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Ronaldo gegen Bale
Der Buhmann und der Liebling

Cristiano Ronaldo gegen Gareth Bale: Der Buhmann und der Liebling
Cristiano Ronaldo und Gareth Bale sind die teuersten Fußball-Profis der Welt. FOTO: dpa, sam hpl
Düsseldorf. Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, Teamkollegen bei Real Madrid, treffen mit Portugal und Wales am Mittwoch im Halbfinale aufeinander. Von Bernd Jolitz

Sie verdienen ihr Geld beim selben Klub. Sie sind beide extrem schnelle Außenstürmer - die ihren jeweiligen Nationalmannschaften zuliebe jedoch oft auf andere, ungeliebte Positionen ausweichen müssen. Sie sind die teuersten Fußball-Profis der Welt. Sie stellen sich auf die gleiche Weise zum Ball, bevor sie einen Freistoß ausführen - wie ein Sheriff in einem Western der 1950er-Jahre. Doch trotz all dieser Gemeinsamkeiten lieben es die internationalen, vor allem aber die deutschen Medien, aus Gareth Bale und Cristiano Ronaldo einen krassen Gegensatz zu konstruieren. Hier der volkstümliche, mannschaftsdienliche Waliser, dort der eitle, egozentrische Portugiese.

In diesen Tagen gerät die Diskussion um den vermeintlichen Kampf der Fußball-Kulturen immer stärker in den Vordergrund, und Anlass dafür ist der Spielplan der EM. Am Mittwoch um 21 Uhr tragen Wales und Portugal in Lyon das erste Halbfinale aus, und die Teamkameraden beim Champions-League-Sieger Real Madrid sind die wichtigsten Akteure ihrer Nationalteams.

Aber ist der eine deshalb wirklich der Gegenentwurf zum anderen, ist der eine der gute und der andere der böse Sheriff? Tatsächlich ist es wie meistens im Leben: Es ist was dran an diesem öffentlichen Image - aber weit weniger, als es viele Betrachter gern hätten. Das beginnt schon damit, dass Bale und Ronaldo zwar Rivalen im Rennen um den inoffiziellen Titel des teuersten Profis der Welt sind, vor allem aber sind sie zwei Weltstars, die einander sehr schätzen und den Wert des anderen für den gemeinsamen Arbeitgeber einzuschätzen wissen.

"Die Medien machen sehr viel aus Dingen, die für uns keine Bedeutung haben, aber wir kommen gut damit klar", sagte Gareth Bale vor einigen Wochen in einem Interview mit der Londoner "Times" und führte weiter aus: "Cristiano und ich hatten niemals ein Problem miteinander. Ich hatte noch nie einen Streit oder auch nur eine Auseinandersetzung mit ihm." Warum der Waliser, der am 16. Juli 27 Jahre alt wird, dieses Thema überhaupt aufgreift, erklärt sich schon bei einem schnellen Streifzug durchs Internet. Da schreiben einige Portale über angebliche Mobbing-Aktionen Ronaldos gegen Bale, er habe seinen Mannschaftskollegen unter anderem wegen dessen derzeit noch etwas brüchigen Spanisch gehänselt. Und bei Twitter finden sich sogar - interessanterweise ohne einen Ansatz von Belegen - Zitate wie eines, in dem Ronaldo Bale als "Hurensohn" bezeichnet habe.

Der gebürtige Cardiffer schüttelt über solche Latrinenparolen nur den Kopf. Zum Beispiel in Sachen Sprachmobbing. "Cristiano spricht Englisch, das hat mir sehr geholfen, als ich zu Real gekommen bin", sagte er der "Times" und ergänzte: "Wir haben außerdem gemeinsam, dass wir in der Premier League gespielt haben. Wir kommen gut miteinander zurecht."

Auf dem Platz sowieso. Nach einem völlig verkorksten Saisonstart war Real in der Primera División frühzeitig nahezu aussichtslos hinter die Konkurrenten FC Barcelona und Atlético Madrid zurückgefallen. Vor allem den beiden Superstars war es zu verdanken, dass die Aufholjagd der Königlichen fast noch zum spanischen Titel geführt hätte. In der Champions League hielten die Madrilenen sich dann schadlos, holten mit einem 6:4 nach Elfmeterschießen über Atlético zum elften Mal die Krone des europäischen Vereinsfußballs. Nur durch das Zusammenwirken der beiden Top-Angreifer war dieser Coup möglich. Doch prägender als diese Gemeinsamkeit ist die Diskrepanz in der öffentlichen Wahrnehmung - und daran ist "CR7" natürlich nicht ganz schuldlos. Kein anderer Fußballprofi polarisiert wie er, keiner bringt einen so großen Teil des Publikums so schnell und so stark gegen sich auf wie er. Das liegt vor allem an seinem Verhalten auf dem Platz: wie er sich aufregt, wenn ein Schiedsrichter nicht nach seinen Wünschen entscheidet, wie er lamentiert, wenn ein Mitspieler ihm den Ball nicht genau genug zuspielt, wie er sich vor jedem Freistoß in stets gleicher Haltung inszeniert, wie extrovertiert er einen Treffer feiert und gern seinen muskulösen Körper zeigt.

Das alles basiert darauf, dass Ronaldo ein eitler Mensch ist, und weil das viele Betrachter stört, gipfelt das schon einmal in medialem Unfug wie vor ein paar Tagen, als kolportiert wurde, CR7 freue sich nur über eigene Treffer, nicht über solche portugiesischer Kollegen. Dass sogar Fernsehbilder das Gegenteil beweisen, fällt dann ebenso unter den Tisch wie die ausgeprägte soziale Ader des Real-Stars. Die Eitelkeit tritt bei Bale nicht so stark zu Tage. Er zeigt das nahezu identische Ritual vor einem Freistoß wie sein portugiesisches Pendant, weil die beiden nach den Trainingseinheiten in Madrid ungezählte Extraschichten mit dem Üben von Standardsituationen gemeinsam verbracht haben. Bei ihm regt sich jedoch niemand darüber auf.

"Gareth ist ein ruhiger Typ. Ich denke, er kann sogar von Ronaldo lernen, vielleicht ein wenig mehr aus sich herauszukommen", sagt Bales Berater Jonathan Barnett über seinen Schützling. Womöglich ist das Freistoß-Ritual dazu der erste Schritt. Doch unabhängig davon, ob der stille Waliser irgendwann auch einmal so unter Beobachtung gerät wie Ronaldo, ist die Rolle der beiden innerhalb ihrer Mannschaften gar nicht so unterschiedlich.

"Cristiano ist der größte und professionellste Spieler, den ich jemals erlebt habe", sagte sein früherer Real-Teamkollege Christoph Metzelder dem Magazin "11 Freunde". "In der Kabine ist er ein Spaßvogel. Ob Zeugwart, Busfahrer oder Mitspieler - alle werden von ihm gleich behandelt." Ähnliches hört und liest man von fast allen, die je mit Ronaldo zusammenspielten - nur passt für die meisten das Etikett "Teamplayer" eben viel besser zu Bale und seinen Überraschungs-Walisern.

Quelle: RP
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