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Pro und Contra
Wurde in Jena das Fair Play mit Füßen getreten?

Debatte um Tor von Sören Eismann: Wurde Fair Play mit Füßen getreten?
Meppener Spieler bedrängen den Torschützen Sören Eismann. FOTO: Screenshot MDR
Jena. In der dritten Liga will ein Spieler die Partie wegen eines Verletzten anhalten. Ein Gegenspieler spielt weiter und erzielt einen Treffer. Das Skandaltor erhitzt die Gemüter.

Beim Treffer des Spielers von Carl Zeiss Jena gegen den SV Meppen "wurde das Fair Play absolut mit Füßen getreten", sagte Gästetrainer Christian Neidhart im MDR. Eismann hatte beim 2:2 (0:2) in Jena seinem überraschten Gegenspieler Nico Granatowski den Ball stibitzt, als dieser nach einem Zweikampf mit Verletzungsfolge offensichtlich auf den Pfiff des Schiedsrichters gewartet hatte. Der Jenaer (!) Julian Günther-Schmid war Sekunden zuvor verletzt liegen geblieben. Eismann rannte dennoch los und traf zum 1:2 ins Tor (58.).

Laut Paragraf 5 im Regelwerk entscheidet allein der Schiedsrichter, ob eine Partie wegen einer Verletzung unterbrochen wird. Auch auf Wunsch der Vereine soll der Ball bei Verletzungen nicht mehr so häufig ins Aus gespielt werden.

Eismann hat sich mittlerweile für sein Verhalten entschuldigt.

Doch die Frage bleibt: Wurde in Jena das Fair Play mit Füßen getreten? Ein Pro und Contra.

Ja, sagt RP-Redakteur Patrick Scherer. Streng genommen, ist die Regel eindeutig. Nur der Schiedsrichter entscheidet, ob das Spiel bei einem am Boden liegenden Spieler unterbrochen wird oder nicht. Dennoch ist das Verhalten von Sören Eismann ein klarer Verstoß gegen das Fair Play. Denn: Im Sport gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, es gibt auch eine Grauzone. In dieser Grauzone geht es nicht um Regeln, sondern um den gesunden Menschenverstand und Fingerspitzengefühl.

Wenn ein Spieler die Partie anhalten möchte, weil er sich augenscheinlich um die Gesundheit eines Gegenspielers sorgt, ist es ein Unding, diese Situation zum eigenen Vorteil auszunutzen. Denn: In der konkreten Situation in Jena lag offenkundig nicht der Fall vor, dass sich ein Mitspieler auf dem Boden wälzte, um Zeit zu schinden.

Fair Play kann nicht komplett auf die Schultern der Schiedsrichter abgewälzt werden. Fair Play muss auch von den Spielern vorgelebt werden. Es gibt mit Recht laute Stimmen, die immer wieder daran erinnern, dass Sportler Vorbilder für nachfolgende Generationen sind. Sie müssen diese Aufgabe vor allem auf dem Feld wahrnehmen. Sich dabei nur hinter dem Regelwerk zu verstecken, ist zu einfach.

Am vorigen Wochenende hatte es dafür ein schönes Beispiel gegeben. Der Bochumer Felix Bastians hatte beim Zweitligaspiel in Darmstadt zugegeben, bei einem vermeintlichen Foul an ihm im Strafraum nicht berührt worden zu sein. Bochum lag zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 im Hintertreffen, gewann schließlich 2:1. Bastians ist Spielführer des VfL und lebte seine Rolle als Anführer und Vorbild.

Auch Sören Eismann trägt in Jena die Kapitänsbinde. Er hat es mit seinem unsportlichen Verhalten aber leider verpasst, dieses Amt entsprechend auszufüllen.

Nein, sagt RP-Redakteur Gianni Costa. Es ist immer wieder das gleiche Schauspiel. Belangloser Zweikampf. Akteur xy lässt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Rasen fallen. Alle anderen blicken bedröppelt drein. Also wird die Partie unterbrochen. Betreuer eilen zu Hilfe, als würde es sich um einen Noteinsatz handeln. Einfach schrecklich.

Doch siehe da! Ein Wunder! Sekunden, nachdem sich die eben noch total hilflose Person vor Schmerzen krümmte, steht sie wieder – auf eigenen Beinen, ohne gestützt zu werden. In mehr als 90 Prozent der Fälle ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen – es handelt sich um reine Schauspielerei.

Der Grundgedanke ist ehrenwert. Eine Mannschaft bricht den Angriff ab oder stellt die Verteidigung ein, weil man einem angeschlagenen Gegenspieler helfen will. Doch in den allerseltensten Fällen ist das aus medizinischer Sicht nötig. In Jena war es genauso. Daran ändert auch nichts, dass es sich bei dem am Boden Liegenden um einen Gegenspieler gehandelt hat. Meppen hätte sich um die Verteidigung kümmern sollen. Zu oft wurde eine Spielunterbrechung wegen "Verletzung" schon als taktisches Mittel missbraucht.

Der Einzige, der über eine Spielunterbrechung zu befinden hat, ist der Schiedsrichter. Sollte eigentlich allen bewusst sein. Doch da Fußballer mitunter etwas Nachhilfe brauchen, gab es vor der Saison noch mal Schulungen für alle. Auch für die Spieler von Meppen und Jena. Es soll also niemand sagen, er habe nichts davon gewusst. Fußballer behalten allerdings gerne nur das, was sie immer schon so gemacht haben.

Wenn im Fußball der Fair-Play-Gedanke ernstgenommen würde, hätte man niemals einen Videoschiedsrichter einführen müssen. Die Unehrlichkeit gehört für viele aber fast schon zum Spiel dazu.

Quelle: RP
 
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