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Gardinenpredigt des "Kaisers": "Das war Altherrenfußball - eine Blamage"

zuletzt aktualisiert: 07.03.2001 - 21:51

Lyon (rpo). Die Spieler des FC Bayern München wollten nach dem 0:3-Debakel gegen Olympique Lyon nur noch ihre Ruhe haben. Doch Präsident Franz Beckenbauer ließ ihnen diese nicht. Er wetterte drauf los, und es war ihm egal , dass Sponsoren, VIP's und Journalisten dabei waren. Die Mannschaft bekam ordentlich ihr Fett weg.

Ohne Rücksicht auf Verluste stellte der 55-Jährige das hochbezahlte Kicker-Personal 4:42 Minuten lang als "Lehrbuben" an den Pranger, bot ihnen spöttisch "Nachhilfeunterricht" an und empfahl für den Fall fehlender Einsicht in letzter Konsequenz sogar einen Berufswechsel.

"Das ist eine andere Sportart, die wir spielen. Das ist nicht Fußball. Das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball", polterte Beckenbauer und sah für die Titel-Ambitionen in Bundesliga und Champions League schwarz: "Wenn Ihr so weiter spielt, werden die ganzen Trophäen sicherlich nicht nach München gehen."

Mit versteinerten Mienen verfolgten die Spieler den Monolog der höchsten (Vereins-)Instanz, der auch noch mit Beifall der Edelfans quittiert wurde. Ottmar Hitzfeld, den Beckenbauer in seiner Rede mit keinem Wort direkt ansprach, wurde aschfahl im Gesicht. Doch der 52- Jährige, der die Mannschaft als Trainer aufstellt, einstellt und damit sportlich verantwortlich zeichnet, war nicht die Zielscheibe der "kaiserlichen" Konfrontation. "Wo der Franz Recht hat, hat er Recht", so Hitzfeld: "Ich fühle mich nicht persönlich angesprochen."

Die verbale Ohrfeige des "Kaisers" schien in der Heftigkeit aber sogar Manager Uli Hoeneß und Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge zu missfallen, die nach dem Essen ungewohnt rasch den Präsidenten-Tisch verließen und extrem angesäuert auf ihre Zimmer gingen. Wobei Hoeneß zuvor im Stadion ebenfalls Tacheles geredet hatte, sich dabei aber im Gegensatz zu Beckenbauer spürbar in Zaum zu halten versuchte: "Wir haben schon seit Weihnachten so gespielt. Man kann sich nicht wochenlang durchlavieren. Ich hoffe, dass der Prozess, der jetzt in Gang kommt, ausreicht für Meisterschaft und Champions League."

Nach den Pleiten in der Bundesliga ist das Flaggschiff des deutschen Vereinsfußballs auch in der Champions League ins Trudeln geraten. Mit zehn Punkten sind die Krisen-Bayern vor dem letzten Spieltag der Zwischenrunde zwar weiterhin Tabellenführer der Gruppe C vor Arsenal London (8) und Lyon (7). Aber Olympique liegt nun im direkten Vergleich vorne.

Als Krönung des schmachvollen Auftritts holte sich Stefan Effenberg mit einem Frustfoul kurz vor Schluss die dritte Gelbe Karte ab. Drei Tage nach Oliver Kahns Ausraster in Rostock ein weiteres Zeichen, wie blank die Nerven selbst bei den Führungsspielern liegen. "Das war unglaublich blöd im Nachhinein", gab der Kapitän kleinlaut zu. Er ist nun gesperrt beim "Endspiel" gegen Arsenal am kommenden Mittwoch im Münchner Olympiastadion, in dem die Bayern einen Punkt brauchen, um aus eigener Kraft ins Viertelfinale einzuziehen.

Doch nach der Abreibung, die das ersatzgeschwächte Lyon mit den Toren des 21-jährigen Wirbelwindes Sidney Govou (13./20.) und von Pierre Laigle (71.) den Münchnern verabreichte, scheint alles denkbar. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals so schlecht in der Champions League gespielt haben", meinte Kahn ratlos. "Jetzt wird sich zeigen, was für Typen wir in der Mannschaft haben, ob wir uns gegen diesen Druck, gegen diese Verunsicherung stemmen. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir nächste Woche mit Sicherheit nicht ins Viertelfinale der Champions League einziehen", sagte Effenberg.

Samstag Cottbus, nächsten Mittwoch Arsenal und als Finale der "Woche der Wahrheit" das Derby gegen 1860 München - dramatische Tage stehen den Bayern bevor. Aber unabhängig vom Ausgang ist diese Mannschaft ein Auslaufmodell. Unverblümt forderte Effenberg Manager Hoeneß zum angekündigten personellen Schnitt auf: "Er muss gewisse Spieler verkaufen, neue einkaufen und dem FC Bayern ein neues Gesicht geben. Ein frisches Gesicht, mit frischem Blut."

"Dilletantisch", so Hitzfeld, agierten vor 40 000 Zuschauern praktisch alle. Aber die Abwehr zog trotzdem erneut den größten Zorn auf sich. Hitzfeld hatte Jens Jeremies ins Mittelfeld strafversetzt. Doch die beim 3:0 in Moskau noch gelobte Abwehrkette mit Kuffour, Andersson und Linke versagte total. "Es reicht nicht, wenn einige nur 60 Prozent bringen", urteilte Hitzfeld. Er begann noch in der Nacht mit den ersten Aufräumarbeiten. 25 Minuten diskutierte er allein an einem Tisch mit Kahn. "Man muss in die absoluten Leistungsträger hineinhorchen", sagte er. Bei der Flucht in Zweck-Optimismus stellte der Trainer eine waghalsige These auf. "Auch mit dieser Abwehr können wir die Champions League gewinnen." Nicht nur das sieht Beckenbauer offenbar anders: "Das war Olympique Lyon, nicht Real Madrid."

Quelle: RPO Archiv

 
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