| 12.41 Uhr

Portugals Superstar
Cristiano Ronaldo schreibt mehr Geschichten als alle zusammen

Ronaldo steht in der Luft und köpft ein
Ronaldo steht in der Luft und köpft ein FOTO: dpa, kno
Düsseldorf. Bereits vor dem Halbfinale gegen Wales kamen sie wieder aus ihren Löchern: all die zahlreichen Ronaldo-Hasser, die ihre Abneigung gegenüber dem streitbaren Superstar auslebten. Keine Frage, der dreimalige Weltfußballer polarisiert ja auch wie kaum ein anderer seiner Zunft. Von Andreas Reiners

Es ist wohl seine Aura aus selbstverliebtem Pfau, sich selbst inszenierendem Egomanen und filigranem Frisuren-Fetischisten. Ein Schönling, der mit überbordendem Selbstbewusstsein, zur Schau getragener Eitelkeit und übertriebener Theatralik ein Stück weit selbst eine Steilvorlage zu all dem Sermon gibt, der über ihn so abgelassen wird.

Sie wollen ihn weinen, sie wollen ihn am Boden sehen, sie überschütten ihn bei jedem Fehlschuss mit Häme. So sehr, dass es inzwischen nervt. Gleichzeitig würden alle Ronaldo-Basher selbst heimlich trauern, wenn der Portugiese ihre Abneigung nicht mehr befeuern, keine Geschichten mehr liefern würde.

Denn das ist es, was er tut. Ronaldo liefert. Er unterhält. Ronaldo hat während der EM so viele Geschichten geschrieben wie einige andere Mannschaften zusammen. Unter dem Strich würde der Portugiese von den Schlagzeilen her als 25. EM-Team durchgehen.

Auftakt gegen Island: So kennen wir ihn. Lamentierend, den Tränen nah, verzweifelt, zutiefst beleidigt. Dazu ein Arroganz-Anfall der portugiesischen Primadonna. Erst verweigert er Aron Gunnarsson den Trikottausch, dann prophezeit er, dass Island bei der EM sowieso nichts erreichen werde. Merke also: Als Experte taugt der 31-Jährige mal so gar nicht. Als Liebling der Massen auch nicht. Oder?

Flitzer-Freund: Nach einem abermals enttäuschenden 0:0 gegen Österreich inklusive verschossenem Elfmeter versteht die halbe Welt die Welt nicht mehr. Ronaldo nimmt einen Flitzer in den Arm und wartet geduldig, bis der seine Fotofunktion auf seinem Handy findet. In der Zwischenzeit verscheucht der Superstar alle Ordner, die sich dem Duo nähern wollen. Eine gefühlte Ewigkeit später ist das Foto im Kasten, tausende Herzen sind gewonnen. Haben wir uns alle getäuscht?

Mikrofon-Ausraster: Vor dem entscheidenden letzten Gruppenspiel gegen Ungarn setzt Ronaldo ein nonverbales Zeichen. Schon länger liegt er mit einem TV-Sender im Clinch. Als der beim Spaziergang eine harmlose Frage stellt, befördert Ronaldo das Mikro in den nahe gelegenen See. Fans des 31-Jährigen würden nun sicher anmerken, dass der Portugiese darauf spekulierte, dass der Sender das Mikro durch Taucher bergen lassen und anschließend für einen guten Zweck versteigern würde – so kam es tatsächlich. Genervte, angeschlagene und launische Diva kurz vor dem EM-Aus trifft es da wohl besser.

Torjäger: Feixend dürften die "Feinde" Ronaldos vor dem TV gesessen haben, als Portugal im letzten Gruppenspiel gegen Ungarn zeitweise endgültig vor dem Aus steht. Zweimal gleicht er aus und rettet durch das 3:3 seine Mannschaft ins Achtelfinale. Bei aller Angriffsfläche, die er menschlich durchaus bietet: Der Mann ist da, wenn man ihn braucht.

Unsichtbar: Zur Stelle ist er auch im Achtelfinale gegen Kroatien, auch wenn er eigentlich gar nicht anwesend ist. 117 Minuten lang taucht er ab, dann bereitet er mit dem ersten Schuss aufs Tor an diesem Abend den Siegtreffer durch Ricardo Quaresma vor. Nach dem Abpfiff zeigt er wieder seine weiche Seite, als er seinen kroatischen Real-Teamkollegen Luka Modric tröstend in den Arm nimmt.

Freistöße: Seine Art, seine Freistöße in Cowboy-Manier zu zelebrieren, bringt die Leute noch heute auf die Palme. Ihre Kritik ist nicht ganz unverständlich. Denn trotz des Boheis, den er um die Standards veranstaltet, trifft er kaum noch. Bei Europameisterschaften sind es jetzt sage und schreibe 43 Freistöße in Serie, die er nicht im Tor unterbrachte. Viel Lärm um nichts also. Der ist dafür umso lauter, wenn sich die Chefkritiker an dieser Statistik eifrig abarbeiten.

Rekorde: Mit dem Finaleinzug stellt Ronaldo mal wieder neue Bestmarken auf. Er ist EM-Rekordspieler mit 20 Einsätzen, dazu Rekordtorschütze gemeinsam mit Michel Platini, der wie Ronaldo neunmal traf. Ronaldo ist zudem der erste Spieler, der bei vier Endrunden ein Tor erzielte und kam als erster Profi überhaupt in drei verschiedenen EM-Halbfinals zum Einsatz. "Gebrochene Rekorde sind etwas Schönes, ich habe schon viele zuvor gebrochen. Aber das kommt ganz natürlich. Das Wichtige war, das Finale zu erreichen", sagte Ronaldo.

Immer wieder Ronaldo: Portugal ist Ronaldo. Oder ist Ronaldo Portugal? Die Selecao wird oft auf ihren Superstar reduziert, was angesichts seines Gehabes auch nur die logische Konsequenz ist. Es ist aber auch Fakt, dass Ronaldo die meisten Aktionen hat. Im Laufe des Turniers gab er 45 Torschüsse ab, so viele wie die gesamte italienische Mannschaft in fünf Spielen. Er hat aber gelernt, damit umzugehen, dass es noch zehn weitere Portugiesen auf dem Platz gibt. Geben muss.

"Portugal besteht nicht nur aus mir. Natürlich sind wir ein Team, ein Nationalteam, eine Einheit. Ich habe versucht, so viel ich kann zu helfen, zu kämpfen, in der Abwehr zu helfen, ich habe alles gegeben. Es war eine großartige Teamarbeit, die Spieler haben hart gekämpft und für einen Sieg braucht man 23 kämpfende Spieler", meinte Ronaldo .

Timing: Das Halbfinale gegen Wales ist ohne Frage sein Spiel. Erst das nächste Selfie, diesmal mit einem jugendlichen EM-Helfer. Ein zweiter stellt sich anschließend dreist zum offiziellen Mannschaftsfoto, Ronaldo kommt aus dem Lachen nicht heraus und nimmt ihn in den Arm. Die Imagewerte steigen wieder. Auch, als er seinen Real-Teamkollegen Gareth Bale nach dem Schlusspfiff tröstet.

Sportlich kann es kaum besser laufen. Er kommt langsam in Schwung, entscheidet das Real-Duell mit Bale für sich, köpft in "Air Jordan"-Manier das 1:0 und bereitet das 2:0 vor. Und das alles an dem Tag, an dem Lionel Messi wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird. Manche Geschichten sind sogar für Ronaldo fast schon zu kitschig.

(are)
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