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"Gleich wieder da"
Basel-Fan: Nach Toilettenbesuch elf Jahre lang verschollen

Düsseldorf. Der Satz war einfach so dahingesagt. Natürlich war er das, schließlich musste Rolf Bantle nur mal kurz auf die Toilette. "Bin gleich wieder da", teilte er seinen Mitreisenden mit, als ihn fünf Minuten vor dem Ende des Champions-League-Qualifikationsspiels zwischen Inter Mailand und dem FC Basel seine volle Blase plagte. "Wieder da" war er letztendlich elf Jahre später. Was dazwischen passierte, ist eine dieser unglaublichen Geschichten, die das Leben manchmal schreibt. Von Andreas Reiners

An diesem 24. August 2004 hat sich Bantle nach dem Besuch auf der Toilette des Giuseppe-Mezza-Stadions verlaufen. Als die Zuschauer nach dem Schlusspfiff die Gänge verstopften, befand sich der damals 60-Jährige schon in einem anderen Sektor. Das gemeinsame Auto des Wohn- und Werkheims Dietisberg, das einen Tagesausflug nach Mailand unternommen hatte, war für ihn ebenfalls unauffindbar.

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Ein Handy? Hatte Bantle nicht. Die Nummer des Heims zudem nicht im Kopf. Dafür aber 20 Euro und 15 Franken in der Tasche. Ihm wurde die Sucherei "zu blöd", wie er der "Schweiz am Sonntag" erzählte. Und blieb halt einfach da. Und lebte die folgenden elf Jahre auf der Straße.

Um sein Verhalten zu verstehen, muss man freilich seine persönlichen Hintergründe kennen. Denn für ihn war es eine Chance. Eine kleine Flucht. Eine Flucht in die Freiheit. Eine Familie hat er in der Schweiz nicht. Da seine Mutter arbeiten musste und kaum Zeit für ihn hatte, bestimmte die Behörden: Bantle muss in eine Pflegefamilie. Glücklich wurde er dort offenbar nicht. Er machte keine Ausbildung, verdingte sich als Hilfsarbeiter und schaute zu oft zu tief ins Glas. Schließlich wurde er in Basel unter Vormundschaft gestellt. Die Folge waren verschiedene Heimaufenthalte. Zuletzt in Dietisberg.

Der Ablaufplan bis zum Anstoß

Mailand bedeutete für ihn also einen Ausweg. Weg von den Zwängen, den Vorschriften. "In den Heimen fühlte ich mich eingeengt. Die plötzliche Freiheit gefiel mir", sagt Bantle, der fortan auf den Straßen im Stadtteil Baggio lebte. In dem Studentenviertel wurde er eine kleine Berühmtheit. "Ganz Baggio rief mich bald Rudi, von Rodolpho. Es gab für mich schnell keinen Grund mehr, heimzukehren", erzählt er.

Zigaretten, Kaffee oder auch einen Wein bekam er spendiert, in der örtlichen Bibliothek knüpfte er Kontakte zu den Studenten, die ihm mit alltäglichen Dingen wie einem Schlafsack unter die Arme griffen oder in eine Kneipe einluden. Eine warme Dusche gab es einmal in der Woche, zwölf Minuten für einen Euro in einer öffentlichen Toilette. Sein neuer Wohnplatz: "Ein kleiner Unterstand vor dem Gemeindehaus: "Das war mein Platz, hier war ich vor Regen und Schnee geschützt." Und glücklich.

In der Heimat war er zunächst von der Amtsvormundschaft Basel als vermisst, wiederum später vom Zivilgericht als verschollen erklärt worden. Da er in seinem neuen Leben nicht straffällig wurde, fiel er dort durchs Raster. Selbst bei der einzigen Kontrolle in über zehn Jahren. "Ein einziges Mal bin ich von einer Polizistin kontrolliert worden an dem Platz in Baggio, wo ich immer gesessen habe. Der habe ich die ganze Geschichte erzählt und auch gesagt, wie lange ich schon in Italien sei und dass ich keinen Ausweis habe. Dann hat sie ein bisschen telefoniert, ist wieder aus dem Auto ausgestiegen und hat gesagt: 'Va bene, arrivederci!'", sagte er watson.ch.

"Arrivederci" hieß es im April 2015 für ihn dann aber doch. Da rutschte er auf dem Gehweg aus und brach sich den Oberschenkelknochen. Im Krankenhaus flog seine Geschichte auf, daraufhin wurde er nach Basel ins Klinikum gebracht.

Inzwischen lebt der heute 71-Jährige im Altersheim. Und will ein wenig überraschend gar nicht mehr zurück in sein altes neues Leben. "Rudi" ist immer noch glücklich. "Zehn Jahre sind genug, und hier geht es mir ja jetzt gut", sagt er.

(are)
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