Van Gaal will alle Titel: Deutschlands neuer Liebling
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 15.05.2010 - 17:06Berlin (RP). So viel Zuneigung wie zurzeit erfuhr Louis van Gaal noch nie. Der Trainer aus den Niederlanden kann seinen Siegeszug mit dem FC Bayern heute (20 Uhr/Live-Ticker) im Pokalfinale gegen Werder Bremen fortsetzen.
Ganz bestimmt ist er inzwischen beliebter als die Bundeskanzlerin. Und wahrscheinlich könnte er schon morgen eine eigene Fernsehshow mit beachtlichen Einschaltquoten machen. Louis van Gaal ist Holländer, und er trainiert den FC Bayern München. Trotzdem mögen ihn alle. Ein bisschen mögen die meisten nun sogar die Bayern.
Das wiederum ist eine Sensation bei diesem Verein, der die deutschen Fußballfans über viele Jahre so zuverlässig in Anhänger und Gegner geteilt hat wie die Mittellinie auf dem Platz die zwei Hälften. Nichts ist mehr, wie es war in diesen Tagen vor dem DFB-Pokalfinale der Bayern gegen Werder Bremen. Und das liegt an Louis van Gaal (58).
Dabei wollten die Oberbayern gar keinen Sympathieträger (mehr), als sie vor gut einem Jahr das Experiment mit dem dauerfröhlichen Jürgen Klinsmann für beendet erklären mussten und Kontakt zu dem als besonders knurrig geltenden Holländer aufnahmen. Übrigens zum fünften Mal seit 1997, wie van Gaal im vergangenen Sommer bereitwillig ausgeplaudert hat. "Wir wollen nicht Jedermanns Liebling verpflichten", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.
Bremen: Wiese - Fritz, Mertesacker, Naldo, Pasanen - Frings - Bargfrede, Borowski - Özil - Pizarro, Marin. - Trainer: Schaaf
München: Butt - Lahm, van Buyten, Demichelis, Badstuber - van Bommel, Schweinsteiger - Robben, Ribery - Müller, Olic. - Trainer: van Gaal
Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne)
Spielbeginn: 20 Uhr, LIVE bei RP Online
"Ich bin der Beste"
Nun hat er den Salat. Die Bayern spielen den schönsten Fußball mindestens seit Einführung des Euro, manche behaupten: seit der Währungsreform 1948. Den ersten Titel, die Deutsche Meisterschaft, haben sie schon in der Tasche. Heute soll der Pokalsieg gegen Werder Bremen her, und in einer Woche kann das Unternehmen vollends für die Geschichtsbücher taugen, wenn es mit dem Erfolg im Madrider Finale der Champions League gegen Inter Mailand gekrönt wird. Dann ist van Gaals Bemerkung richtig, mit der er sein Heimatland vergangenen Sommer verwöhnte, nachdem er mit dem Provinzklub Alkmaar die Meisterschaft der Ehrendivision gewonnen hatte: "Ich bin der Beste."
Am Freitag in Berlin hat er das nicht wiederholt. Das Selbstbewusstsein sieht man ihm jedoch auch dann an, wenn er seine Fähigkeiten nicht ausgiebig preist. Seinem dankbaren deutschen Publikum gilt er ohnehin nicht nur als ultimativer Fachmann, sondern zugleich als Humorbeauftragter in einem überaus ernsten Gesellschaftsspiel.
Als er in Berlin mit absichtlicher Verwunderung die grüne DFB-Dekoration in der Stadt mit einer Werbekampagne für den grün-weißen Gegner Bremen verwechselt, da freuen sich alle zu seinen Füßen. Und als er beim Blick auf alte Pokalfilmchen beglückt feststellt, "es war kein Weißbier dabei. Das find ich gut", da lacht die Menge voller Dankbarkeit, die sich an die Bierduschen vor einer Woche erinnert.
Van Gaal sieht das mit einer Mischung aus Rührung und Amüsement. Er könnte wohl aus dem Telefonbuch von Amsterdam vorlesen, und die Menge würde das als einen erfreulich sachlichen Beitrag zur Völkerverständigung feiern. Tatsächlich glaubt der niederländische Botschafter in Berlin, dass sich das Verhältnis von Deutschen und Holländern durch van Gaals segensreiches Wirken deutlich verbessert habe. "Ich habe noch niemals so ein positives Image bekommen", sagt der Trainer und benutzt das holländische "Imago", "dafür will ich mich bedanken." Jetzt sieht er wirklich gerührt aus.
Neue Rolle als Liebling
Kein Wunder, es ist das erste Mal in seiner fast 20 Jahre umfassenden Karriere als Cheftrainer, dass er wirklich gemocht wird. Achtung hat der Mann mit dem strengen Blick immer erfahren, weil er Erfolge gefeiert hat. Aber zur Rolle als Liebling der Menge hat es nie gereicht. Dafür wurde ihm gern der Hang zur öffentlichen Schulmeisterei vorgehalten. In dieser Disziplin hängt er große Amtsbrüder wie Otto Rehhagel und Hans Meyer locker ab.
Van Gaal ist kein Leisetreter – auch Abneigungen drückt er sehr offen aus. "Ich nehme für mich in Anspruch, immer ehrlich zu sein", sagt er. Und: "Ich weiß, dass es nicht leicht ist mit mir." Man muss lernen, das auszuhalten. Seine Spieler haben es gelernt, seine Dienstherren beim FC Bayern ebenfalls. Inzwischen hat sich ihr anfänglicher Respekt in Bewunderung, in Zuneigung verwandelt. Spätestens als der Trainer den Münchner Rathausbalkon vergangene Woche in eine offene Partyzone verwandelte und seiner Einschätzung, "ich bin ein Feierbiest", beim Tänzchen mit dem angenehm verdatterten Oberbürgermeister Christian Ude so richtig gerecht wurde, ist van Gaal nicht nur bei den Bayern ganz oben angekommen.
Aber er will mehr. "Wenn ich schon mal hier bin", betont er, "dann will ich auch den Pokal gewinnen. In Holland und Spanien habe ich das schon geschafft. Der deutsche Pokal ist für mich eine Herausforderung." Diesmal schaut er ernst. Muss auch mal sein.
Die deutschen Double-Gewinner:
1937: Schalke 04
1969: Bayern München
1978: 1. FC Köln
1986: Bayern München
2000: Bayern München
2003: Bayern München
2004: Werder Bremen
2005: Bayern München
2006: Bayern München
2008: Bayern München
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