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Kolumne Gegenpressing
Oscar für den bösesten Bösewicht an Diego Simeone

Kolumne Gegenpressing: Oscar für den bösesten Bösewicht an Diego Simeone
Atletico-Trainer Diego Simeone. FOTO: afp
Düsseldorf. Im Gewitter von Madrid wirkt Atléticos Fußballtrainer wie die perfekte Besetzung für Mephisto. Es fehlte nur, dass ihm Hörner wuchsen. Von Robert Peters

Noch ist nicht heraus, was Diego Simeone vom kommenden Sommer an tun wird. Vielleicht ist er dann nicht mehr Trainer von Atlético Madrid. Sollte sich kein neuer Arbeitgeber im Fußball finden, müssen eigentlich die Interessenten aus den großen Filmstudios Schlange stehen. Nie zuvor war die Rolle des Schurken besser besetzt als mit dem Argentinier. Und wer ein Drama mit Simeone in der Hauptrolle verfilmen will, der muss nur die Minuten nach dem Ende des Champions-League-Spiels gegen Real Madrid kopieren.

Mitten in einem bildschönen Gewitter, dessen Blitze die alte Betonschachtel Calderon in unwirkliches Licht tauchen, steht Simeone auf dem Rasen. Er reckt die Arme beschwörend Richtung Himmel, brüllt Verwünschungen, Flüche oder nur irgendetwas in den Abend. Man weiß nicht genau, was er schreit. Aber es ist auch gleichgültig. Hauptsache, er schreit. Wie immer ist er ganz in Schwarz gekleidet, der Regen hat die Kleidung längst durchnässt. Und er brüllt noch, als die Zuschauer auf den besseren Plätzen schon in die Räume für die besonders wichtigen Personen geflüchtet sind. Das Echo schallt ihm von den Rängen entgegen, auf denen die eigenen Fans stehen. Sie sind genauso durchnässt wie der Mann auf dem Rasen. Und in dem ganzen diabolischen Gebrüll fehlt jetzt nur noch, dass Simeone, dem Zeremonienmeister von Calderon, Hörner aus dem Kopf wachsen und dass er einen Dreizack in der Hand hält. Seit Gustaf Gründgens gab es keinen besseren Mephisto mehr auf dieser Welt. Simeone ist der perfekte Darsteller für das Selbstverständnis von Atlético. Ein Team, das Kraft aus der Rolle des vermeintlich Bösen zieht. Eine Mannschaft, die sich als Außenseiter in diesem Zirkus des schönen Scheins inszeniert und die in jedem Western als unrasierte Bande von Outlaws auftreten würde.

Kein Wunder, dass Atlético dem jeweiligen Gegner, vor allem natürlich dem Schleiflack-Klub Real, als Lieblingsfeind dient. Das Lokalderby von Madrid ist perfekt dazu geeignet, die Welt für 90 oder 120 Minuten in gut und böse, arm und reich, schön und hässlich zu unterteilen. Das ist genau die Folie, die es dem Stadionbesucher erlaubt, sich ein Spiel lang aus der Realität in die Welt der Emotion und einer großen Theateraufführung zu verabschieden. Das ist nahe am Ideal des großen Fußballs. Denn der Hang zur vornehmen Differenzierung ist ja nicht gerade das, was das Publikum in die Arenen der Gegenwart treibt. Für die Dauer der Aufführung haben die Stadien viel Ähnlichkeit mit den antiken Vorbildern. Nur dass im Colosseum von Rom die Folgen der Begeisterung auf den Rängen für die Gladiatoren weit schwerwiegender waren als beispielsweise die Wut der Atlético-Fans auf den führenden Gockel der Fußballwelt, Cristiano Ronaldo. Der spielt seine Rolle übrigens fast so perfekt wie Diego Simeone.

Aber eben nur fast so perfekt. Eigentlich müsste Simeone für die nächste Oscar-Verleihung zumindest nominiert werden. Meine Stimme hätte er.

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Quelle: RP
 
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