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Schiedsrichter hat sich geoutet
Dincdag kämpft gegen homophobe Türkei

Das ist Halil Dincdag
Das ist Halil Dincdag FOTO: dpa, gam htf
Hamburg. Bei den schwul-lesbischen Europameisterschaften in Hamburg steht der türkische Schiedsrichter Halil Ibrahim Dincdag im Mittelpunkt des Interesses. In seiner Heimat darf der Unparteiische wegen seiner Homosexualität seit sechs Jahren nicht mehr pfeifen.

Keine Verachtung, keine Diskriminierungen, keine Bedrohungen – bei den schwul-lesbischen Europameisterschaften in Hamburg darf Halil Ibrahim Dincdag einfach nur er selbst sein. Und der homosexuelle Schiedsrichter aus der Türkei macht in der Hansestadt das, was er am liebsten tut und in seiner Heimat seit sechs Jahren offiziell nicht mehr darf: Er leitet Fußballspiele.

"Für mich ist die Pfeife, was für ein Baby der Schnuller ist. Ich brauche es einfach", sagt der 38 Jahre alte Unparteiische und muss sich ein Lächeln über diese Aussage nicht einmal abringen. In Istanbul hingegen hat Dincdag wenig zu lachen: Nur noch in zwei Alternativ-Ligen darf er hin und wieder seiner Passion nachgehen.

Türkisches Militär mustert Dincdag wegen "psyosexueller Störung" aus

Was für den früheren Radiomoderator eine "private sexuelle Orientierung" ist, bewertete das türkische Militär als "psychosexuelle Störung" und musterte ihn aus. Die Unterlagen darüber wurden dem Schiedsrichterverband zugespielt, der Dincdag daraufhin wegen "mangelnder Fitness" suspendierte – bis zum heutigen Tag.

"In der Türkei darfst du nicht schwul sein. Und wenn doch, dann allenfalls als Künstler oder Modemacher", beschreibt der Unparteiische, der seinerzeit vor dem Sprung von der zweiten in die Süper Lig stand, seine schwierige Situation. Trotz 150 Bewerbungen – "auch als Tellerwäscher" – ist er seit seinem Umzug von seinem Geburtsort Trabzon nach Istanbul vor fünf Jahren arbeitslos.

Zwei Klagen gegen den türkischen Fußballverband auf Rehabilitierung und Schadenersatz haben Dincdag landesweit bekannt gemacht, doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Zu einem ersten Urteil könnte es im September kommen: "Wenn ich gewinne, ist es gut. Wenn ich verliere, kämpfe ich weiter, auch vor dem Europäischen Gerichtshof."

Sichtlich ermattet vom Kämpfen genießt Dincdag daher die unbeschwerten Tage in der sonnigen norddeutschen Metropole. Und ist gespannt auf eine Begegnung mit Thomas Hitzlsperger, der am Samstag die Siegerpokale überreichen wird.

Der Ex-Nationalspieler hatte sich nach seiner Karriere als erster prominenter deutscher Profi geoutet. So lange konnte und wollte Dincdag nicht warten, ungeachtet der möglichen drastischen Folgen: "Mehr als einer hat mir direkt ins Gesicht gesagt, ich sei erledigt und könne mich umbringen."

(sid)
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