| 10.15 Uhr

K.o. gegen Island
Demütigung für England

Die Fehlergalerie der englischen Nationaltorhüter
Die Fehlergalerie der englischen Nationaltorhüter FOTO: afp
Nizza/Düsseldorf. Das Aus im Achtelfinale gegen den krassen Außenseiter Island schockt die Fußballnation England. Torhüter Joe Hart entschuldigt sich für seine Patzer. Trainer Roy Hodgson übernimmt die Verantwortung und tritt zurück. Von Patrick Scherer

Sehnsuchtsgeplagt schaut Joe Hart auf die andere Seite des Spielfelds. Am Boden sitzend muss er zusehen, wie die gegnerischen Spieler ausgelassen mit ihren Fans feiern. Im direkten Umfeld des Torhüters liegen seine englischen Teamkollegen auf dem Rasen. Traurig, enttäuscht, im Klaren darüber, was nun auf sie einprasseln wird. Wieder ist England bei einem großen Turnier gescheitert. 1:2 im Achtelfinale. Schlimm genug. Dass der Gegner Island hieß, verschärft die Gemengelage in der Heimat. "Die schlimmste Niederlage unserer Geschichte. England wird von einem Land mit mehr Vulkanen als Profi-Fußballern geschlagen", gibt Ex-Nationalspieler Gary Lineker zu Protokoll. Es ist noch eine eher harmlose Variante der Kritik aus dem Mutterland des Fußballs.

Ein Blick in die sozialen Netzwerke offenbart: Das Volk will einen Schuldigen. Der Trainer ist dabei als natürliches Ziel auserkoren. Roy Hodgson kommt einer wahrscheinlichen Entlassung zuvor, tritt wenige Minuten nach dem Aus als Nationaltrainer zurück. Über den Stil der Verkündung wird ebenfalls diskutiert: Hodgson verliest nur eine vorbereitete Stellungnahme - flüchtet dann vor den Fragen der Journalisten. Die bleiben weiter unbeantwortet. Die offenkundigste: Warum hat das Team seine Form aus der souveränen Qualifikationsrunde mit zehn Siegen in zehn Spielen nicht zur EM transportieren können?

Erklärungen für das Versagen liefern auch die Spieler nicht. Torhüter Joe Hart übernimmt immerhin Verantwortung und gibt seine Fehler zu. "Ich bin verantwortlich für zwei der Tore, die wir im Turnier bekommen haben. Ich entschuldige mich dafür, dass ich unsere Niederlage und das Aus verschuldet habe. Ich habe meine Leistung nicht gebracht", sagt der 29-Jährige. Der Schlussmann von Manchester City ließ den laschen Schuss von Kolbeinn Sigthorsson zum 1:2 durchrutschen. In der Vorrunde hatte er einen haltbaren Freistoß des Walisers Gareth Bale passieren lassen. Hart ergänzt: "Es ist ein wirklich harter Moment in unseren Karrieren. Hoffentlich werden die Wunden schnell verheilen."

Wie schon in den Vorrunden-Partien wusste die zweitjüngste Mannschaft des Turniers gegen Island ihre Dominanz nicht zu nutzen und schied am Ende hilf-, kraft- und einfallslos völlig verdient aus. Seit mehr als einem Jahrzehnt wartet England nun auf einen Sieg in der K.o.-Runde eines großen Turniers. Noch nie haben die Three Lions außerhalb Englands ein EM-Endrunden-Match gewonnen, in dem es ums Weiterkommen ging.

Rooney sucht nicht nach Ausreden

Wayne Rooney steht ebenfalls im Kreuzfeuer teilweise ausufernder Kritik. Der Kapitän sucht keine Ausflüchte. "Es ist beschämend für uns. Wir sind alle bitter enttäuscht. Wir wissen, dass wir die Verantwortung dafür tragen", sagt er. Persönliche Konsequenzen schließt der 30-Jährige aus: "Ich habe es schon vor dem Turnier gesagt, dass ich stolz bin, für England zu spielen und es weiter tun will."

Von Hoffnung ist nach dieser Demütigung freilich nichts zu spüren. Wenn die Niederlage aber in absehbarer Zeit verdaut ist, wird England einen Schlachtplan zur WM 2018 in Russland erarbeiten. Der Fokus wird mit Sicherheit darauf liegen, dass im Kader viele Spieler mit Entwicklungspotenzial stehen. Eric Dier (22), Dele Alli (20) und Harry Kane (22) ließen ihr Talent aufblitzen. Marcus Rashford (18) steht ganz am Anfang seiner Karriere. Nun geht es darum, für diese aufstrebenden Talente einen Trainer zu finden, der ihnen Konzept und Nervenstärke vermitteln kann.

Gareth Southgate, derzeit U 21-Coach der Engländer, gilt als Favorit auf die Nachfolge Hodgsons. In Deutschland ist der 57-malige Nationalspieler vor allem durch seinen Fehlschuss im Elfmeterschießen des EM-Halbfinals 1996 bekannt, als England in Wembley gegen den späteren Titelträger Deutschland verlor. Damals hatte England aber immerhin zuvor mal ein K.o.-Spiel gewonnen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

EM 2016: England von Island gedemütigt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.