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Spott, Tränen und Happy End
Cristiano Ronaldo – eine filmreife EM in drei Akten

Fotos: Cristiano Ronaldo – Weltfußballer, Schönling, Torjäger
Fotos: Cristiano Ronaldo – Weltfußballer, Schönling, Torjäger FOTO: afp
Saint-Denis. Ein Arroganz-Anfall am Anfang, ein Skandal in der Mitte und ein hollywoodreifes Drama mit Happy End zum Abschluss: keiner hat die EM so geprägt wie Cristiano Ronaldo.  Von Antje Rehse

Der Superstar lieferte während der vier Wochen in Frankreich mehr Schlagzeilen, als jeder andere Spieler. Dabei zeigte Ronaldo die volle Bandbreite der Emotionen. Die Fußballfans durften sich, je nach persönlichem Geschmack, über ihn ärgern, über ihn spotten, mit ihm leiden und sich mit ihm freuen.

Erster Akt: die Vorrunde

Primadonna: Der Auftakt gegen Island passt Ronaldo so gar nicht. Der dreimalige Weltfußballer reagiert beleidigt auf das 1:1 und den isländischen Jubel darüber. "Die haben sich gefreut, als hätten sie die EM gewonnen. Mit so einer Mentalität kommt man nicht weit", urteilt Ronaldo und hat auch auf den Trikottausch keine Lust. Er vertröstet Aron Gunnarsson, doch zum Tausch in der Kabine kommt es nicht. Am Ende erreicht Island sehr wohl etwas, nämlich völlig überraschend das Viertelfinale. 

Elfmeter-Versager: Beim 0:0 gegen Österreich enttäuschen die Portugiesen inklusive Ronaldo erneut. Der Profi von Real Madrid verschießt einen Elfmeter und vergibt zahlreiche Großchancen. In der Presse wird aus "CR7" "CRZero". Und das Netz überschüttet ihn mit Häme.

Wenn Sportler weinen FOTO: afp

Flitzer-Freund: Doch nach der ernüchternden Nullnummer zeigt Ronaldo seine andere Seite. Er nimmt sich Zeit für einen Flitzer, legt seinen Arm um den völlig überwältigten Fan und wartet, bis der seine Fotofunktion auf seinem Handy findet. In der Zwischenzeit verscheucht der Superstar alle Ordner, die den Flitzer abführen wollen. Eine gefühlte Ewigkeit später ist das Foto im Kasten und Ronaldo in den Augen mancher rehabilitiert.

Mikrofon-Ausraster: Vor dem entscheidenden letzten Gruppenspiel gegen Ungarn liegen bei Ronaldo die Nerven blank. Der Leidtragende: ein Reporter eines Fernsehsenders, mit dem Ronaldo schon länger Zoff hat. Als der Mann beim Mannschaftsspaziergang eine harmlose Frage stellt, schleudert Ronaldo das Mikro in einen nahe gelegenen See. 

Stark unter Druck: Die Portugiesen stehen gleich dreimal vor dem Aus, Ungarn geht beim 3:3 dreimal in Führung. Zweimal ist es Ronaldo, der für Portugal ausgleicht und die Seleccao so ins Achtelfinale rettet. Die Spötter müssen ihre Häme herunterschlucken.

Zweiter Akt: die Hauptrunde

Plötzlich aufgetaucht: Ronaldo ist im Achtelfinale gegen Kroatien 117 Minuten lang nicht zu sehen, bereitet dann aber den Siegtreffer vor. Portugal steht im Viertelfinale, ohne bis dato auch nur ein Spiel – zumindest nach 90 Minuten – gewonnen zu haben.

Freistöße: Seine Art, seine Freistöße in Cowboy-Manier zu zelebrieren, bringt die Leute noch heute auf die Palme. In der Regel ist die Aufregung umsonst, denn Ronaldo trifft sowieso nicht. Bei Europameisterschaften sind es jetzt sage und schreibe 43 Freistöße in Serie, die er nicht im Tor unterbrachte. Auch im Viertelfinale gegen Polen trifft Ronaldo nur einmal nach einem ruhenden Ball: im entscheidenen Elfmeterschießen.

Rekordjäger: Im Halbfinale gegen Wales gelingt Portugal endlich der erste, richtige Sieg bei dieser EM – 2:0 heißt es nach 90 Minuten. Ronaldo und Nani schießen die Südeuropäer ins Finale. Ronaldo zieht in der ewigen EM-Torschützenliste mit Michel Platini gleich, der wie Ronaldo neunmal traf. Der 31-Jährige ist zudem der erste Spieler, der bei vier Endrunden ein Tor erzielte.

Dritter Akt: das Finale

Schmerzen und Tränen: Bei einem Foul von Dmitri Payet (8. Minute) verdreht sich Ronaldo das Knie – und leidet vor einem Weltpublikum. Humpelnd versucht er es weiter, geht dann in den Sitzstreik, wird behandelt, versucht es noch einmal, geht erneut in den Sitzstreik und wird schließlich eine gute Viertelstunde nach dem Foul weinend vom Platz getragen.

Motten-Attacke: Zu allem Überfluss nimmt auch noch eine der Tausenden Nachtfalter, die an diesem Abend durch das Stade de France schwirren – die Betreiber hatten in der Nacht zuvor das Licht angelassen – auf Ronaldos Gesicht Platz, als dieser gerade in einem Tränenmeer versinkt. Die Motte wird zum heimlichen Star des Endspiels, in Windesweile werden bei Twitter Dutzende Accounts zu ihren Ehren erstellt.

Comeback als Trainer: Kurz vor Anpfiff der Verlängerung kommt Ronaldo plötzlich mit bandagiertem Knie zurück aus der Kabine. Der Offensivspieler entdeckt eine neue Rolle für sich und unterstützt den eigentlichen Trainer Fernando Santos tatkräftig. Der Vierte Offizielle ist vom hollywoodreifen Ronaldo-Thriller offenbar so gepackt, dass er Ronaldo gewähren lässt, wie der will. Selbst ein Ausflug in die Coaching Zone der Franzosen wird nicht geahndet. 

Happy End: Am Ende dieses für ihn so tränenreichen Abends erfüllt sich für Ronaldo dank seiner Kollegen doch noch der lang ersehnte Traum von einem Titel mit Portugal. Der eingewechselte Eder schießt in der 109. Minute das Tor das Abends, Ronaldo schubst seinen Trainer in seiner Jubel-Ekstase fast um. Wenig später darf er als Kapitän den EM-Pokal in den Nachthimmel über Paris recken.

Für Ronaldo schließt sich damit der Kreis. Zwölf Jahre nach seinem ersten EM-Finale, das er 2004 mit Portugal bei der Heim-EM verlor, darf er endlich mit der Nationalmannschaft jubeln. "Er hat immer daran geglaubt, dass heute die Nacht der Nächte, unsere Nacht war", soll Trainer Santos später sagen. Mit 21 Einsätzen ist Ronaldo nun auch alleiniger EM-Rekordspieler.

(areh)
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