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Fußball-EM
750 Millionen Freunde sollt ihr sein

Fußball-EM: 750 Millionen Freunde sollt ihr sein
Der Himmel über Berlin vor dem Anpfiff einer Partie zwischen Deutschland und der Türkei 2010. Solche Bilder könnte, sollte, dürfte es auch aus Frankreich geben. FOTO: dpa
24 Teams sind dabei, die Niederlande nicht: Über den sportlichen Wert der Fußball-EM lässt sich streiten. Umso mehr könnte sie beitragen zur Völkerverständigung in einem zerrissenen Europa – und Deutschland. Von Tobias Jochheim

Das jüngste Fußball-"Sommermärchen", gekrönt vom WM-Titel, mag bloß zwei Jahre her sein. Aber es ereignete sich in einer anderen Welt. In einer Welt, in der es nicht denkbar war, dass Co-Piloten voll besetzte Passagierflugzeuge zum Absturz bringen, dass wiederholt hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken oder ein großer deutscher Autobauer seine Kunden mit eigens entwickelter Software betrügt.

Vor allem aber liegt zwischen der damaligen und der heutigen Welt der Aufstieg des selbsternannten Islamischen Staats, der sich in den vergangenen zwei Jahren auch in die Aufmerksamkeit der fast 750 Millionen Europäer gebombt hat. Seit Paris und Ankara, Brüssel, Istanbul, Sarajevo und Kopenhagen zu Zielen wurden, ignorieren wir das Elend in Ländern wie Irak, Afghanistan und Syrien nur noch hartnäckiger. Doch die Not im Nahen und Mittleren Osten sowie in Teilen Afrikas ist so groß geworden, dass die Menschen massenhaft von dort fliehen, zu uns. Was nicht nur die Spannungen in Griechenland und auf dem Balkan weiter verschärft, sondern auch uns Angst einjagt. Die einen fürchten die finanziellen und sozialen Kosten der Integration, wieder andere eine "Islamisierung" samt Scharia statt Strafgesetzbuch. Die einen fürchten einen Wertverlust ihrer Häuser, andere seit der furchtbaren Silvesternacht von Köln um ihre Sicherheit.

Was hilft gegen Angst? Ablenkung, Zerstreuung, Entspannung.

Risse in der Idee Europa, Deutschland gespalten

Ein Kontinent schließt seine Grenzen, die zu öffnen ein so großes, mutiges, ja visionäres Projekt war. Die Idee Europa hat mehr Risse bekommen, als man je für möglich hielt. Angst vor gegenwärtigen und viel ausgeprägter noch vor vielleicht zukünftig kommenden Krisen überall – beantwortet mit dem immergleichen reflexartigen Ruf nach mehr Nationalstaat und Sicherheit statt Freiheit. Autokratische Herrscher mit sehr flexiblem Verhältnis zu Gewaltenteilung, Pressefreiheit und Menschenrechten wie Wladimir Putin, Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdogan erhalten immer mehr Applaus auch von denen, die es besser wissen sollten.

Was hilft gegen Nationalismus? Reisen. Und Begegnungen mit Menschen, die dem gefürchteten "Fremden" ein Gesicht geben, einen Namen, ein Lieblingsgetränk.

Auch in Deutschland brodelt es. Die Frage nach dem Umgang mit der Flüchtlingskrise hat unser Land gespalten. Etwas verschiebt sich, Gewissheiten wanken. Weil mit der AfD erstmals überhaupt eine relevante Partei rechts der Union entsteht, verliert die CDU ihre Souveränität und die SPD ihren Status als Volkspartei. Der Ton wird immer rauer, nicht nur bei Facebook, sondern auch im echten Leben. Freundschaften, sogar Familien zerbrechen am Ringen um richtige Antworten auf komplexe politische, soziale, wirtschaftliche und ethische Fragen.

Was hilft gegen Streit? Die Entdeckung und Feier von Gemeinsamkeiten.

Und die wohl größte Gemeinsamkeit von Erzkonservativen und Grünen, Menschen mit heller und dunkler Haut, Katholiken, Protestanten, Muslimen und Atheisten, Jungen und Alten, Helene-Fischer- und HipHop-Fans, Doktoranden und Arbeitslosen ist nun einmal nicht ihre Leidenschaft für hehre, aber auch abstrakte und spröde Konzepte wie Demokratie, Menschenrechte oder gar ein solidarisches Europa. Sondern ihre Fußballbegeisterung, die sich durch keinen Fifa-Skandal erschüttern lässt.

Von der EM zum ESC ist es nicht weit

Diese Monokultur ist eigentlich beklagenswert. Selbst der scheidende Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen, hat besorgt erklärt, der Fußball sei "zu groß geworden. Wir haben die Leichtathletik erschlagen, den Handball erschlagen, den Basketball erschlagen." In diesen Tagen aber könnte etwas Gutes daraus wachsen. Bald werden überall Panini-Sticker gesammelt, wird über Siegchancen und Wunderheilungen spekuliert und über Taktik gefachsimpelt. Obwohl die EM ein gutes Stück unter den prestigeträchtigen und weltweit verfolgten Turnieren Champions League und Weltmeisterschaft angesiedelt ist, und obwohl neuerdings 24 statt 16 Teams mitspielen dürfen.

Das könnte sich sogar positiv auswirken. Mehr Mannschaften heißt mehr Spiele, 51 statt 31 Partien, die auch von vielen Fans anderer Teams wohlwollend verfolgt werden. Am Ende ist Europameisterschaft halb Wettkampf und halb Seifenoper, von der EM zum ESC ist es nicht allzu weit. Auf eine gute Art.

Die erste alberne Pointe ist mit der Nicht-Qualifikation der Niederlande längst gesetzt. Nun stellen sich Schicksalsfragen wie: Werden England, Frankreich und Italien zu alter Größe zurückzufinden oder können Russland und die Türkei erstmals ihr Selbstverständnis als Großmächte fußballerisch zementieren? Und wird sich die deutsche Nationalelf mal wieder als "Turniermannschaft" erweisen oder wird sie ein ähnliches Schicksal ereilen wie die Spanier, die zur WM 2014 als Welt- und Europameister anreisten, aber in der Gruppenphase ausschieden?

Aber wichtig ist nicht aufm Platz. Wichtig wäre es, Zeichen zu setzen. Dass die Stadien und Fanmeilen voll sind, trotz aller unvermeidlichen Bombendrohungen. Dass, wenn es schon keinen 100-prozentigen Schutz vor Anschlägen geben kann, die Fans nicht untereinander gewalttätig werden. Dass sich Gegner von Finanzhilfen für Griechenland mit blau-weiß geschminkten Menschen aus diesem Land verbrüdern, Putin-Kritiker mit Russen, Franzosen und Belgier mit arabisch aussehenden Fans und untereinander. Und dass für die Dauer der EM, für 90 Minuten, oder bloß für die Zeit, die es braucht, um ein Bier zu leeren, eine Handvoll Chips, ein Würstchen oder ein Wassereis zu essen, niemand mehr Gut- oder Schlechtmensch ist, "linksgrün-versifft" oder Beinahe-Nazi, sondern alle bloß Fußball-Fans (und vielleicht auch Kritiker von dessen Kommerzialisierung). Und dass ein kleines bisschen davon den Abpfiff überdauert.

Wer übrigens beim Torjubel partout nicht mit einem mutmaßlichen Flüchtling, Ausländer, Muslim abklatschen will, obwohl an schwarz-rot-goldener Schminke zu sehen oder sogar zu spüren ist, dass der mit demselben Team zittert und bangt, der ist kein echter Patriot.

Und hat weder den Fußball noch Deutschland je geliebt.

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