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Die Schweiz trifft auf Albanien
Alles nur Xhaka gegen Xhaka?

Fotos: Schär nutzt Torwart-Patzer zur Schweizer Führung
Fotos: Schär nutzt Torwart-Patzer zur Schweizer Führung FOTO: dpa, ss
Mönchengladbach. Borussias Granit Xhaka spielt für die Schweiz, sein Bruder Taulant für Albanien. Heute treffen sie bei der EM in Frankreich aufeinander. Doch auch jenseits des Bruderkampfes ist es ein Spiel mit großer Brisanz. Von Karsten Kellermann

Die Xhakas hätten sich bei den Boatengs erkundigen können. Denn Jeromé und Kevin-Prince waren vor zwei Jahren in derselben Situation wie die beiden Xhakas. Sie sind Brüder und spielten bei der Weltmeisterschaft in Brasilien gegeneinander, Jérôme für Deutschland, Kevin-Prince für Ghana. Es war ein Novum in der WM-Geschichte, und nun ist es das erste Mal, dass zwei Brüder bei einer Europameisterschaft gegeneinander spielen. Denn heute um 15 Uhr treffen Taulant Xhaka, der seit 2014 für Albanien, das Land seiner Vorfahren, spielt, und Granit, der zur Schweizer Nati gehört, in Lens aufeinander. "Das haben wir uns als Letztes gewünscht", sagte Granit.

Dass es dazu kommt, liegt an den unterschiedlichen Wegen, die beide Xhaka-Brüder - Noch-Borusse Granit ist 23, Taulant 25 – genommen haben. "Mein Bruder und ich sind beide in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Albanien haben wir mit zwölf Jahren das erste Mal gesehen und seitdem im Sommer und Winter oft Urlaub gemacht bei den Großeltern. Die albanische Nationalmannschaft hatte damals kein Interesse an mir, die Schweiz schon, bei meinem Bruder war es andersherum", sagte Xhaka.

Sechs Schweizer mit albanischen Wurzeln

Als der Franzose David Trezeguet bei der EM-Auslosung beide Teams in eine Gruppe beförderte, haben viele gedacht: "Ausgerechnet." Das Kräftemessen der Brüder ist keinesfalls nur Xhaka gegen Xhaka, genau genommen spiegelt dieses Spiel das Befinden der gesamten Schweiz. Denn in der eigenen Nati spielen viele Secondos, Kinder von Einwanderern, wie die beiden Xhakas. Sechs Fußballer im Schweizer Aufgebot von Trainer Vladimir Petkovic haben albanische Wurzeln, sie könnten theoretisch heute ebenso gut für den Gegner spielen. "Wir haben eine Multikulti-Truppe. Das tut unserem Fußball gut, so kommen andere Impulse in unseren Fußball, die Nati profitiert zu 100 Prozent von dieser Mischung", sagt Peter Birrer, der für den Tages-Anzeiger über die eidgenössische Mannschaft berichtet.

Umgekehrt haben zehn Spieler des albanischen Teams einen Schweizer Hintergrund. Als Birrer in Tirana ein Training des Teams besuchte, "sprachen dort viele Spieler Schweizerdeutsch", erzählt der Journalist. Die albanisch-stämmigen Fußballer, die sich für die Schweiz entschieden haben, wurden dafür übel beschimpft, unter anderem, als beide Länder in der WM-Qualifikation aufeinandertrafen. "Verräter" war da noch das harmloseste, was er zu hören bekam, sagte Granit Xhaka mal. Er steht jedoch dazu, stolz zu sein, für die Schweiz zu spielen. Aber er stellt auch jederzeit klar, stolz auf seine albanischen Wurzeln zu sein. Die Schweiz als Heimat, Albanien als die Wurzel. "Wer in einer ähnlichen Situation behauptet, es wäre kein spezielles Spiel, der lügt", sagte Granit Xhaka.

Am Freitagabend hat Granit diese Zeilen an Taulant bei Instagram geschrieben:

Andere Brüderpaare haben es leichter bei der EM. Romelu und Jordan Lukaku spielen beide für Belgien, Corry und Jonny Evans für den deutschen Vorrunden-Gegner Nordirland und die Zwillinge Alexej und Wassilij Beresuzki für Russland. In allen drei Fällen gibt es keinen besonderen Konflikt für die Eltern: "Zu welchem Kind halten wir?". Ragip und Eli Xhaka, die 1990 wegen des Krieges aus dem Kosovo in die Schweiz auswanderten, haben sich, sinnvoller Weise, für die salomonische Variante entschieden: Sie drücken heute beiden Söhnen sozusagen teamneutral die Daumen.

Granit ist das größere Talent der beiden Xhakas. Darum hat der FC Arsenal aus London auch 43 Millionen Euro für ihn bezahlt. Er gilt als genialer Stratege, Taulant ist ein Kämpfertyp. Früher hatte er ein Trikot des Italieners Gennaro Gattuso, den sie in seiner Heimat den "Erdfresser" nannten. Taulant Xhaka ist ein unangenehmer Gegenspieler. Und das wird er auch heute für seinen Bruder sein, daran hat niemand Zweifel, am wenigsten wohl Granit Xhaka. Heißblütig sind aber beide.

Granit und Taulant Xhaka bislang einmal im Duell

Sie haben im Sinne des allgemeinen Familienfriedens versichert, sich gegenseitig nicht weh zu tun. "Am besten fliegen wir beide in der ersten Minute vom Platz", scherzte Granit Xhaka, fügte dann aber hinzu: "Wir werden unsere familiären Beziehungen ausblenden, der Bessere soll gewinnen. "Es ist ein Fußballspiel, das ich gewinnen will", stellte Taulant klar. Und auch, dass er den jüngeren Bruder sicher nicht "umfräsen" wolle. Wie gut beide tatsächlich ihre Emotionen unter Kontrolle haben werden, ist heute ab 15 Uhr zu besichtigen. Einmal haben sich die Xhakas schon gemessen: Mit dem FC Basel gegen Grasshopper Zürich, wohin Taulant zu jener Zeit ausgeliehen war. Da siegte Granit 2:0. Heute ist er mit der Schweiz wieder Favorit im Spiel "Albanien 1 gegen Albanien 2" wie es mancher Eidgenosse halb im Scherz, halb boshaft nennt.

Im Fall der Boatengs endete der Bruderkampf 2:2. Später wurde Jérôme mit Deutschland Weltmeister. Das wäre natürlich für Granit Xhaka, der der Schweiz in Frankreich Großes zutraut, mithin die perfekte Variante: erst ein friedliches Unentschieden gegen den Bruder, dann Europameister werden. Taulant dürfte in kleineren Einheiten denken. Er will Albanien helfen, im ersten EM-Spiel überhaupt eine möglichst gute Figur abzugeben.

Quelle: RP
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