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Nächster Gegner Wales
Belgiens Etappenrennen ins EM-Finale

Pressestimmen: "Belgien amüsiert sich mit Ungarn"
Pressestimmen: "Belgien amüsiert sich mit Ungarn" FOTO: ap, AF FP
Düsseldorf/Toulouse. Es ist ein beliebtes Motiv in diesen Tagen: Die Alten in Europa verbauen den Jungen die Zukunft. Doch die belgische Fußball-Jugend war am Sonntagabend selbst vom besten Ü40-Torwart Europas nicht aufzuhalten. Jetzt ist für Belgien der Weg ins Finale verblüffend frei. Von Jannik Sorgatz

Wenn die "Roten Teufel" am 10. Juli noch im Turnier sein sollten, wird auch über den 13. Juni zu reden sein. An diesem Tag verloren die Belgier ihr EM-Auftaktspiel 0:2 gegen Italien. Der Favorit war plötzlich wieder geheim, Marc Wilmots ein limitierter Trainer ohne taktische Expertise. Es folgten ein 3:0 gegen Irland, ein 1:0 gegen Schweden und nun ein 4:0 gegen Ungarn im Achtelfinale, obwohl Keeper Gabor Kiraly mit seinen mehr als 40 Jahren die Stars zur Verzweiflung brachte. Vor dem Viertelfinale gegen Wales ist Belgiens Favoritenrolle mindestens ein offenes Geheimnis.

Die Niederlage gegen Italien hatte Wilmots' Mannschaft früh die Chance auf den Gruppensieg verbaut. Rückblickend könnte sie sich als bester ungewollter Schachzug bei dieser Europameisterschaft erweisen. Denn durch sie verabschiedete sich Belgien vom "Hammer-Zweig" auf den "Watte-Halm". Während sich Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und England mit ihren neun EM- und elf WM-Titeln im Briefkopf um ein Finalticket balgen, trifft Belgien am Freitag zunächst auf Wales und würde es dann mit dem Sieger aus dem Duell Polen gegen Portugal zu tun bekommen.

Zwei Stars gegen mindestens zehn

"Sie haben mit Aaron Ramsey und Gareth Bale zwei fantastische Spieler", sagte Wilmots nach dem deutlichen Sieg gegen Ungarn und erinnerte an die beiden Duelle gegen Wales in der EM-Qualifikation: "Wir hatten viele Probleme, gegen sie ein Tor zu schießen." Zu Hause spielte Belgien 0:0, in Wales unterlag das Wilmots-Team durch einen Treffer von Bale mit 0:1. 

Wales-Trainer Chris Coleman dürfte dagegen mit Fug und Recht von Belgien behaupten: "Sie haben mit Thibaut Courtois, Toby Alderweireld, Jan Vertonghen, Axel Witsel, Radja Nainggolan, Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku acht sehr gute bis fantatische Spieler. Dann sitzen da auch noch Yannick Ferreira-Carrasco, Michi Batshuayi, Divock Origi, Christian Benteke, Marouane Fellaini und Moussa Dembelé auf der Bank. Zum Glück ist Thomas Vermaelen gesperrt und Kapitän Vincent Kompany verletzungsbedingt erst gar nicht dabei."

Diese Talent-Inflation hat Belgien bereits vor drei Jahren zum größten Hype des europäischen Fußballs gemacht und 2014 immerhin bis ins WM-Viertelfinale gegen Argentinien geführt. Wenn es allerdings nicht rund läuft, mehren sich die Stimmen, dass Wiltmots taktisch nicht den Anforderungen an einen Top-Trainer genüge. "Unser Spiel ist stereotyp, das ist nicht neu, jeder weiß das seit langer Zeit", ließ sich ein Spieler nach der Pleite gegen Italien anonym im belgischen Magazin "Sport" zitieren. Auf einmal wirkte das Team, das oft als Kontrast zum zerrütteten Rest des Landes gefeiert wird, wie eine Projektion.

Gabor Kiraly verhindert Schlimmeres

Am Sonntag riefen die Belgier ihr Potenzial zum ersten mal voll und zum ersten Mal über 90 Minuten ab. "Stereotyp" war nur noch ihre fußballerische Klasse. Gegen an ihre Grenzen stoßende Ungarn waren Chancen da für mehr als vier Tore, Kiraly verhinderte mit sieben Paraden Schlimmeres für das bisherige Überraschungsteam des Turniers.

Das klare Resultat sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Belgien auch vergleichsweise viel zuließ. Torwart Courtois, dessen Slapstick-Ausrutscher in der ersten Hälfte folgenlos blieb, bekam sechs Schüsse auf sein Tor. So viele hat Manuel Neuer bislang in 360 Minuten parieren müssen.

Deshalb dürfte das Gegner-Crescendo auf dieser Seite des Tableaus den Belgiern gelegen kommen, die alle maximal ihr zweites großes Turnier spielen. Wales wird stärker sein als Ungarn, Portugal und Polen wären stärker als Wales. "Das ist nur eine Etappe. Wir versuchen, ins Finale zu kommen", sagte De Bruyne. Gut möglich, dass am 10. Juli das viertjüngste Team bei dieser EM, Belgien, auf das jüngste, Deutschland, trifft. Und ein wenig müssten sich die Belgier dann bei den Alten aus Italien bedanken.

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