| 21.17 Uhr

Hooligans bei der EM
Die Uefa hat die Rote Karte gegen Russland schon in der Hand

Russische Hooligans stürmen England-Block
Russische Hooligans stürmen England-Block FOTO: ap, AF FP
Paris. Die Uefa droht Russland ganz konkret mit dem Ausschluss, doch auch die letzte Ermahnung lässt die Provokateure kalt: Ein bekannter Rechtsaktivist reist mit russischer Akkreditierung durch Frankreich, ein hochrangiger Funktionär fordert weitere Opfer, Dutzende Hooligans rüsten sich schon für die nächsten Ausschreitungen.

"Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Eher im Gegenteil. Bravo, Jungs. Macht weiter so!", twitterte Igor Lebedew, ein Vorstandsmitglied des russischen Verbandes RFS. Eigentlich unfassbar. Zeitgleich kämpft einer der britischen Fans, die am vergangenen Samstag bei den schweren Krawallen in Marseille schwer verletzt wurden, weiter um sein Leben. Von den Tätern fehlt weiter jede Spur.

Die russische Nationalmannschaft muss auch deshalb mehr denn je drastische Sanktionen fürchten. Für die Krawalle nach dem 1:1 gegen England im Stadion verhängten die Uefa-Richter einen Ausschluss auf Bewährung. Heißt: Fliegen in einem der Stadien, in denen Russen bei der EM noch spielen werden, wieder die Fäuste, ist die Sbornaja raus.

Pressestimmen zur Fangewalt in Marseille FOTO: afp

Russlands Nationaltrainer Leonid Sluzki rechnet nicht mit einem EM-Ausschluss seiner Mannschaft. "Wir sind sicher, dass wir nicht rausgeworfen werden", sagte der Coach: "Unsere Fans werden keinen Grund für einen Ausschluss liefern."

Am Dienstag verzeichnete die französische Polizei einen Teilerfolg: Die Behörden nahmen in Südfrankreich 43 russische Staatsbürger in Gewahrsam, die in Verbindung mit der "Schande von Marseille" stehen könnten. Die Reisegruppe wollte sich offenbar auf den Weg nach Lille machen, wo Russland am Dienstag (15 Uhr/Live-Ticker) gegen die Slowakei spielt. Sechs Russen waren bereits am Vormittag festgesetzt worden, ihnen droht die Ausweisung.

Aufeinandertreffen mit englischen Hooligans droht

Alle wird die Polizei aber kaum erwischen können, die russischen Hooligans sind offenbar perfekt organisiert und kampferfahren. Deshalb droht am zweiten Gruppenspieltag der nächste Schlagabtausch mit viele Verletzten: Lens, wo einen Tag nach dem Spiel der Russen gegen die Slowaken England auf Wales trifft (15 Uhr/Live-Ticker), ist gut eine halbe Stunde mit dem Auto von Lille entfernt. Bereits am Dienstag gingen in der Innenstadt Briten und Russen aufeinander los. Die Polizei war aber schnell zur Stelle.

Laut der Nachrichtenagentur AFP saßen die britischen Fans vor und in einem Café, sangen lautstark und tranken, als Vermummte begannen, mit Flaschen und Stühlen zu werfen. Einige trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Orel Butchers" - einer Ultravereinigung von Lokomotive Moskau.

Englische Fans randalieren in Marseille FOTO: afp

Aufgrund der zahlreichen Ausschreitungen gilt in Lille deshalb ein Alkoholverbot, die 350 Bars machen Mittwochnacht dicht. 

"Auf eine solche Chance habe ich zehn Jahre gewartet. 120 Russen haben 2000 Engländer in die Flucht geschlagen, und die ganze Welt hat es gesehen", sagte ein russischer Hooligan, der unerkannt bleiben wollte, der französischen Nachrichtenagentur AFP in einem Interview in Moskau: "Wir sind hingegangen und haben gezeigt, dass die Engländer Mädchen sind."

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow und verurteilte die Ausschreitungen in Südfrankreich als "absolut unakzeptabel". Russland richtet 2018 die WM aus - für den allmächtigen Staatschef Waldimir Putin ist die Frankreich-Krise deshalb ein PR-Desaster.

Erst Hitler-Gruß, dann offizielle Akkreditierung

Die russische Delegation in Frankreich scheint das nicht zu kümmern. Laut des britischen Guardian reist der bekannte Rechtsaktivist Alexander Schprygin, Gründer einer sehr zweifelhaften Fan-Vereinigung und in der Vergangenheit unter anderem mit dem Hitler-Gruß aufgefallen, mit einer offiziellen Akkreditierung des Riesenreichs durch Frankreich. Er ist Lebedews Assistent.

Und für den Funktionär sind nicht die Fans Schuld an dem, was in Marseille und anderen französischen Städten geschehen ist, sondern die Unfähigkeit der Veranstalter. Lebedew kritisierte "die Politiker und Funktionäre, die unsere Fans verurteilen".

Die Organisatoren kritisierte auch Greg Dyke, der Vorsitzende des englischen Verbandes (FA). Die Sicherheitsmaßnahmen seien "inakzeptabel" gewesen, schrieb Dyke in einem Brief an die Uefa. Er habe deshalb "große Bedenken" angesichts des Sicherheitskonzepts für die nächste Partie gegen Wales, bei der 40.000 bis 50.000 Fans aus Großbritannien erwartet werden.

Stürmer Artjom Dschjuba verteidigte indes die russischen Fans vehement und warf den britischen Medien politisch motivierte Berichterstattung vor. "Das ist wahrscheinlich", antwortete der Angreifer von Zenit St. Petersburg auf eine entsprechende Frage: "Wir sehen ja, worüber die britischen Medien sprechen. Sie sprechen über die WM 2018 und dass sie Russland vielleicht weggenommen werden muss." England hatte sich ebenfalls um die Ausrichtung der WM 2018 beworben, die im Dezember 2010 an Russland vergeben wurde.

Die Darstellung der Krawalle von Marseille sei einseitig. "Ich verstehe die britischen Medien nicht, die die englischen Fans als Engel darstellen. Es ist eine 50/50-Sache. Es sind nicht nur Russen schuld", sagte Dschjuba.

Auf den Einwand, dass es Videos und eindeutige Angaben der Polizei zu den Gewalttaten russischer Hooligans gebe, antwortete er: "Wir sehen nur Ausschnitte. Sie haben Informationen der französischen Behörden, ich habe andere Informationen." Außerdem wolle er über Sport sprechen: "Wir wollen keine Politik im Fußball, lasst uns über Fußball reden und nicht über Straßenschlachten."

Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (65) hat sich derweil trotz der offiziellen Uefa-Warnung gegen einen EM-Ausschluss ausgesprochen. "Wie sollen Verbände verhindern, wenn ihre Hooligans, die meist noch nicht einmal eine Karte fürs Stadion haben, in der Stadt randalieren?", fragte Niersbach, der im Uefa-Exekutivkomitee sitzt, in der "Sport Bild".

(areh/sid)
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