Kolumne "Eckball": Elfmeter töten
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 08.10.2010 - 17:22Mönchengladbach (RPO). Der Elfmeter ist die einzige Chance für einen Torhüter, ein echter Held zu werden. Den Ball aus elf Metern ungehindert hinein zu schießen in das 7,42 Meter breite und 2,44 Meter hohe Ziel, das ist eigentlich kein Problem, mal abgesehen vom Druck, der auf dem Schützen lastet, der nur verlieren kann. Der Torhüter ist allein gelassen, keiner aus dem Team kann helfen, er muss es richten. Einen Elfmeter zu halten ist eine Mischung aus Glück, Eingebung und, natürlich, Reaktionsvermögen.
Auf gewisse Weise ist das Elfmetertöten eine Spezialität deutscher Torleute. 1982 und 1986 gewann das DFB-Team bei den Weltmeisterschaften jeweils im Elfmeterschießen gegen Frankreich (Halbfinale) und Mexiko (Viertelfinale), weil Toni Schumacher reichlich Schüsse abwehrte.
Beim Weltturnier 1990 parierte Bodo Ilgner den entscheidenden Versuch des Engländers Chris Waddle im Halbfinale. 1996 war es Andreas Köpke, heute nationaler Torwarttrainer, der im Halbfinale gegen England im Elfmeterschießen bei Gareth Southgates Versuch schnell und richtig reagierte und so wieder für den Sieg gegen England sorgte. 2006 machte Jens Lehmann mit zwei Elfmeterparaden gegen Argentinien den Halbfinaleinzug klar.
Uwe Kamps, früher Torhüter von Borussia Mönchengladbach, hat 1992 im Pokalhalbfinale gegen Leverkusen, vier Elfmeter am Stück gehalten. Es war ein historischer Abend für Kamps, der nach seiner letzten Parade losflitzte wie von einer Tarantel gestochen, um seine Heldentat zu feiern. Er hatte Borussia ins Endspiel gehalten - das dann verloren ging, weil Jörg Sievers im Berliner Finale im Elfmeterschießen mit zwei Paraden für den damaligen Zweitligisten Hannover den Pokal gewann. Schon im Halbfinale hatte Sievers gegen Bremen das Elfmeterscheißen für 96 entschieden: erst schoss er seinen Elfmeter ins Tor, dann hielt er gegen Marco Bode. Seither gilt Sievers in Hannover als "der Pokalheld".
In seinem lesenswerten Buch "Über Fußball" erzählt Jorge Valdano die Geschichte eines Torhüters, der einen Elfmeter hielt und trotzdem der Depp war. Der Mann träumte immer wieder davon, im entscheidenden Spiel in letzter Minute beim Stand von 0:0 einen Elfmeter zu halten. Dann kam ein Spiel von Bedeutung, es kam die Schlussminute und es stand 0:0. Der Torwart hielt den Schuss, und ging, berauscht und benebelt vom erfüllten Traum, mit dem Ball unter dem Arm ins Tor, um seine Mütze heraus zu holen. "Alte, dein Sohn hat es versaut", raunte oben auf der Tribüne der Vater der Mutter zu.
Es gibt Spiele, die sind nicht gemacht, um aus Torhütern Helden werden zu lassen. Beispielsweise ein Vergleich mit dem Fußballzwerg Andorra. Gegen den spielte nun die deutsche U19-Nationalmannschaft in der Europameisterschaftsqualifikation. 10:0 gewann der deutsche Nachwuchs, doch auch Torhüter Marc-André ter Stegen schaffte es, trotz weitgehender Beschäftigungslosigkeit, einer der Helden des Tages zu werden.
Denn ein "zu Null" ist für einen Torwart immer schön, weil gut für die Seele. Zudem stand es noch 0:0, als ter Stegen nach 30 Minuten den Elfmeterschuss eines Andorraners abwehrte. Erst danach ging das Schützenfest seiner Kollegen los. Wer weiß, ob alles so glatt gelaufen wäre, wenn ter Stegen nicht gehalten und Andorra 1:0 geführt hätte...
Ter Stegen hat einen exzellenten Berater, was das Halten der Schüsse vom Punkt angeht. Denn er ist aktuell die Nummer drei des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Und der Torwarttrainer der Borussen ist Uwe Kamps, der größte Elfmeterheld der Vereinsgeschichte.
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