| 13.09 Uhr

Trainer Wilmots vor dem Aus
Durch Belgiens Nationalteam geht ein tiefer Graben

Pressestimmen: "Weckt Wales nicht auf!"
Pressestimmen: "Weckt Wales nicht auf!" FOTO: dpa, gh
Lille/Düsseldorf. Natürlich entbehrt das alles nicht einer gewissen Symbolik. Über drei, vier Jahre hat die belgische Nationalmannschaft als Gegenstück gedient zur allgemeinen Lage in dem Land, dessen politische Führung es einst fertigbrachte, 540 Tage zur Regierungsbildung zu benötigen. Seit Freitagabend ist das symbolische Gegenstück wieder einfach nur ein Spiegelbild des gespaltenen Landes. Von Jannik Sorgatz

Nach dem enttäuschenden 1:3 im EM-Viertelfinale gegen Belgien – in den Medien dort ist sogar von einer "Schande" die Rede – wurden Kapitän Eden Hazard und Torwart Thibaut Courtois nach der Verantwortung und vor allem der Zukunft ihres Trainer Marc Wilmots gefragt.

  • Hazard: "Wir stehen alle hinter ihm. Wir hoffen, dass er weitermacht und wir zusammen in der Zukunft noch großartige Dinge erreichen."
  • Courtois: "Ich muss meine Worte vorsichtig wählen, denn ich will nicht alles zerstören. Aber was ich zu sagen hatte, habe ich in der Kabine gesagt. Das ist die größte Enttäuschung in meiner Karriere."

Nun ist Courtois' internationale Karriere genau wie die seiner meisten Kollegen noch nicht auf die Zielgerade eingebogen. Wenn sich Belgiens "Goldene Generation" bildlich gesehen auf einem 400-Meter-Lauf befindet, geht es allerhöchstens auf die zweite Kurve zu. Die Startelf gegen Wales hatte ein Durchschnittsalter von 24,3 Jahren. Lässt man sie unverändert, wäre sie noch bei der WM 2022 in Kater jünger als die Italiener heute. Und trotzdem verspüren die Belgier einen stechenden Schmerz, der sie daran erinnert, die womöglich größte Chance aufs Erreichen eines Finals bei einem großen Turnier seit der Erfindung von Finals bei großen Turnieren verpasst zu haben.

Die Auftaktniederlage gegen Italien war zwei Wochen lang ein ungewollter Geniestreich, weil sie das Wilmots-Team vom "Hammer-Zweig" auf den "Watte-Halm" beförderte. Es folgten drei Siege mit 8:0 Toren. Aufgrund der Gelbsperre Thomas Vermaelens und der Verletzung Jan Vertonghen war allerdings klar, dass die ewig junge Weisheit "Defense wins championships" umgedichtet werden müsste in "Offense reaches the semi-final, at least". Am Ende waren die Neuen in der Viererkette, Linksverteidiger Jordan Lukaku und Innenverteidiger Jason Denayer, jedoch meilenweit von einer soliden Basis entfernt. 

Denayers Laufweg vor dem 1:2 durch Hal Robson-Kanu gleicht dem eines Wanderers, der sich allein in den Ardennen verlaufen hat. In seinem Rücken kreuzen Robson-Kanu und Aaron Ramsey direkt vor Toby Alderweireld:

FOTO: Screenshot ZDF

Ramsey flankt, um Robson-Kanu kümmert sich inzwischen Rechtsverteidiger Thomas Meunier, während Denayer – scheinbar – zur Hilfe eilt. Stattdessen jedoch stehen Meunier und Mittelfeldmann Marouane Fellaini Spalier für eine der coolsten Angriffsaktionen dieses Turniers, die die Belgier bei der "Goldenen EM-Himbeere" gleichzeitig einreichen können im Rennen um die peinlichste Abwehraktion. Und Denayer? Wuselt um die Szenerie herum wie Fotograf Paul Ripke auf dem Rasen in Rio nach dem WM-Sieg 2014.

FOTO: Screenshot ZDF

Trotzdem wird Denayer in Zukunft wohl mehr Länderspieleinsätze bekommen als Wilmots, also mindestens einen. "Ich werde meine Entscheidung nicht sofort treffen. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken", sagte Wilmots auf der Pressekonferenz. Zu Hause in Belgien wird die Trainerfrage so offen gestellt, dass eine Zukunft mit dem 47-Jährigen schwer vorstellbar ist. "Der bittere Nachgeschmack wird immer bleiben", schreibt "Het Nieuwsblad".

Im modernen Fußball hat es mehr ungekrönte "Goldene Genarationen" gegeben als gekrönte. Die Franzosen hatten ihre Erfolgsepoche, die Spanier hatten die erfolgreichste und mit dem Weltmeistertitel 2014 hat der deutsche Fußball zumindest die Basis dafür geschaffen.

Demgegenüber stehen in Europa seit 1990:

  • Portugal: ein EM-Finale, drei EM-Halbfinals, ein WM-Halbfinale
  • Niederlande: ein WM-Finale, zwei WM-Halbfinals, zwei EM-Halbfinals
  • Tschechien: ein EM-Finale, ein EM-Halbfinale
  • Spanien: chronisches Scheitern im Viertelfinale über Jahre
  • England: seit 1996 kein Halbfinale, aber mit Beckham, Gerrard, Lampard, Rooney zeitweise auch ganz goldig

Belgien hat noch einiges vor sich. Aber es dürfte an einem neuen Trainer sein, die Gräben zu schließen oder zumindest eine Brücke zu bauen.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Belgien muss die Gräben schließen – wohl ohne Marc Wilmots


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.