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Fortuna gegen Borussia
Der große Taktikvergleich zum Pokalgipfel

Fortuna Düsseldorf vs. Borussia Mönchengladbach: Der Taktik-Vergleich
Friedhelm Funkel (457) und Dieter Hecking (359) haben insgesamt 816 Bundesligaspiele gecoacht. FOTO: dpa, fg
Düsseldorf. Friedhelm Funkel hat Fortuna überraschend auf einen Aufstiegsrang geführt. Taktisch könnte Borussia Mönchengladbach ein passender Gegner sein. Die Analyse. Von Tobias Escher

Seit fast 30 Jahren arbeitet Friedhelm Funkel als Fußballtrainer. Von Altersmüdigkeit ist bei ihm nichts zu spüren, im Gegenteil. Auch bei Fortuna fügt er seinem Fußball frische Facetten hinzu – und bleibt sich dennoch treu. Die Basis des Funkel-Fußballs ist die defensive Stabilität. In dieser Saison würzt er diese mit vielen Personalrochaden, mehr Flexibilität – und derart vielen Systemwechseln, dass der 63-Jährige glatt als moderner Matchplan- Tüftler durchgehen könnte.

4-2-3-1, 4-3-3 und 5-3-2

Die Fortuna lief bereits mit unterschiedlichsten Formationen auf. Zu Beginn der Saison schien sich Funkel auf ein 3-5-2 festzulegen. Zuletzt kam ein 4-2-3-1 zum Einsatz, dazwischen bestritt die Fortuna auch im 4-3-3 und im 4-4-2 Partien. Eine Stammformation gibt es nicht. Das Trainerteam passt die eigene Mannschaft dem Gegner an.

Unabhängig vom System sind die Grundpfeiler des Fortuna-Spiels meist dieselben: Die Düsseldorfer agierent aus einer stabilen Defensive und möchten mit Kontern Nadelstiche setzen. Fortuna forciert hierbei Ballgewinne im Mittelfeldzentrum. Die Abwehrkette rückt weit vor, sodass sie den Abstand zum Mittelfeld gering hält. Es sollen keine Räume zwischen den Linien entstehen. Die Mittelfeldspieler rücken aggressiv aus der Formation, um den gegnerischen Aufbau zu stören.

Nach Ballgewinnen geht der erste Pass meist in das Sturmzentrum. Rouwen Hennings hält dort Bälle und legt diese ab. Aber auch die Mittelfeldspieler Marcel Sobottka und Florian Neuhaus schießen hervor und bieten sich im offensiven Mittelfeld an. Der Gegner soll dazu verleitet werden, sich in der Abwehr eng zusammenzuziehen. Sobald er dies tut, schlägt Fortuna zu: Die Außenstürmer starten mit ihrer ganzen Geschwindigkeit nach vorne, nutzen die Lücken auf den Flügeln. Von dort geht der Ball hoch in den Strafraum zu Hennings oder flach in die Rückräume. Hier lauern die nachrückenden Mittelfeldspieler.

Anpassungen an gegnerische Schwächen

Die häufigen Systemumstellungen sollen Fortuna helfen, die auf Konter spezialisierte Spielweise umzusetzen. Defensiv ist für Fortuna von entscheidender Bedeutung, hohen Druck im Mittelfeldzentrum herstellen zu können. Hier orientieren sich die Mittelfeldspieler häufig am Gegenspieler, Fortuna setzt hier auf eine enge Deckung. Dazu müssen die Düsseldorfer im Zentrum zahlenmäßig mindestens eine Gleichzahl herstellen, besser eine Überzahl.

Die zweite wichtige Stellschraube, die sich ständig verändert: die Rolle der Außenstürmer. Die Fortuna greift gegnerische Schwachstellen auf den Flügeln an. Ist der gegnerische Linksverteidiger stärker als der Rechtsverteidiger, wird die Fortuna eine Mehrzahl ihrer Angriffe über dessen Seite fahren. Die Fortuna passt sich hier an den Gegner an, indem beispielsweise beide Außenstürmer auf die schwache Seite herüberrücken und somit eine Überzahl herstellen.

Ein Nebenprodukt von Fortunas Strategie: Das aggressive Pressing um den Mittelfeld und die häufigen Schnellangriffe zehren an den Kräften – sowohl an den eigenen als auch an den gegnerischen. Zusätzlich betreibt das Team einen hohen Aufwand nach Ballverlusten, mit einem aggressiven Gegenpressing soll die Kugel sofort zurückerobert werden. Einer der großen Stärken der Fortuna: Sie können diese körperlich harte Spielweise über neunzig Minuten durchhalten. 14 ihrer 23 Tore in Liga und Pokal erzielten sie nach der Pause, acht gar erst nach der 75. Minute.

Borussia Mönchengladbach – ein passender Gegner?

Flexibel, kompakt, aggressiv: Fortunas fußballerischer Dreiklang funktioniert vor allem gegen individuell starke Teams wie Union Berlin (3:2) oder St. Pauli (2:1). Der Pokalgegner aus Mönchengladbach scheint auf den ersten Blick daher ein passendes Los. Die Fortuna wird dem Gegner den Ball überlassen und sich auf die eigenen Konter fokussieren. Mit einem aggressiven Pressing auf Gladbachs Doppelsechs können die Düsseldorfer das Zentrum kontrollieren. Lars Stindl und Raffael, Gladbachs umtriebige Stürmer, dürften gegen Fortunas enge Formation nur wenig Räume zwischen den Linien vorfinden.

Das Problem: Gladbach spielt unter Dieter Hecking seltener durch das Zentrum als in der Vergangenheit, agiert eher flügellastig. Wenn der Gegner Überzahlen auf dem Flügel schuf, waren die Düsseldorfer in dieser Saison anfällig. Hier fehlte oft die Unterstützung aus dem Zentrum. Trainer Friedhelm Funkel könnte auf eine breitere Formation umstellen, beispielsweise ein 4-5-1 oder ein 5-2-3. Nach Ballgewinnen dürfte die Fortuna wiederum jene Räume anvisieren, die durch das offensive Aufrücken von Gladbachs Außenverteidigern offenstehen.

Wer weiß, vielleicht überrascht Funkel auch mit einer gänzlich unerwarteten Aufstellung. Es wäre nicht das erste Mal in dieser Saison, dass der alte Trainerhund neue Tricks auspackt.

Der Autor ist Mitbegründer des Taktikportals "spielverlagerung.de".

 
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