1. Bundesliga 16/17
| 07.34 Uhr

Analyse zu Stefan Effenberg
Lasst das mal den Tiger machen!

So reagiert das Netz auf Effenbergs Unterschrift in Paderborn
So reagiert das Netz auf Effenbergs Unterschrift in Paderborn
Paderborn/Düsseldorf. Stefan Effenberg ist neuer Trainer bei Zweitligist SC Paderborn. Sein Lebenslauf ist gespickt mit großen Erfolgen - aber auch mit etlichen Skandalen. Nun darf er in Ostwestfalen beweisen, dass er mehr kann, als Phrasen zu dreschen. Von Gianni Costa und Patrick Scherer

Stefan Effenberg ist jetzt 47 Jahre alt. 2004 hat er beim al-Arabi Sports Club in Katar seine Karriere als aktiver Fußballer beendet. In der Zwischenzeit hat er sich ein paar Mal schlagzeilenträchtig von seiner zweiten Frau Claudia getrennt und mit ebenso großen Bildern in der Boulevardpresse auch wieder versöhnt. Zuletzt brillierte er wieder als Vorlagengeber für ein Skandälchen: Ende September wurde "Effe" bei einer Autofahrt nach dem Besuch des Münchner Oktoberfests mit 1,4 Promille Alkohol im Blut von der Polizei angehalten - und musste noch vor Ort seinen Führerschein abgeben. Auch das konnte man sehr groß über ihn lesen. Er war im Entertainment angekommen - irgendwo zwischen "Schlag den Star" und Plauderrunde bei "Sky".

Porträt: Stefan Effenberg: Vom Bayern-Star zum erfolglosen Trainer-Novizen FOTO: dpa, ho nic

Effenberg ist aber mehr. Er gilt in der Szene durchaus als ausgewiesener Fußballfachmann. Ob er das auch in der täglichen Arbeit mit einer Profimannschaft umsetzen kann, wird man bei seinem Engagement beim SC Paderborn sehen. Der Bundesliga-Absteiger, der nach zehn Spielen in der Zweiten Liga auf Platz 15 steht, bestätigte Effenbergs Verpflichtung. Nach intensiven Gesprächen in der Präsidentenvilla von Wilfried Finke auf Mallorca unterschrieb er einen Vertrag bis 2017. "Die Chemie passt. Effenberg ist ein erstklassiger Fußball-Experte und heiß auf seine Aufgabe beim SCP. Er wird unserer Mannschaft neues Selbstbewusstsein einhauchen und die Fans begeistern", sagte Finke.

Sprungbrett für Trainer

Heute soll Effenberg sein erstes Training leiten, am Freitag sitzt er in der Paderborner Arena gegen Eintracht Braunschweig erstmals auf der Bank. "Seit einiger Zeit denke ich ernsthaft darüber nach, als Cheftrainer zu arbeiten. Für den Einstieg in dieses Metier ist Paderborn eine Top-Adresse, was auch die eindrucksvollen Karrieren meiner Vorgänger zeigen", sagte Effenberg. In der Tat: Der ostwestfälische Sportverein war in den vergangenen Jahren immer wieder Arbeitsplatz von interessanten Trainertypen, die dort ihre ersten Erfahrungen im Profi-Geschäft sammelten: Roger Schmidt (Bayer Leverkusen), André Schubert (Interimstrainer von Borussia Mönchengladbach) und zuletzt André Breitenreiter (FC Schalke 04) haben dort gewirkt.

Effenberg, Kahn und Co. beim Trainer-Lehrgang FOTO: dapd

Die Trainerlizenz besitzt Effenberg bereits seit 2012. Er wurde immer mal wieder als Kandidat hier und dort gehandelt. Bei Hannover 96, dem VfL Bochum, dem Hamburger SV, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach - mal mehr, mal weniger ernsthaft. Er ist es vielleicht auch nicht geworden, weil von ihm das Proll-Image in der Öffentlichkeit dominiert. Als Kernkompetenzen werden Effenberg oft Frauen und Pöbeleien zugeschrieben. Dass er in diesen Bereichen tatsächlich Stärken hat, ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen, was ein paar Auszüge aus seiner Vita zeigen. Effenberg, der mit 114 den Rekord für Gelbe Karten in der Bundesliga hält, wandert seit jeher auf schmalem Grat bei der Einhaltung von Gesetzen. 1997 musste er sich strafrechtlich gegen den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung wehren. Er soll einen Mann, der in Effenbergs Hauseinfahrt seine Notdurft verrichtet hatte, getreten haben. Das Verfahren wurde eingestellt, als sich die Vorwürfe nicht erhärten ließen. Weniger erfreulich ging für den ehemaligen Nationalspieler 2003 eine Anzeige wegen Beleidigung aus. Er soll damals auf der A 2 bei Peine während einer Verkehrskontrolle einen Polizisten als "Arschloch" beschimpft haben. Effenberg erklärte, er habe "einen schönen Abend noch" gesagt, musste dennoch 10.000 Euro in die Staatskasse zahlen.

Auch im Fußballgeschäft hielten sich seine Erfolge nach der aktiven Karriere in Grenzen: 2011 versuchte sich Effenberg mit seiner "Initiative Borussia" in Mönchengladbach an einem Satzungsänderungsantrag, der erst die Strukturen des Klubs verändern und nebenbei das gesamte Führungspersonal stürzen sollte. Der Antrag der Opposition, die Effenberg zum Vorstand der Geschäftsführung und Sportdirektor machen wollte, wurde von 93 Prozent der über 5000 anwesenden Mitglieder abgelehnt. Mit Buh- und "Ihr könnt nach Hause fahren"-Rufen wurde er vom Hof gejagt.

Risiko für beide Seiten

Die besten Sprüche der Bundesliga-Geschichte

Beide Seiten, Paderborn und Effenberg, gehen somit ein Risiko ein. Effenberg hat nur einen Versuch, im seriösen Fach anzukommen. Gelingt ihm das nicht, droht ihm ein Lebenslauf wie der von Lothar Matthäus. Stürzt Paderborn mit Effenberg weiter ab, droht der Verein zur Lachnummer der Branche zu werden. Es ehrt Effenberg aber, dass er als hochdekorierter Ex-Fußballer bereit ist, in der Provinz anzutreten - und dort seine Trainerphilosophie auf den Prüfstand zu stellen.

Und es ist ja nicht so, als hätte Effenberg keine Ahnung davon, was es braucht, um Erfolge zu feiern. Mit Mönchengladbach holte er 1995 den DFB-Pokal. Und den FC Bayern führte er als Kapitän und anerkannter Führungsspieler 2001 zum Champions League-Titel und zum Sieg im Weltpokal. "Nebenbei" wurde er mit den Münchnern drei Mal in Folge Meister (1999-2001) und im Jahr 2000 Pokalsieger.

Jetzt muss Effenberg diese Mentalität vermitteln und zeigen, dass er mehr als ein Phrasendrescher auf zwei Beinen ist, der bei "Sky" oftmals den Besserwisser mimt. Die Chance, diesen Beweis gegen alle Skepsis anzutreten, hat er aber in jedem Fall verdient.

Lasst das mal den Tiger machen!

Quelle: RP
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