Gelsenkirchen empfängt seine Sieger: Pokalfeier: Zuschauer ohrfeigt Manuel Neuer
zuletzt aktualisiert: 22.05.2011 - 20:48Gelsenkirchen (RPO). Mit dem DFB-Pokal im Arm nimmt Nationaltorwart Manuel Neuer Abschied von "seinem" Klub Schalke 04. Nicht alle sind davon begeistert: Beim Autokorso am Sonntag verpasste ein Fan dem Nationaltorwart eine Ohrfeige.
Als Manuel Neuer um halb zwei mit dem Pott im Arm den Saal betrat, empfing ihn donnernder Applaus der VIPs und königsblauen Edelfans. "Das ist der Manu, wenn er glücklich ist", sagte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies und nahm auf dem Höhepunkt des Pokalsieger-Banketts von Schalke 04 in einem Edel-Restaurant am Spreeufer den scheidenden Nationaltorwart in den Arm. Noch einmal feierte Schalke mit Neuer - den versöhnlichen Abschluss einer verrückten Saison und den Abschied seiner Nummer eins.
Wie sehr Neuers möglicher Wechsel zu Rekordmeister Bayern München allerdings an der Schalker Fanseele nagt, zeigte ein Vorfall am Sonntagnachmittag. Während des Autokorsos der Pokaklhelden in Gelsenkirchen wurde Neuer Opfer einer Fan-Attacke. Der Nationaltorhüter bekam eine Ohrfeige verpasst, als er im offenen Cabrio durch die Menschenmassen fuhr.
Ein auf Bild.de veröffentlichtes Video zeigt, wie Neuer von einem aufgebrachten Anhänger mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen wird. Der Täter flüchtete anschließend und ließ einen sichtlich erschreckten Neuer zurück. Die Anzahl der Sicherheitskräfte um Neuers Cabrio wurden daraufhin erheblich verstärkt, weitere Vorfälle gab es nicht.
Am Abend zuvor hatte der künftige Bayern-Profi noch lauthals das Vereinslied "Blau und weiß" geschmettert, während Raul mit leuchtenden Augen das königsblaue Treiben nach dem 5:0 (3: 0)-Finalsieg gegen den Zweitligisten MSV Duisburg beobachtete. "Komma hier, wat stehste inne Ecke", rief Tönnies dem spanischen Weltstar zu, der sich wie ein kleines Kind an Weihnachten über den ersten Pokalsieg seiner glanzvollen Karriere freute. "Ich musste erst nach Deutschland kommen, um erstmals einen Pokal in den Himmel zu recken", sagte das Idol von Real Madrid, das mit den Königlichen fast alles gewonnen hatte.
Neuer indes wollte in der Stunde des Abschieds nicht sentimental werden. "Ich will den Moment genießen", sagte der 25-Jährige, der im Berliner Olympiastadion sein 199. Spiel für Schalke bestritten hatte, und gab höchstpersönlich den Startschuss für den königsblauen Party-Marathon. "Jetzt essen wir erstmal und dann ziehen wir weiter."
Der Feier im Mannschaftskreis folgten am Sonntag die Rückfahrt im Sonderzug und der Autokorso im Cabrio durch Gelsenkirchen. "Es ist der krönende Abschluss der Saison. Es herrscht eine unfassbare Atmosphäre. Wir sind beeindruckt und glücklich, dass wir den Pott nach Gelsenkirchen holen konnten", sagte Manager Horst Heldt im WDR-Fernsehen. Zehntausende Schalker Anhänger bereiteten den Pokalhelden einen großen Bahnhof und begleiteten den Tross der Königsblauen über mehrere Stunden bis zur Endstation an der Glückauf-Kampfbahn. "Das ist einfach unfassbar", sagte Trainer Ralf Rangnick: "Ich habe einiges erwartet, aber das übertrifft alles."
Die Verkündung des bevorstehenden Wechsels von Neuer zu den Bayern wurde auf die nächsten Tage verschoben. "Der Verein hat noch keine Entscheidung bekannt gegeben. Ich habe keine Ahnung, wann sie fällt", erklärte Neuer. Als er hörte, dass Trainer Ralf Rangnick von einem weiteren Jahr auf Schalke ausging, ließ er sich nichts anmerken. "Das ist kein Problem. Ich habe ja noch bis 2012 Vertrag. " In einer Sondersitzung des Aufsichtsrats wird in dieser Woche über das Angebot der Bayern, das bei 18 Millionen Euro plus einer erfolgsabhängigen Zulage von bis zu sieben Millionen liegen soll, entschieden.
Auch Tönnies stellte den Transfer des Ur-Schalkers noch einmal öffentlich infrage. Er persönlich sei dagegen, sagte er, "es kann gut sein, dass er noch ein Jahr bleibt. Er ist ein Schlüsselspieler, da machen wir es uns nicht leicht."
Leicht hatten es Neuer zuvor die über 30.000 Schalker Fans im Stadion nicht gemacht. Als er um punkt 22.04 Uhr den Pokal aus den Händen des Bundespräsidenten Christian Wulff entgegennahm, mischten sich Pfiffe in den Applaus. Und als nach der Ehrenrunde jeder Spieler einzeln mit dem Pott in die Kurve ging, begleitete Raul den Torwart, um ihm einen möglichen Spießrutenlauf zu ersparen.
Schon während des Spiels, das durch Tore von Jungstar Julian Draxler (18.), Klaas-Jan Huntelaar (22. und 70.), Benedikt Höwedes (42.) und Jose Manuel Jurado (55.) entschieden wurde, hatte der Schalker Anhang lautstark einen Einsatz von Ersatzkeeper Mathias Schober gefordert. Der 35-Jährige hätte sich auch über "ein kleines Dankeschön" gefreut. Doch Rangnick entschied sich gegen einen Torwartwechsel in der Schlussphase. "Ich wollte den Eindruck der Verabschiedung eines Spielers vermeiden", sagte der Coach, der wohl auch Pfiffe der Fans verhindern wollte.
So konnte Bundestrainer Joachim Löw vom "perfekten Abschied" seines Nationaltorwarts sprechen. Und Neuer selbst von "einem Traum, mit der Mannschaft den Pokal in den Händen zu halten".
Ähnliches fühlte Raul, der nach dem Schlusspfiff mit einer spanischen Fahne um die Schultern singend und tanzend die Schalker Ehrenrunde angeführt hatte. "Ich bin überglücklich", sagte der 33-Jährige nach dem ersten nationalen Pokalsieg nach drei Triumphen in der Champions League, zwei Weltpokalsiegen und sechs spanischen Meisterschaften. An Schalke hat der Weltstar trotz eines "mittelmäßigen Jahres", wie er befand, Gefallen gefunden. "Ich will weiter Spaß haben, denn ich fühle mich hier sehr wohl. In der kommenden Woche werden wir uns noch mal über eine längere Laufzeit unterhalten." Sein Vertrag läuft 2012 aus, erste Gespräche über eine Verlängerung hat es bereits gegeben.
Auf Sportdirektor Horst Heldt wartet nicht nur wegen Neuer und Raul in den nächsten Tagen und Wochen viel Arbeit. Den viel zu großen und viel zu teuren Kader, den Rangnicks Vorgänger Felix Magath zusammengestellt hat, muss er deutlich verschlanken. Immerhin kann er die eine oder andere Million aus der Europa League einplanen, die der fünfte Pokalsieg nach 1937, 1972, 2001 und 2002 den Schalkern bescheren wird.
Dem MSV blieb nur der Trost, das Spektakel in Berlin überhaupt erreicht und insgesamt sechs Millionen Euro an Zusatzeinnahmen im Pokal eingestrichen zu haben. "Die Mannschaft hat in dieser Saison so viel geleistet. Ich will sie nicht Verlierer nennen", sagte Trainer Milan Sasic. "Wir sind schon vor diesem Spiel Sieger gewesen."
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