| 18.43 Uhr

In Paris aufgewachsen
Für Portugals Guerreiro ist das EM-Finale ein Heimspiel

EM 2016: Borussia Dortmunds Neuzugang Raphael Guerreiro spielt Finale vor der Haustür
Für Raphael Guerreiro wird das EM-Finale fast eine Heimkehr. FOTO: dpa, ss
Saint-Denis. Vater Portugiese, Mutter Französin: Der künftige Dortmunder Raphael Guerreiro steht mit Portugal im EM-Finale, hätte aber auch für den Gegner auflaufen können.

Raphael Guerreiro spricht noch immer kaum ein Wort Portugiesisch. Sein gesamtes Leben hat der künftige Dortmunder in Frankreich verbracht, im EM-Finale am Sonntag läuft der 22-Jährige aber für den Gegner auf. "Im Finale in Frankreich das Trikot von Portugal zu tragen - das wird irgendwie verrückt", sagt der Linksverteidiger vor dem Endspiel im Stade de France (21.00 Uhr/Live-Ticker).

Guerreiro hat einen portugiesischen Vater und eine französische Mutter. Der Linksfuß hätte also auch für den Gegner auflaufen können, anstelle von Patrice Evra. Lange überlegen musste der Fan des Rekordmeisters Benfica Lissabon allerdings nie. "Das war meine ganz eigene Entscheidung. Weder meine Familie noch mein Berater haben mich bei der Wahl beeinflusst", sagt er.

Französische Herkunft

Geboren und aufgewachsen ist Guerreiro im Pariser Vorort Le Blanc-Mesnil, einem der Zentren der Unruhen in Frankreich im Oktober und November 2005. Von dort sind es keine zehn Kilometer bis zum Stade de France, eine weitere Pointe seiner ungewöhnlichen Geschichte. "Mein Zuhause ist nicht weit entfernt. Für mich und meine Familie wird das Spiel etwas ganz Besonderes", sagt Guerreiro.

Alleine ist Guerreiro mit seiner Geschichte nicht, nicht einmal im portugiesischen Team. Auch Mittelfeldspieler Adrien Silva und Torwart Anthony Lopes sind in Frankreich geboren und haben einen portugiesischen Vater. Insgesamt leben etwa 750.000 Portugiesen und 1,25 Millionen portugiesischstämmige Menschen in Frankreich. Nicht ohne Grund sprechen viele Medien von einem "Derby" im Finale.

Vorfreude in Dortmund

In Dortmund dürfte die Vorfreude auf Guerreiro groß sein. Spätestens seine präzise Flanke auf den Torschützen Cristiano Ronaldo im Halbfinale gegen Wales (2:0) ließ die Fans erahnen, warum der Vizemeister zwölf Millionen Euro an den FC Lorient überwies. "Raphael Guerreiro ist ein technisch versierter Spieler, der sich auf mehreren Positionen zu Hause fühlt. Wir sind sehr froh, dass er sich für Borussia Dortmund entschieden hat", hatte Sportdirektor Michael Zorc betont.

Der Wechsel zum Champions-League-Teilnehmer ist der nächste Schritt in einer Karriere, die auch ganz anders hätte verlaufen können. Im Alter von zwölf Jahren zog er zusammen mit Paul Pogba (Juventus Turin) und Raphael Varane (Real Madrid) in die berühmte Akademie des französischen Fußball-Verbandes in Clairefontaine. Doch während sich Pogba und Varane für die Equipe tricolore entschieden, folgte Guerreiro seinem Herzen.

Vor drei Jahren lief Guerreiro erstmals für Portugals U21 auf, im November 2014 folgte das Debüt in der Nationalmannschaft. Durch sein taktisch kluges Verhalten kompensierte er auch seine körperlichen Nachteile. "Ich war immer kleiner als die anderen in meiner Mannschaft, aber das war nie ein Problem für mich", sagte Guerreiro, "ich habe andere Wege gefunden, um mitzuhalten."

Diese Wege führen ihn am Sonntag nach St. Denis. Es ist fast eine Heimkehr.

(sid)
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