WM ein Kindheitstraum: Deisler spürt Gegenwind
zuletzt aktualisiert: 09.05.2002 - 11:43Freiburg (rpo). Den "kaiserlichen Rat" hat Sebastian Deisler nicht befolgt, denn der Fußball-Jungstar will sich nach dem ersten empfindlichen Karriere-Knick unbedingt einen Kindheitstraum erfüllen: "Ich habe schon als kleiner Junge von einer WM-Teilnahme geträumt. Bei Italia 1990 saß ich mit der Fahne vor dem Fernseher."
Franz Beckenbauer hatte dem künftigen Arbeitnehmer des FC Bayern München nach dessen langwieriger Verletzungspause in dieser Saison einen Verzicht auf die Weltmeisterschaft in Asien nahe gelegt. Doch an eine Absage verschwendet Deisler drei Wochen vor Turnierbeginn keine Gedanken mehr. "Ich bin froh, eine WM mitzumachen - egal wie", sagte der 22-Jährige zum Auftakt des Trainingslagers der DFB-Auswahl im sonnigen Schwarzwald.
Deisler will sich allerdings - wie gewohnt - "nicht unter Druck setzen lassen". Auch Teamchef Rudi Völler warnte davor, auf Anhieb "Wunderdinge" von seinem Spielmacher in der durch Mehmet Scholls Absage arg geschwächten Kreativ-Anteilung der deutschen Elf zu erwarten. "Wichtig ist Spielpraxis", betonte Deisler. Denn die hat er seit der Knieverletzung, die er am 13. Oktober 2001 erlitten hatte, sowie anschließender Operation kaum noch gehabt. Ganze 104 Minuten stand er in der Bundesliga nach seinem Comeback am 23. März auf dem Platz. Nach einem neuen Rückschlag in Form eines Muskelfaserrisses im Oberschenkel kamen am vergangenen Samstag noch einmal elf Minuten in seinem letzten Spiel für Hertha BSC in Leverkusen hinzu. "Der Körper fühlt sich noch etwas eingerostet an", meinte Deisler, dessen Krankenakte 16 Verletzungen in drei Berliner Dienstjahren auflistet.
Völler scheint gewillt, mehr als nur sanften Druck auf den Mann auszuüben, der seiner Meinung nach in Deutschland "die Zukunft im offensiven Mittelfeld" personifiziert. Deisler müsse sich zwar nach der langen Abwesenheit "langsam ranarbeiten", dennoch werde gerade er in der Vorbereitung häufiger "an die Schmerzgrenze" gehen müssen, kündigte der Teamchef an. "Da werden wir etwas tun", so Völler.
Trotz seiner Jugend ist Deisler mit 22 Jahren bereits an einer wichtigen Weggabelung seiner Karriere angelangt: Kränkelnder Jungstar oder doch ein kommender Superstar? Der bevorstehende Wechsel von Hertha BSC zum FC Bayern, der wegen eines 20-Millionen-Mark-Schecks aus München für heftigen Wirbel gesorgt hatte, hat den früheren Gladbacher mit den rauen Seiten des Profigeschäfts konfrontiert. "Es gab zum ersten Mal in meiner Karriere Gegenwind für mich", bestätigte Deisler. In Berlin bekam er plötzlich laute Pfiffe statt Jubel zu hören. Zwar sagt er: "Es ist normal, dass es den Leuten nicht so gefällt, wenn man zum FC Bayern geht." Erwartet hatte er eine derart heftige Reaktion allerdings nicht.
Vielleicht sollte sich Deisler den Nationalmannschafts-Kollegen Michael Ballack zum Vorbild nehmen, mit dem er in der kommenden Saison auch beim FC Bayern zusammen spielen wird. Ballack verlässt Bayer Leverkusen trotz des frühzeitig bekannt gewordenen Transfers zum großen Rivalen FC Bayern mit donnerndem Applaus. "Kompliment, was er für eine Saison gespielt hat", lobte auch Deisler den drei Jahre älteren Kollegen: "Michael hat einen Riesensprung nach vorne gemacht. Er hat Bayer Leverkusen geführt auf dem Platz." Vom Status eines Führungsspielers ist Deisler dagegen vor der WM meilenweit entfernt.
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