir nach einem Konter das 1:1 gefangen haben", sagte Thomas Müller zum Gegentor. Wichtiger warfür die Bayern  etwas anderes: Der Vorsprung auf Verfolger Borussia Dortmund wuchs durch den Sieg auf acht Punkte nach 13 Spielen an. Von der Meisterschaft wollte Neuer aber dennoch noch nichts wissen: "Wir haben zwar jetzt acht Punkte Vorsprung, aber noch ist nichts gewonnen."

Lebensversicherung des Tages: Chicharito (Bayer Leverkusen)

Aus dem Leverkusener Matchwinner wurde schnell das Phantom von Frankfurt: Weil sich Doppelpack-Torschütze Javier Chicharito Hernandez (23./39.) nach dem Abpfiff schnell in die Kabine verkrümelte, durften sich seine Teamkollegen von Bayer Leverkusen nach dem 3:1 (2:1) bei Eintracht Frankfurt gebührend über ihren erfolgreichen Krisenmanager auslassen. "Dass er so konstant und regelmäßig trifft, ist schon außergewöhnlich", äußerte Bayer-Trainer Roger Schmidt anerkennend. Dabei war der mexikanische Nationalstürmer Hernandez (27) erst am Donnerstagabend von einer Länderspielreise aus der Heimat zurückgekehrt.

Doch auch von einem Gegner namens Jetlag ließ sich die "kleine Erbse" (Chicharito) nicht stoppen. Der hellwache Hernandez, der Ende August für knapp zwölf Millionen Dollar von Manchester United zum Werksklub gewechselt war, traf im siebten Pflichtspiel in Folge (insgesamt 10 Treffer) und schnürte bereits seinen dritten Doppelpack im Bayer-Trikot, auch wenn er beim ersten Treffer von einem kurioses Verhalten von Gegenspieler David Abraham profitierte, der ohne Grund über den Ball hüpfte.

"Javier ist ehrgeizig, gerade wenn es mal nicht so läuft. Das brauchen wir hier, er ist unsere Lebensversicherung", sagte Keeper Bernd Leno. Ein ganz Großer ist Leverkusens Nummer 7 auf einem anderen Gebiet auf jeden Fall schon: Hernandez hat bei Twitter sage und schreibe 5,82 Millionen Follower – und damit viel mehr als sein aktueller Klub (206.000 Follower).

Superheld des Tages: Pierre-Michel Lasogga (Hamburger SV)

Superman schlägt Batman: Nach seinem verwandelten Foulelfmeter zum 1:0 gegen Borussia Dortmund präsentierte der Torjäger des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV stolz das T-Shirt mit seinem Konterfei als Superman. "Auf der anderen Seite war ja Batman", scherzte Lasogga mit Blick auf den Dortmunder Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang. Auch sonst hatte Lasogga gut lachen. Das 3:1 gegen den BVB war bereits der fünfte Saisonsieg des Fast-Absteigers Hamburg. Lasogga hat mit sechs Saisontoren erheblichen Anteil am wiedererstarkten HSV.

Nicht einmal eine Gelbe Karte kassierte Lasogga für den Gag. Schließlich hatte er sein Trikot nicht ausgezogen. Die Aktion war wohlüberlegt, wie so manches, was der 8,5-Millionen-Euro-Einkauf des Vorjahres derzeit anstellt. Trainer Bruno Labbadia formte aus dem von Verletzungen gebeutelten Angreifer einen fitten Teamplayer. Der bullige 1,89-Mann erzielte die sechs Saisontore so wuchtig, wie er in die Zweikämpfe geht.

Wegbereiter des Tages: Alexander Esswein (FC Augsburg)

Sein letztes Bundesligator hatte Alexander Esswein vor zwei Monaten erzielt: Es war das Führungstor beim 2:0 des FC Augsburg gegen Hannover 96 gewesen, dem bis Samstag letzten Sieg der Schwaben in der Liga. Beim 4:0 gegen den VfB Stuttgart war es nun wieder der 25 Jahre alte Offensivspieler, der den Weg zum lange ersehnten Erfolgserlebnis bereitete. In der 11. Minute schloss Esswein einen tollen Pass von Raul Bobadilla eiskalt ab. Sechs Minuten später zog der frühere Nürnberger von der Strafraumgrenze ab, hatte dabei allerdings Glück, dass der Stuttgarter Timo Baumgartl den Ball noch abfälschte. Egal: Mit Essweins Doppelpack war der Grundstein zu Augsburgs höchstem Bundesliga-Auswärtssieg gelegt.

Seine eigene Leistung wollte Esswein aber nicht in den Mittelpunkt stellen, für ihn war es wichtiger, dass der FCA im Abstiegskampf einen wichtigen Erfolg verbuchen konnte. "Der VfB ist uns mit seiner Spielweise entgegengekommen, sodass wir unser schnelles Umschaltspiel voll ausspielen konnten. Nun gilt es für uns natürlich, auch zu Hause weiter Punkte einzufahren", sagte der FCA-Profi vor dem kommenden Heimspiel gegen Wolfsburg.

Spieler des Tages: Max Kruse (VfL Wolfsburg)

Kaum war Max Kruse zurück, lief das Spiel des VfL Wolfsburg in der Fußball-Bundesliga wieder auf Hochtouren. Beim 6:0-Sieg gegen Werder Bremen war der 27-Jährige Vorlagengeber und Torschütze in Personalunion. "Es war schon wichtig, dass er gleich wieder präsent war", sagte Trainer Dieter Hecking. Ende Oktober hatte sich der frühere Gladbacher einen Muskelfaserriss zugezogen, fiel ausgerechnet vor dem Pokalspiel gegen Bayern München aus, das dann prompt chancenlos mit 1:3 verloren ging. Am Samstag kehrte der zentrale Offensivspieler zurück ins Team der Wölfe und führte den Vizemeister nach zuvor drei Niederlagen aus vier Spielen zurück in die Erfolgsspur.

Mittlerweile ist der Angreifer auch in der Nationalmannschaft zur festen Größe geworden, nachdem er die WM in Brasilien vor eineinhalb Jahren noch verpasst hatte. Wolfsburgs Manager Klaus Allofs sieht in ihm einen außergewöhnlichen Spieler mit speziellen Vorzügen: "Max Kruse ist ein wichtiger Spieler. Er strahlt Torgefahr aus, hat Raffinesse in seinem Spiel und arbeitet viel nach hinten."

(can/sid/dpa)
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