Jahrzehntelange Tradition gebrochen: DFB-Auswahl hat das Singen verlernt
zuletzt aktualisiert: 28.05.2002 - 09:57Hamburg (rpo). "Konnichiwa Nippon" (Guten Tag, Japan) hätte ein Hit werden können. Doch entgegen Jahrzehnte währender Tradition hat die deutsche Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea kein eigenes Lied aufgenommen.
Seit der WM 1974 in Deutschland hatten die besten Kicker des Landes unterstützt von zahlreichen Musikgrößen alle vier Jahre in die Mikrofone geträllert. "Fußball ist unser Leben" wurde damals zur Mutter aller WM-Songs. Mit den Titelkämpfen in den USA und dem Stück "Far away in America", gemeinsam intoniert mit der US-Band Village People, endete jedoch vor acht Jahren die Gesangskarriere der Fußball-Profis.
Seitdem haben sie anscheinend keine Zeit mehr zum Singen: "Vielleicht müssen sie jetzt mehr trainieren, damit sie die erste Runde überstehen", scherzt Oliver Opitz, Sprecher von BMG Ariola München. Unter den Bertelsmann-Labels entstand nicht nur der USA-Song, auch Peter Alexander hauchte 1986 mit Franz Beckenbauer und seinem Team "Mexico Mi Amor" (Mexiko meine Liebe). Kurz darauf wurde Deutschland Vize-Weltmeister.
Genauso wie vier Jahre zuvor, als sich die Nationalelf unter "Chorleiter" Michael Schanze mit "Olé España" und Versen wie "Das Herz hat einen Namen, in Spanien nennt man es el corazón" bis ins Endspiel in Madrid schmachtete. Am 1:3 gegen Italien änderte das freilich nichts.
Dass die Qualität eines Liedes auf die Leistungen der Spieler abfärbt, darf allerdings bezweifelt werden. Schließlich schied das Nationalteam 1978 in Argentinien durch die "Schmach von Cordoba" gegen Österreich bereits in der Zwischenrunde aus. Der WM-Schlager "Buenos Dias Argentina" mit dem Österreicher Udo Jürgens wurde jedoch zum hunderttausendfach verkauften Hit.
Mit Jürgens feierte die Nationalelf auch einen ihrer größten Triumphe. "Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf", sangen Rudi Völler & Co. voller Vorfreude auf die WM in Italien. Nach dem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien reckte der Mittelstürmer und heutige Teamchef den Siegerpokal in den römischen Himmel, wie es die Strophenzeile "Wir sind enorm motiviert und in Form" bereits erahnen ließ.
"Heute sind solche Lieder wohl aus der Mode gekommen", vermutet Opitz. Dennoch will die Plattenfirma pünktlich zur diesjährigen WM mit dem Fußball-Sampler "Glanzparade" die gute alte Zeit beschwören. Auf der Zusammenstellung ist neben Franz Beckenbauers "Gute Freunde kann niemand trennen" auch die Nationalmannschaft noch einmal verewigt.
Wer es aktueller will, muss sich dieser Tage wie vor vier Jahren in Frankreich mit einer ganzen Reihe mehr oder weniger offizieller Lieder trösten. Unter anderem besingt die Popgruppe Die Prinzen in ihrem Werk "Olli Kahn" die sportlichen Heldentaten des Welttorhüters. Auf die offizielle FIFA-Hymne "Boom" von US-Rockröhre Anastacia sind viele Fans allerdings nicht gut zu sprechen, denn mit Fußball habe weder der Song noch die Sängerin etwas zu tun. Auf der Internetseite der Initiative "Stopp Anastacia - Wir wollen einen anständigen WM-Song" fordern einige bereits seit Wochen die Rückkehr von "Rudis Buben" an die Mikrofone.
Für diesen Fall hätte die deutsche Fußballer-Elite Hilfe von einem echten Gesangsveteranen zu erwarten. Gotthilf Fischer gilt nicht nur als "Chorleiter der Nation", er wäre sogar "jederzeit bereit, ein Lied mit den Jungs aufzunehmen", sagte er der dpa. Erfahrung hat er zur Genüge - 1974 trat Fischer vor dem WM-Finalsieg der Deutschen im Münchner Olympiastadion mit einem 1500-Mann-Chor auf. Und auch mit der Psyche von Fußballern scheint er sich auszukennen: "Wenn sie mehr singen würden, hätten sie in Japan bessere Chancen."
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