| 18.43 Uhr

Reaktionen auf den Brexit
Sportler sind geschockt – nur die britischen Spieler schweigen lieber

Reaktionen: "Vielleicht gehe ich nach Deutschland"
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London. Bei der EM sorgen die Teams von der Insel für Furore und stehen allesamt im Achtelfinale. Doch nun erschüttert die Nachricht vom Brexit auch den britischen Sport. Die Spieler, die bei der EM im Einsatz sind, halten sich mit Kommentaren auffallend zurück.

Brexit? Nicht bei der EM! "Dürfen Nordirland, Wales und England jetzt eigentlich weiter in Frankreich mitspielen?", lautete am Freitag der wohl häufigste - und schlechteste - Witz zum EU-Austritt Großbritanniens. Denn während sich die britischen Inseln politisch noch weiter von Europa entfernten, sorgen ihre Fußballteams derzeit auf dem Festland geschlossen für Furore.

Und das historische EM-Hoch wollen sich die Kicker dann auch nicht von den Nachrichten aus der Heimat kaputtmachen lassen. Vor allem das englische Nationalteam hält seine unpolitische Linie und will sich nicht zum Brexit äußern. "Ich denke, dass keiner von uns genug darüber weiß, um es zu kommentieren", sagte Stürmer Harry Kane am Freitag im EM-Quartier von Chantilly. "Ich weiß nicht genug darüber, um besorgt zu sein. Und ich denke, den anderen geht es genauso."

Die Konzentration liege auf dem Turnier statt auf dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, betonte der Torschützenkönig der Premier League am Tag nach dem Referendum. "Ich bin aufgewacht und habe die Nachricht gesehen. Die Jungs reden darüber, aber wir sind nicht allzu fokussiert darauf. Wir versuchen, bei der EM weiterzukommen." Auch die Frage, ob nun weniger gute Spieler in die Premier League kommen werden, ließ der 22-Jährige unbeantwortet: "Niemand weiß, was wirklich passieren wird. Ich warte ab, was passiert." Während der EM-Zeit hatten bereits Kapitän Wayne Rooney und Verteidiger Ryan Bertrand eine Positionierung in der Brexit-Frage tunlichst vermieden. Der Verband hatte den Spielern ermöglicht, per Briefwahl abszutimmen.

Auch Wales-Trainer Chris Coleman will vor dem EM-Achtelfinale gegen den britischen Rivalen Nordirland will keinen Gedanken an den Brexit verschwenden. "Noch sind wir in Europa. Über alles andere reden wir, wenn wir zuhause sind", sagte der Coach. 

Spieler hätten Brexit-Briefwahl machen sollen 

Nordirlands Trainer Michael O'Neill bedauerte, dass seine Spieler keinen Einfluss auf das Brexit-Votum nehmen konnten. Es ärgere ihn im Nachhinein, "dass ich den Spielern nicht die Chance zur Briefwahl gegeben habe", sagte O'Neill. Seine Spieler seien wegen des Brexits nicht besorgt, sondern auf das Spiel gegen den britischen Nachbarn konzentriert. 

Während die aktuellen Fußballer lieber schweigen, hielten einige andere Sportler und auch Ex-Kicker mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. "Bloddy hell", lautete die erste, geschockte Reaktion von Ex-Nationalspieler und Twitter-Ikone Gary Lineker. Er schäme sich für seine Generation, schrieb Lineker in einem späteren Tweet: "Wir haben unsere Kinder und deren Kinder im Stich gelassen."

Der frühere Stürmerstar Michael Owen hatte nach eigener Aussage "nicht damit gerechnet, mit solchen Nachrichten aufzuwachen." Was er vom Votum seiner Landsleute hält, drückte er in einem Hashtag aus: #sceptical (skeptisch). Der frühere ManUnited-Profi Phil Neville forderte gar eine Neuwahl. Er habe noch mit niemandem gesprochen und auch niemanden im Fernsehen gesehen, der für den EU-Austritt gestimmt habe, twitterte Neville.

Auch der tschechische Nationaltorwart Petr Cech, der seit langem in London lebt und dort nach Jahren beim FC Chelsea nun für den FC Arsenal spielt, machte seinem Ärger Luft. "Es sieht so aus, als sei die bedeutendste Entscheidung in der Geschichte dieses Landes auf der Basis einer Kampagne von Fälschungen und Lügen getroffen worden", schrieb der Routinier.

Überrascht von der Entscheidung der Briten gegen die EU zeigte sich der deutsche Nationaltorwart Manuel Neuer. "Ich kann nur sagen, dass man immer so ein Einheitsgefühl hatte und dass es ein bisschen schade ist, dass jetzt Großbritannien bzw. auch England nicht mehr dazu gehört." Italiens Abwehrspieler Giorgio Chiellini sieht im Votum der Briten das "Symptom einer generellen Unzufriedenheit in ganz Europa". Der Profi von Juventus Turin sorgt sich nun um den "Domino-Effekt, den diese Entscheidung auslösen könnte."

"Für mich ist es etwas, das mich im Moment nicht betrifft und eine Sache, von der ich nicht viel verstehe. Von daher ist es mir egal", sagte Spaniens Stürmer Nolito.

Folgen dürften verheerend sein

Die Folgen den Bexit auf den britischen Sport sind noch nicht gänzlich abzusehen, dürften aber verheerend sein. Alleine die Premier League wird den Brexit - unabhängig von zu erwartenden arbeitsrechtlichen Beschränkungen für Fußball-Profis aus dem bislang gemeinsamen EU-Raum - teuer bezahlen müssen. Weil das britische Pfund spätestens nach Vollzug des Abschieds vom gemeinsamen Europa gegenüber dem Euro spürbar an Wert verlieren dürfte, wird bei den Shoppingtouren der englischen Klubs auch der bislang unschlagbare Wettbewerbsvorteil ihrer umgerechnet 3,2 Milliarden Euro an TV-Geldern zusammenschmelzen.

Die Vereine werden allerdings zusätzlich Geld verlieren: Weil nach einem EU-Austritt Talente voraussichtlich erst ab 18 Jahren - und nicht wie momentan durch die EU-Freizügigkeit schon zwei Jahre früher - verpflichtet werden dürfen, gehen bei einem Weiterverkauf Manchester United, dem FC Arsenal und Co. künftig Millionen-Einnahmen für ihre Ausbildungsleistungen durch die Lappen. Millionen, die nun weitgehend Rivalen vom Kontinent wie Real Madrid, FC Barcelona oder Bayern München einsacken könnten.

Doch damit womöglich noch nicht genug: Für den Fall einer von den meisten Experten für den EU-Austritt vorausgesagten Rezession auf der Insel müssen sich die Klubs der Premier League auf Einnahmerückgänge auch beim noch florierenden Verkauf von Merchandising-Artikeln oder Eintrittskarten einstellen.

Ein Problem könnten auch Wales' Superstar Gareth Bale und sein Verein bekommen. Der Führende der Torschützenliste bei der EM spielt für Real Madrid. In Spanien sind pro Verein nur drei Nicht-EU-Ausländer erlaubt. Sobald der Brexit umgesetzt ist, wäre Bale einer davon.

(areh/dpa/sid)
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