Champions-League-Finale: Inters Lucio soll die Bayern ärgern
zuletzt aktualisiert: 21.05.2010 - 15:35Madrid (RP). Am Anfang muss es Lucio schwergefallen sein. "Du bleibst hinten", bedeutete ihm Inters Trainer José Mourinho, als der Brasilianer im Sommer 2009 vom FC Bayern über die Alpen wechselte. Nichts war's mehr mit seinen Attacken, die bei Mitspielern und Trainern in München und davor in Leverkusen, besonders aber bei den Gegnern gefürchtet waren. Aus der Ein-Mann-Büffelherde, wie Lucio mal bezeichnet wurde, entwickelte sich ein Innenverteidiger, der seinen Aufgabenbereich einzig und allein in hinterster Linie sah.
"Ich will an die taktischen Vorgaben und den Erfolg des Teams denken, mich nicht in den Vordergrund drängen", sagte der 32-Jährige, der in Italien "Der Koloss" genannt wird.
Lucio verkörpert damit den Geist, der dem italienischen Meister der vergangenen fünf Jahre seit jeher innewohnt. Inter Mailand steht für Defensive, steht allein für Ergebnisse, steht für die Zerstörung des Spiels. Seit der in Nordafrika aufgewachsene Argentinier Helenio Herrera mit seinem als Catenaccio bezeichneten Defensivkonzept in den 1960er-Jahren in Europa Erfolge feierte und "La Grande Inter" zur Blüte brachte, bestimmt diese Spielweise das Erbgut des Vereins.
Dass Mourinho im Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Barcelona einen unüberwindlichen Wall aus sieben Leibern vor das Mailänder Tor baute, passt zu diesem Image. "Aber wir können auch anders", warnte Lucio. Für die Kreativität steht insbesondere der Niederländer Wesley Sneijder, der wie Bayerns Arjen Robben 2009 von Real Madrids königlichem Hof verjagt wurde.
Der Football Club Internazionale di Milano spaltete sich 1908 vom Vorgängerverein des heutigen AC Mailand ab, weil dort zum Verdruss weltoffener Bürger nur Italiener spielen durften. Seit mehr als 100 Jahren pflegen die "Nerazzurri", die Schwarz-Blauen, ihren Ruf als internationaler Klub. Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann bereicherten Ende der 80er, Anfang der 90er das Spiel unter Trainer Giovanni Trapattoni und sorgten dafür, dass die deutsche Mannschaft bei ihren fünf WM-Auftritten 1990 im Giuseppe-Meazza-Stadion Heimspiel-Atmosphäre genoss. Zuvor hatten sich Hansi Müller und Karl-Heinz Rummenigge in der Lombardei einen Namen gemacht.
Mehr noch als Deutsche, Schweden oder Franzosen prägten aber Südamerikaner den Klub, den das Ölimperium der Familie Moratti trägt: Argentinier vornehmlich, Kolumbianer, Brasilianer. Viele von ihnen bekamen italienische Zweitpässe, weil sich bei genauester Betrachtung in ihren Stammbäumen Auswanderer vom Apennin fanden. Der Argentinier Javier Zanetti, der sich in erster Linie mit Robben auseinandersetzen darf, steht mit 680 Einsätzen in der Klubrangliste auf Platz zwei hinter Giuseppe Bergomi (758).
In Innenverteidiger Walter Samuel und Taktgeber Esteban Cambiasso, die Real Madrid beide ebenfalls mal verstieß, sowie Stürmer Diego Milito stehen noch drei Landsleute Zanettis in Mourinhos Idealformation, die ohne Italiener auskommt. Lucio rühmt seine Brasilianer: Julio Cesar im Tor und Maicon. Den bezeichnet Lucio als "besten rechten Verteidiger der Welt". Ob Philipp Lahm das auch so sieht?
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