Das Mutterland des Fußballs leidet weiter: Elfmeter-Versagen nährt das alte Trauma
zuletzt aktualisiert: 25.06.2004 - 12:16Lissabon (rpo). Sven-Göran Eriksson macht den rutschigen Elfmeterpunkt verantwortlich, eine englische Zeitung den Schiedsrichter und eine andere fordert ein Elfmeter-Verbot für David Beckham. So reagiert das Mutterland des Fußballs auf das Viertelfinal-Aus gegen Portugal.
Der erste Elfmeter war bereits der Anfang vom Ende: Beckham schoss den Ball weit über den Kasten und ließ die englischen Fans bereits Böses ahnen. England, so scheint es, ist verflucht. Das Land war mehr als zuversichtlich, nach 1966 und dem WM-Triumph im eigenen Land endlich den zweiten großen Titel gewinnen zu können. Doch wieder einmal scheiterten die "Three Lions" im entscheidenden Spiel im Elfmeterschießen. "Wir werden weiter warten müssen", sagte Coach Sven-Göran Eriksson so gelassen, wie es eben möglich war nach einem denkwürdigen Viertelfinal-Abend.
Seine Spieler nahmen das 5:6 im Elfmeterschießen gegen die glücklichen Portugiesen weit weniger ruhig auf. "Die Jungs fühlen sich zum Kotzen", berichtete Mittelfeldspieler Frank Lampard, der in der dramatischen zweiten Verlängerung die Führung der Gastgeber durch Rui Costa (110.) noch einmal zum 2:2 (1:1, 1:0) hatte ausgleichen können (115.). "Im Elfmeterschießen zu verlieren, das ist der größte Tritt in die Fresse, den du auf diesem Niveau bekommen kannst. Wir sind von den Toten wiederauferstanden, jetzt sind wir am Boden zerstört", sagte der Mittelfeldspieler des FC Chelsea.
Bittere Erinnerungen wach gerufen
Als nach atemberaubenden 120 Minuten, in denen die Engländer durch Michael Owen früh geführt (3.) und die Portugiesen durch den eingewechselten Helder Postiga spät (83.) ausgeglichen hatten, der Shootout begann, wurden bei den "Three Lions" die bittersten Erinnerungen wach gerufen. Nur zwei Mal in den vergangenen 38 Jahren hatte England ein Halbfinale erreicht, bei der WM 1990 in Italien und 1996 bei der Euro im eigenen Land, und jeweils war Deutschland im Elfmeterschießen glücklicher. Hinzu kam das Achtelfinal-Ende bei der WM 1998 gegen Argentinien, ebenfalls im Elfmeterschießen.
Und nun das. Beckham lief zum ersten Elfmeter an, verlor den Halt mit dem linken Standbein und jagte den Ball so unkontrolliert Richtung Tribüne, dass Uli Hoeneß sich nie mehr schämen muss. "Der Elfmeterpunkt war total weich und sandig", berichtete hernach Owen Hargreaves von Bayern München, der seine Sache beim Elfmeter nach dem Versagen von "Versuchskaninchen" Beckham besser machte. Als der Kapitän der Engländer kopfschüttelnd davongeschlichen war, wussten alle nachfolgenden Schützen Bescheid und verrichteten Gartenarbeit: Der Elfmeterpunkt wurde stets vorab platt getreten.
Kein neuer Rasen am Elfmeterpunkt
Eriksson hatte es kommen sehen. Am Tag vor dem Spiel schon hatte sich der Schwede über den Zustand des Elfmeterpunkts erregt. "Die Uefa hat gesagt, es kommt ein neuer hin." Kam offenbar nicht. Englands Teammanager hätte höchstens verhindern können, dass sein Kapitän als Erster antritt: Beckham hatte in der EM-Qualifikation gegen die Türkei auf ähnliche Weise einen Elfmeter versemmelt, im ersten Spiel gegen Frankreich (1:2) durch einen Fehlschuss das 2:0 für sein Team vergeben. "Es sollte ihm verboten werden, nochmal zu schießen", schimpfte das Boulevardblatt The Sun.
Der eigentliche Unglücksrabe an diesem Abend hieß freilich Darius Vassell, der Englands zweiten Elfmeter vergab. Vassell war bereits in der 27. Minute für den neuen Wunderknaben Wayne Rooney gekommen, dessen glanzvolle Euro (vier Turniertreffer) mit einem Knochenbruch im Fuß endete. "Du kannst Darius nichts vorwerfen", sagte Lampard, "es kostet schon Nerven genug, da hinzugehen." Für einen Engländer allemal. "Elfmeterschießen", sagte Eriksson, "ist Können, aber eben auch Lotterie." Beckham, wieder nur ein Schatten seiner selbst, scheints nicht mehr zu können.
Urs Meier als Sündenbock
Als Sündenbock für ihr Scheitern machten England aber einen anderen aus: Schiedsrichter Urs Meier aus der Schweiz, der in der 88. Minute einen Treffer von Sol Campbell nicht anerkannte. "Ein Schweizer Bankier beraubt England", schimpfte die Sun. "Das war im Grunde ein korrektes Tor", behauptete Lampard, und Hargreaves, der in unmittelbarer Nähe stand, schwor Stein und Bein, "dass es kein Foul war". Ohne die Aberkennung dieses Treffers, so betonte der spät eingewechselte Münchner, "hätten wir das ganze Ding gewinnen können. Jetzt müssen wir halt weiter machen". Mindestens bis 2006.
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