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Trotz der Bayern-Dominanz
Borussia Dortmund lässt sich nicht beirren
DFB-Pokal 12/13: Klopp verzweifelt an der Seitenlinie
DFB-Pokal 12/13: Klopp verzweifelt an der Seitenlinie FOTO: afp, CHRISTOF STACHE
Aus im DFB-Pokal, 17 Punkte Rückstand in der Bundesliga, ein Torjäger vor dem Abgang – die Verantwortlichen bei Borussia Dortmund hätten genügend Gründe, auch einmal kritisch in die Zukunft zu blicken. Doch Klopp und Co. sind Verdrängungskünstler. Die internationalen Erfolge geben ihnen dabei Recht. Von Jannik Sorgatz

Jürgen Klopp stand überraschend gelassen im ARD-Studio. Als hätten ihn Gerhard Delling und Mehmet Scholl gerade zwischen zwei lockeren Trainingseinheiten abgepasst. "Wir waren nicht so gut, wie wir sein können. Wir sind hier heute verdient ausgeschieden", beendete der Coach des BVB nach vier Minuten sein scheinbar letztes Statement zum Spiel. "Deshalb: Glückwunsch an Bayern zum Halbfinal-Einzug."

Doch dann warf Delling noch einmal den Namen "Robert Lewandowski" in den Raum. Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hatte vor dem Spiel bestätigt, dass der Stürmer den BVB spätestens mit Vertragsende 2014 verlassen will. Würde die ARD einen Mitarbeiter mit Thermometer ins Studio stellen, hätte dieser wohl einen rapiden Temperatursturz bemerkt. "Mich", wechselte Klopp von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde und brachte einen eigenen Themenvorschlag ein, "würde viel mehr interessieren, wo Mario Gomez nächstes Jahr spielt oder Arjen Robben. Ich glaube nicht, dass die ein zweites Jahr so mitmachen."

"Europe's Hottest Club"

Auch wenn Klopp mehrfach betonte, dass ihn das Brimborium um Lewandowski "null" interessiere, offenbarte er mit der reflexartigen Stichelei, was den Deutschen Meister derzeit mehr umtreibt als Resultate auf dem Platz. Die Gegenwart sieht trotz Pokalaus und 17 Punkten Rückstand in der Bundesliga immer noch rosig aus. In der Champions League hat Dortmund alle Möglichkeiten vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Schachtjor Donezk. Das englische Fußball-Magazin "FourFourTwo" widmete dem BVB, "Europe's Hottest Club", jüngst eine Titelstory. Alles bestens. Es ist die Zukunft, mit der sich Klopp, Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke beschäftigen müssen.

Schon bevor der FC Barcelona beim AC Mailand 0:2 verlor, bekam Dortmund das Prädikat der "wahren Erben des Barca-Throns" verliehen. Diese Art der Wertschätzung hat sich offenbar bis zum langjährigen Marktführer selbst herumgesprochen. In Barcelona soll Nationalverteidiger Mats Hummels ganz oben auf der Einkaufsliste stehen. Während sich die Verantwortlichen zurückhalten, sind die Barca-Fans schon verzückt und würden Hummels sogar lieber bei den Katalanen sehen als Brasiliens Jungstar Neymar.

Alle Rückschläge verkraftet

Nahezu spruchreif wie der Lewandowski-Wechsel sind solche Gerüchte zwar nicht. Doch sie zeigen, dass es für den BVB in Zukunft nicht einfacher wird, seine Erfolgsgaranten im schwarz-gelben Trikot zu halten. Die Verpflichtung von Marco Reus für 18 Millionen Euro (im internationalen Vergleich ein Schnäppchen) hat den Weggang von Shinji Kagawa kompensiert. Rückkehrer Nuri Sahin beweist gerade unfreiwillig, dass er in der Saison 2010/2011 überragend war, mittelfristig aber ersetzbar. Lucas Barrios, noch ein Held jener Meistermannschaft, wirkt so weit weg, dass man sich fragt: 2011? Erst zwei Jahre ist das her?

So weit, so gut also. Was aber häufig vom Glanz der Stammelf überstrahlt wird: Dortmund baut seinen Erfolg auf einer dünnen Personaldecke. Im Schnelldurchlauf liest sich das so: Felipe Santana hat als Ersatz-Innenverteidiger kaum überzeugt in dieser Saison. Die Außenverteidiger Marcel Schmelzer und Lukasz Piszczek haben überhaupt keinen echten Backup.

Immerhin streiten sich drei Klasse-Leute um zwei Positionen vor der Abwehr. Die Dreier-Reihe um Reus, Götze und Kuba stellt sich nach dem Verkauf von Ivan Perisic und angesichts eines schwächelnden Kevin Großkreutz aktuell von alleine auf. Und Julian Schieber reicht als Lewandowski-Ersatz nicht ansatzweise an das Niveau des Polen heran. Doch selbst das reichte, um den englischen Meister Manchester City in der Champions League mit einer B-Elf zu besiegen. Unterm Strich liegen die Argument auf Seite der Schwarz-Gelben.

Nach dem 0:1 in München sieht Klopp die selbstbewussten Kommentare der Bayern-Verantwortlichen dennoch gelassen: "Wir sind nach wie vor in einer Entwicklung, und die ist nicht so schlecht. Diesmal hat es nicht gereicht. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir in den nächsten Jahren chancenlos sind."

Lewandowski hing in der Luft

Am Mittwochabend durften alle in der Allianz-Arena schon einmal beobachten, wie ein BVB ohne Hummels und Lewandowski aussehen würde. Die Bayern-Offensive machte Hummels-Ersatz Santana das eine ums andere Mal als Schwachstelle aus. Vorne wurde Lewandowski so sehr aus dem Spiel genommen, dass es ihm niemand verdenken könnte, nur nach München zu wechseln, um nicht mehr auf Dante als Gegenspieler zu treffen. Prompt fehlte es Dortmund in der ersten Hälfte völlig an Strafraumpräsenz. Nur vier Ballkontakte verbuchte der Double-Gewinner vor der Pause im gegnerischen Sechzehner.

Nach dem Wechsel genügten aber ein paar wenige Szenen, um zu verdeutlichen, was britische Fachblätter so "hot" finden am BVB. Und war es auch nur Mario Götze, der Ballannahme und -weitergabe kunstvoll zu einer Bewegung verschmelzen lässt. Einfachste Fußball-Mathematik machte es zudem möglich, dass die Verlängerung permanent greifbar war. Beinahe hätte Schieber in der Nachspielzeit das 1:1 erzielt.

Klopp und Co. verweigern den Blick in die Zukunft, zumindest öffentlich, in jeglicher Hinsicht. Erst Hannover, dann Donezk – so sieht der Sechs-Tages-Plan aus. Diese Verdrängungskunst, eine Art Ruhrpott-Version des Münchner "Mia san mia", hat den BVB zu drei Titeln in zwei Jahren getragen.

Nächstes Duell in der Champions League?

Nicht nur die Redaktion des Magazins "FourFourTwo" wird sich jedoch den 15. März bereits dick im Kalender eingetragen haben. Gut möglich, dass Borussia Dortmund dann bei der Auslosung des Champions-League-Viertelfinales im Topf liegt. Vier europäische Meister hätten die Schwarz-Gelben im laufenden Wettbewerb ausgeschaltet. Es könnte in der nächsten Runde eine Mannschaft warten, deren Trainer einen Arjen Robben und einen Mario Gomez regelmäßig auf die Bank setzt. Dortmund gegen Bayern in der Königsklasse – damit wäre die Gegenwart wirklich zu "heiß", um sich mit der Zukunft zu quälen.

Quelle: sap
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