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Einwürfe bei der EM
Solides Handwerk

EM 2016: Einwürfe funktionieren als taktisches Mittel
Richtig oder falsch? Unsere Grafik gibt Aufschluss über die Regeln beim Einwurf. FOTO: RP
Düsseldorf. Der Einwurf als taktisches Mittel, als eine Art Flanke, hat schon Tradition. Auch bei der EM werden aus Einwürfen oft Flanken. Dabei werden die neuen Regeln nicht immer befolgt. Von Gianni Costa und Eckhard Czekalla

Das Betreuerteam der Isländer hat im ersten Spiel gegen Portugal ein paar Mal das weiße Handtuch geworfen. Das war allerdings keineswegs als Zeichen der Aufgabe gedacht. Es diente Aron Gunnarsson vielmehr dazu, den Ball abzutrocknen, um ihn besser fassen zu können.

Auf diese Weise kann der Mittelfeldakteur das Spielgerät 30, 40 Meter weit werfen. Er stellt damit die Gegner oft vor stattliche Probleme. Die Portugiesen jedenfalls wirkten ein paar Mal recht überrumpelt. Gunnarsson, aus dessen Heimat viele erfolgreiche Handballer stammen, hat wie im Lehrbuch vorgeführt, wie man einen Einwurf richtig ausführt.

Im Regelwerk des Fußballweltverbands (Fifa) beschäftigt sich ein eigenes Kapitel mit dem Einwurf. Das Gesicht zum Spielfeld, mit beiden Füßen außerhalb des Spielfeldes, beide Hände aktiv gebrauchen und den Ball von hinten über den Kopf werfen – so lauten die Vorgaben. Klingt insgesamt machbar. Doch viele Fußballer werfen bewusst falsch. Etwa der Pole Lukasz Piszczek. Der Verteidiger des Bundesligisten Borussia Dortmund nutzt nur eine Hand zum Einwurf. Die andere dient lediglich dazu, den Ball zu stabilisieren. Eine Methode, die mehr Weite bringt, aber nicht erlaubt ist. Die Übeltäter werden indes nur selten vom Schiedsrichter zurückgepfiffen.

Der Einwurf als taktisches Mittel, als eine Art Flanke, hat allerdings schon Tradition. Im Schnitt alle zwei Minuten kommt es bei einem Bundesligaspiel zum Einwurf. Der darf, im Gegensatz zu einem Freistoß, nur nach vorne, in die Mitte oder nach hinten geworfen werden. Statt eines 360 Grad-Winkels stehen nur 180 zur Verfügung, das Spiel fortzusetzen. Wirklich brenzlig aber wird es erst, wenn der "Tatort" in Strafraumnähe liegt.

Als Uwe Reinders den Ball ins Tor warf

Uwe Reinders war einer der Ersten, die den Einwurf populär machten. Bei seiner Bundesliga-Premiere am 21. August 1982 verschätzte sich Bayern Münchens Schlussmann Jean Marie Pfaff kurz vor der Pause. Den vom damaligen Bremer Profi geworfenen, vor ihm aufspringenden Ball konnte er nur mit den Fingerspitzen berühren und ins eigene Tor zum 0:1-Endstand lenken. Hätte der Belgier die Finger weggelassen, wäre es kein Treffer gewesen, weil ein Einwurf nicht direkt zum Tor führen kann.

Einer, dessen Einwürfe beim Gegner mitunter große Hektik auslösten, war Harald Katemann. "Schleuder-Harry", so sein Spitzname, war der anerkannte Experte für Einwurf-Flanken. Fast 50 Meter warf der Bocholter, der von 1994 bis 1999 bei Fortuna Düsseldorf unter Vertrag stand, die Kugel. "Zu meiner Profizeit hat es mich manchmal genervt, wenn man immer auf die Einwürfe reduziert wurde. Heute kann ich darüber lachen. Immerhin bin ich vielen Menschen so in Erinnerung geblieben", sagt der heute 44-Jährige, der seit 2008 Trainer ist.

Katemann hat Einwürfe nicht trainiert

Spezielles Training hat Katemann für sein Handwerk nicht gemacht. Ein Einwurf, der knapp einen Monat später den Weltmeister Andreas Brehme in Tränen ausbrechen ließ, glückte Katemann am 10. April 1996. Düsseldorf, ebenfalls im Kampf um den Klassenerhalt, hatte gegen den 1. FC Kaiserslautern gerade das 1:1 erzielt, als der Fortune zur Tat schritt. Der Ball landete nach seinem Flug auf dem Kopf von Brehme, der ihn unhaltbar in den Winkel des Tores verlängerte - allerdings des eigenen. Die Pfälzer verloren mit 1:2 und mussten gut einen Monat später absteigen. Nach dem 1:1 in Leverkusen versuchte Bayers Stürmer Rudi Völler vergeblich, seinen Nationalmannschaftskollegen zu trösten.

Es gibt allerdings nicht nur den "normalen" Bewegungsablauf, den Ball von der Seitenlinie ins Spiel zurückzubringen. Es gibt auch Akrobaten, die nach einem Anlauf den Ball in den Händen haltend vor sich auf den Boden pressen, dann einen Überschlag vorwärts machen, mit beiden Beinen vor der Seitenlinie aufkommen und stehen bleiben und den Schwung durch das Aufrichten des Oberkörpers zu einem weiten Einwurf nutzen. Doch diese akrobatische Variante wird nicht sehr oft gezeigt.

Eigentlich dient der Einwurf lediglich dazu, das Spiel wieder in Gang zu bringen. Es wird allein Wert darauf gelegt, dass der Ball einen Mitspieler erreicht und dadurch eine eigene Aktion eingeleitet werden kann. Deshalb macht sich kaum ein Spieler einen Kopf, wenn der Ball die Seitenlinie überquert. Erst wenn das Spiel sich in die gefährlichen Regionen verlagert, steigt die Aufmerksamkeit, wird versucht, den Ball nicht ins Aus, sondern möglichst nach vorne zu schießen.

Gunnarsson, Piszczek, Reinders, Katemann und ihre Kollegen sorgen und sorgten als Handballer im Fußballtrikot für Gefahr. "Ich sach mal, es ist halt so, ich sach mal, ich spiele auch Fußball. Ich habe da keine Probleme mit", sagte der auf Einwürfe reduzierte Katemann. Er hatte keine Probleme, die gegnerische Mannschaft aber schon.

Und die "Einwurf-Flanke" wird weiter für viel Hektik in den Strafräumen der Fußballplätze sorgen.

Quelle: RP
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