Schwerpunkt Wettskandal: Das große Geschäft der Zocker
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 25.11.2009 - 14:37Düsseldorf (RP). Der europäische Fußball wird erschüttert von möglicherweise 200 manipulierten Partien. Wetten können auch auf Jugendspiele platziert werden – Informationen über Spielstände liefern so genannte Spotter nach Asien.
Im Internet-Videoportal Youtube finden sich gleich eine ganze Reihe lustiger Filmchen. Zu sehen sind darin tollpatschige Kerle, die auf mehr und minder skurrile Weise den Ball ins Tor stolpern. Man fängt herzhaft an zu lachen, wenn man so viel vermeintliche Talentfreiheit am Bildschirm bewundert.
Nun stellt sich heraus, dass die dort handelnden Personen vielleicht doch ziemlich viel von ihrem Handwerk verstehen. Sie haben sich offenbar für das Schauspiel bezahlen lassen. So oder so ähnlich ist es oft in den vergangenen Monaten europaweit gelaufen, allerdings haben sich die Handlanger auf dem Rasen meist unauffällig verhalten.
Das erschwert der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Bochum die Arbeit gewaltig. Immerhin ist man in der Justizbehörde sicher, rund 200 gezinkte Partien quer durch die Ligen Europas aufgedeckt zu haben. Eines davon soll das Qualifikationsspiel zwischen dem FC Dinaburg Daugavpils und Bnei Yehuda Tel Aviv sein. Die Letten verloren mit 0:1 gegen die Israelis. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) ist sich sicher, dass beide Mannschaften gut am Aufeinandertreffen verdient haben – das Ergebnis soll abgesprochen worden sein.
Zwanziger plädiert für Öffnung des Wettmarktes
DFB-Präsident Theo Zwanziger plädiert im Zuge des größten Wettskandals im europäischen Fußball für eine Öffnung des Wettmarktes für private Anbieter. "Der Staat muss den Wettmarkt liberalisieren und private Anbieter zulassen, die dann unter strenger staatlicher Kontrolle stehen", sagte Zwanziger der Sport Bild.
Die Bundesländer haben das Monopol der Oddset-Sportwette bis 2011 in ihrem Staatsvertrag festschreiben lassen. Demnach ist Oddset in Deutschland neben Pferdewetten die einzige legale Sportwette. Im Dezember steht das Monopol wegen einer anberaumten Entscheidung des Europäischen Gerichtshof (EuGH) allerdings auf der Kippe.
Herausgekommen ist das durch die Beobachtung des Wettmarktes durch die Firma Sportradar. Die Schweizer prüfen im Auftrag der Uefa Quoten und Einsätze bei 300 registrierten Anbietern. Manchmal stürzen bei Begegnungen die Kurse binnen Sekunden ab, in einem anderen Fall explodieren sie nach oben. Die Buchmacher nehmen in solchen Fällen die Duelle aus dem Angebot, denn vieles spricht dann dafür, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Besonders anfällig sollen, wie der Fall in Lettland zeigt, osteuropäische Mannschaften sein. Bei Spielergehältern von 300 Euro im Monat kann ein Bestechungsgeld im Bereich von 1000 Euro aufwärts einen armen Kicker schnell schwach machen. Beim aktuellen Skandal sollen auch in Deutschland etliche Spieler bestechlich gewesen sein. Den großen Reibach macht die Wettmafia. Es geht um Milliardenumsätze. In der Regel operieren die Betrüger außerhalb der Kontrolle von Uefa und nationalen Verbänden. Die Wetten werden bei Buchmachern im asiatischen Raum platziert, die hat Sportradar nicht auf dem Schirm.
Darunter sind vielfach Spiele in unteren Ligen, die nicht einmal im Fernsehen übertragen werden. Dafür wuseln so genannte Spotter, vielfach Chinesen, meist Studenten, die per Handy Details weitergeben, auf den Plätzen herum und senden eine Liveübertragung an die Wett-Plattformen. Selbst bei Jugendspielen sind diese "Kommentatoren" gesichtet worden. Interessant sind die Partien vor allem deshalb, weil zeitgleich nicht viel los ist. Dass die Glücksspieler die Begegnungen nicht selbst sehen können, spielt keine Rolle – in Asien, sagen Insider, wird auf alles gewettet.
Der DFB hat keine Handhabe gegen solche Praktiken. Die betroffenen Vereine müssen sich selbst helfen – und den "Spottern" Hausverbot erteilen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







